Burg l Es geht ihm nicht um Rache. Auch nicht um die Schuld. Was Volkmar Jenig sucht, sind Antworten. Warum er in den Jugendwerkhof musste. Warum man ihn so schlecht behandelt hat. Warum ein großer Teil seiner Akten bis heute fehlt und er dadurch den Behörden keinen lückenlosen Lebenslauf liefern kann. Lücken, die für seine Rente wichtig sind und auch für die Beantragung von Entschädigungsleistungen für erlittenes DDR-Unrecht. Ohne Nachweis keine Entschädigung. Und so lange das so ist, wird Volkmar Jenig weiter in der Vergangenheit suchen. Und er wird seine Stimme erheben. Laut und bestimmt, „damit wir Heimkinder endlich erhört werden“.

Allerdings, erhört werden die Heimkinder der DDR bereits. Seit 2012 gibt es den Fonds „Heimerziehung in der DDR“, der sich um Entschädigungsleistungen kümmert. Bis zu 10. 000 Euro können Betroffene aus dem Fonds zur „Überwindung der Folgeschäden“ erhalten. Es gibt Therapie- und Beratungsangebote, die auch dann noch weiterlaufen sollen, wenn die Frist für den Fonds abgelaufen ist.

Aber das reicht Volkmar Jenig nicht. Er will die Erinnerung an die Jugendwerkhöfe der DDR aufrecht erhalten. Sie lebendig und für die heutige Generation verständlich machen, „damit sich sowas niemals wiederholt“, sagt er. Eine Gedenkstätte schwebt ihm vor. Eine Anlaufstelle für alle, die sich für diesen Teil der Geschichte interessieren. Und auch für jene, die diese Vergangenheit noch aufarbeiten müssen, weil sie das bisher noch nicht geschafft haben. Und wo, wenn nicht auf dem alten Gelände des Gutes Lüben, wo der Jugendwerkhof Burg stationiert war, wäre die Möglichkeit besser?

Jugendwerkhof Burg - Eine Zeitreise

Burg (ta) l Der ehemalige Jugendwerkhof Burg war der größte Jugendwerkhof in der DDR. Untergebracht waren hier ständig etwa 300 Jungendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren. Auf Gut Lüben in Burg, wo der Jugendwerkhof untergebracht war, scheint die Zeit stehen geblieben.

  • Eine Luftaufnahme des Gut Lüben von 1939. Hier war zu DDR-Zeiten der Jugendwerkhof August-Bebel untergebracht. Quelle: Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Magdeburg, Rep. C201, Nr. 3992

    Eine Luftaufnahme des Gut Lüben von 1939. Hier war zu DDR-Zeiten der Jugendwerkhof August-Be...

  • Die alte Bäckerei im Jugendwerkhof Burg. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die alte Bäckerei im Jugendwerkhof Burg. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

  • Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

    Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Eine alte Knetmaschine. Foto: Tanja Andrys

    Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Eine alte Knetmaschine. Foto: ...

  • Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

    Überreste der Bäckerei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • Gemeinsames Kartoffelschälen in der Küche auf Gut Lüben in Burg. Datum der Aufnahme ist unbekannt. Geschätzt wird auf die Zeit vorm Zweiten Weltkrieg. Später war in dieser Einrichtung der größte Jugendwerkhof der DDR untergebracht. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Gemeinsames Kartoffelschälen in der Küche auf Gut Lüben in Burg. Datum der Aufnahm...

  • Die Küche des ehemaligen Jugendwerkhofes Burg ist noch erhalten. Erst vor kurzem wurde das Mobiliar ausgeräumt. Foto: Tanja Andrys

    Die Küche des ehemaligen Jugendwerkhofes Burg ist noch erhalten. Erst vor kurzem wurde das M...

  • Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg auf Gut Lüben, Ende der 1950er Jahre. Quelle: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg auf Gut Lüben, Ende der 1950er Jahre. Quelle...

  • Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg wird heute als Mehrzweckraum genutzt. Foto: Tanja Andrys

    Der Speiseraum im ehemaligen Jugendwerkhof Burg wird heute als Mehrzweckraum genutzt. Foto: Tanja...

  • Die Wäscherei und Schneiderei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Die Aufnahme enstand etwa Ende der 1950er Jahre. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die Wäscherei und Schneiderei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Die Aufnahme enstand etwa En...

  • Eine alte Nähmaschine in Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch da. Ansonsten ist der Raum leergeräumt. Foto: Tanja Andrys

    Eine alte Nähmaschine in Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch da. Ansons...

  • In Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg sind die großen Wäscheschränke noch erhalten - und benutzbar. Foto: Tanja Andrys

    In Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg sind die großen Wäscheschränke ...

  • In der Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch ein großes Knopf-Arsenal vorhanden. Foto: Tanja Andrys

    In der Wäscherei im ehemaligen Jugendwerkhof Burg ist noch ein großes Knopf-Arsenal vor...

  • Die Nasszellen in den Gebäuden des Gut Lüben. Bis zum Schluss waren die Duschen in den Kellern der Wohnheime untergebracht. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die Nasszellen in den Gebäuden des Gut Lüben. Bis zum Schluss waren die Duschen in den ...

  • Eine Arrestzelle im Haus

    Eine Arrestzelle im Haus "Anne Frank" im ehemaligen Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • Jugendliche bei sportlichen Übungen auf dem Gelände des Gut Lüben. Das genaue Datum der Aufnahme ist unbekannt. Geschätzt wir die Aufnahme zwischen 1939 und 1945. Später entstand hier der größte Jugendwerkhof der DDR. Quelle: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Jugendliche bei sportlichen Übungen auf dem Gelände des Gut Lüben. Das genaue Datu...

  • Eine Holzwerkstatt auf Gut Lüben. Später entstand hier der größte Jugendwerkhof der DDR. Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Eine Holzwerkstatt auf Gut Lüben. Später entstand hier der größte Jugendwerkh...

  • Die Turnhalle im ehemaligen Jugendwerkhof Burg, heute Cornelius-Werke in Burg.Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste gGmbH

    Die Turnhalle im ehemaligen Jugendwerkhof Burg, heute Cornelius-Werke in Burg.Archiv Cornelius-We...

  • Tischlerei auf Güt Lüben in Burg, etwa in den 30er Jahren. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste

    Tischlerei auf Güt Lüben in Burg, etwa in den 30er Jahren. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonisch...
    Quelle: Tanja Andrys

  • Aufnahme eines der Zimmer in der Erziehungsanstalt auf Gut Lüben. Geschäzt wird diese Aufnahme auf Anfang 50er Jahre. Zu diesem Zeitpunkt ist aus der Landeserziehungsanstalt Gut Lüben bereits der größte Jugendwerkhof der DDR entstanden. Foto: Archiv Cornelius-Werk Diakonische Dienste

    Aufnahme eines der Zimmer in der Erziehungsanstalt auf Gut Lüben. Geschäzt wird diese Aufnahme au...
    Quelle: Tanja Andrys

  • Walter Ulbricht und Lenin neben einer alten Liege: das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehemaligen Jugendwerkhof aufgehoben. Foto: Tanja Andrys

    Walter Ulbricht und Lenin neben einer alten Liege: das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte au...

  • Blechtrommel, Pauke, Fanfare und Banner:  das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehemaligen Jugendwerkhof aufgehoben. Foto: Tanja Andrys

    Blechtrommel, Pauke, Fanfare und Banner: das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehe...

  • Eine FDJ-Fahne mit der Aufschrift: Bester Jugendwerkhof der Arbeitsgruppe Nord im Kompasswettbewerb:  das Cornelius-Werk hat noch viele Artefakte aus dem ehemaligen Jugendwerkhof aufgehoben. Foto: Tanja Andrys

    Eine FDJ-Fahne mit der Aufschrift: Bester Jugendwerkhof der Arbeitsgruppe Nord im Kompasswettbewe...

  • Der Eingang zu eiem Luftschutzbunker im Haus

    Der Eingang zu eiem Luftschutzbunker im Haus "Anne Frank", ehemaliger Jugendwerkhof Burg. Foto: T...

  • Ein Luftschutzbunker im Haus

    Ein Luftschutzbunker im Haus "Anne Frank", ehemaliger Jugendwerkhof Burg. Foto: Tanja Andrys

  • 2016: Luftaufnahme Gut Lüben. Die alten Gebäude sind alle noch erhalten. Heute ist hier das Cornelius-Werk Burg angesiedelt. Foto: Eroll Popova

    2016: Luftaufnahme Gut Lüben. Die alten Gebäude sind alle noch erhalten. Heute ist hier das Corne...
    Quelle: Tanja Anrdrys

  • Die Zöglinge im des Jugendwerkhofs

    Die Zöglinge im des Jugendwerkhofs "August Bebel" haben unter anderem im Burger Knäckewerk gearbe...

Erinnerungen an vergangene Zeiten

Vier Jahrzehnte lang war der Jugendwerkhof Burg der größte in der DDR. Knapp 12.000 Jugendliche sind bis 1989 hier eingewiesen worden.

  • Viele Erinnerungsstücke sind noch erhalten geblieben.

    Viele Erinnerungsstücke sind noch erhalten geblieben.
    Quelle: Tanja Andrys

  • Viele Erinnerungsstücke sind bis heute erhalten geblieben.

    Viele Erinnerungsstücke sind bis heute erhalten geblieben.
    Quelle: Tanja Andrys

  • In der einstigen Arrestzelle im ehemaligen Jugendwerkhof Burg hat Heidemarie Puls sogar noch ein altes Holzbett gefunden. Tagsüber musste das Bett an die Wand geklappt werden.

    In der einstigen Arrestzelle im ehemaligen Jugendwerkhof Burg hat Heidemarie Puls sogar noch e...
    Quelle: Tanja Andrys

  • In der alten Küche ist sogar noch das Mobiliar vorhanden.

    In der alten Küche ist sogar noch das Mobiliar vorhanden.
    Quelle: Tanja Andrys

  • In der alten Küche ist noch alles da.

    In der alten Küche ist noch alles da.
    Quelle: Tanja Andrys

  • Blick auf die alte Näherei.

    Blick auf die alte Näherei.
    Quelle: Tanja Andrys

  • Aus dem ehemaligen Speiseraum ist heute ein Mehrzweckraum geworden.

    Aus dem ehemaligen Speiseraum ist heute ein Mehrzweckraum geworden.
    Quelle: Tanja Andrys

  • Immer im Gleichschritt. Heidemarie Puls funktioniert immer noch. Nach über 35 Jahren marschiert sie sofort los, als sie vor dem einstigen Speiseraum steht. Die Jugendlichen mussten früher in Reih und Glied zum gemeinsamen Essen marschieren.

    Immer im Gleichschritt. Heidemarie Puls funktioniert immer noch. Nach über 35 Jahren marschier...
    Quelle: Tanja Andrys

  • Auch in der alten Bäckerei scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

    Auch in der alten Bäckerei scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.
    Quelle: Tanja Andrys

  • Volkseigener Betrieb Jugendwerkhof Burg

    Volkseigener Betrieb Jugendwerkhof Burg
    Quelle: Tanja Andrys

Heute ist dort das Cornelius-Werk eingerichtet, eine soziale Einrichtung der Diakonie, die sich um benachteiligte Kinder und Jugendliche kümmert. Die ist dieser Idee nicht grundsätzlich abgeneigt. „Wir fänden es allerdings interessanter, mit einer Art Geschichtsprojekt die Historie des Gutes Lüben seit seiner Entstehung vor über einhundert Jahren zu entwickeln“, sagt Frank Garnich, pädagogischer Leiter der Cornelius-Werke. „Immerhin ist Gut Lüben schon immer als Erziehungseinrichtung genutzt worden.“ Erste Gespräche mit einem Historiker habe es hierzu bereits gegeben.

Videos

„Eine tolle Idee“, findet Volker Jenig. Er wünscht sich aber doch einen Ort, an dem ehemalige Jugendwerkhöfler sich an ihre Vergangenheit erinnern können. Eine Gedenktafel vielleicht. Und wenn nicht auf Gut Lüben, dann in einer der Außenstellen. „Rolandmühle in der Bahnhofstraße von Burg zum Beispiel“, sagt er. „Das ist zentral gelegen und gut erreichbar.“

Die Idee kommt an. Zusammen mit anderen Ehemaligen hat er sich Verstärkung der Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt, Birgit Neumann-Becker, geholt. Sie steht der Idee aufgeschlossen gegenüber, verspricht die Unterstützung der Politik. Auch finanziell. „Wir müssen die Lokalpolitiker und Gremien der Region mit ins Boot holen für diese Idee, damit sich die Leute mit diesem Projekt auch verbunden fühlen.“

Wohltuende Worte in den Ohren von Volker Jenig. Seine Aktivitäten, lokale Akteure in Burg von der Idee einer Gedenktafel zu überzeugen, waren bisher wenig erfolgreich.

Trotzdem, so Neumann-Becker, ohne die Gremien der Stadt und des Landkreises Jerichower Land wolle sie das Projekt nicht angehen. „Ich kann als Behörde keine Gedenktafel bauen. Ich unterstütze das Projekt gerne, weil ich es sehr wichtig finde, dass auf die Jugendwerkhöfe öffentlich aufmerksam gemacht wird. Die Initiative dazu muss von den Betroffenen kommen und ich hoffe auf die Unterstützung durch die Stadt.“