Burg l Der 64-jährige Helmut S. schwingt seinen Wischmopp auf dem Verwaltungsflur der Justizvollzugsanstalt in Burg. Wie andere Gefangene muss er bis zu seiner regulären Rente arbeiten, auch hinter Gittern. 20 Monate sind es noch, dann könnte er sich zur Ruhe setzen. „Das will ich aber gar nicht, ich brauche den Austausch mit anderen Menschen“, sagt er.

Bis 2026, wenn er 71 Jahre alt ist, würde er sich ohne diesen Job dann in seiner Zelle den ganzen Tag mit Lesen, Schach- oder Skatspielen die Zeit vertreiben müssen. Denn er ist einer von 48 verurteilten Mördern, die in der JVA Burg eine lebenslange Haftzeit absitzen. Zu seiner Strafe sagt er ganz offen: „Ich stehe zu meinem Fehler und habe es verdient, hier zu sein!“ Es war eine Beziehungstat.

Blutdrucktabletten nicht vergessen

Inzwischen stellen sich auch bei ihm die ersten „kleinen Zipperlein“ des Älterwerdens ein. Vor wenigen Jahren musste er sich in einer Augenklinik außerhalb der Gefängnismauern am Grauen Star operieren lassen. Einmal pro Tag darf er seine Blutdrucktablette nicht vergessen. Seit etwa sieben Jahren hat er wegen guter Führung den Vorteil, in einer speziellen Wohngruppe für 30 Gefangene zu leben. Den Häftlingen sind hier mehr Freiheiten erlaubt. So dürfen sich alle Häftlinge der Abteilung gegenseitig besuchen und haben einen Gemeinschaftsraum mit Kickern und Billardtisch. Auch private Kleidung ist erlaubt. Das alles soll dazu dienen, die Langzeit­insassen auf das Leben in der Freiheit vorzubereiten.

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„Abends kochen wir auch mal zusammen“, sagt er. Nur auf Essig und Pfeffer müssen sie aus Sicherheitsgründen (damit sie nicht als Waffe verwendet werden können) verzichten. Die anderen Zutaten werden geliefert.

Die Wohngruppe besteht je zur Hälfte aus älteren und jüngeren Häftlingen. Die Anstaltsleitung hatte zunächst die Idee, beide Bereiche zu trennen, damit die Senioren mehr Ruhe haben. „Doch solche ,geriatrische Station‘ wollten weder die Gefangenen noch unsere Mitarbeiter“, sagt die Leiterin der Justizvollzugsanstalt Burg, Ulrike Hagemann. Man habe sich deshalb für die Variante der Mehrgenerationen-Wohngruppe entschieden.

Typische Generationen

Helmut S.: „Natürlich machen die Jüngeren auch mal die Musik etwas lauter und wir können mit der Playstation nichts anfangen. Dafür spielt von den jungen Leuten keiner mehr Skat.“ Die reifere Generation lese lieber ein Buch, die jüngere spielte lieber am Joystick.

Dennoch überwiegen nach seiner Meinung die Vorteile der Mehrgenerationen-Variante. So würden die Älteren den Jüngeren zum Beispiel beim Briefeschreiben helfen. „Ich habe auch schon erzählen müssen, wie das Leben früher in der DDR war“, sagt er. Auf der anderen Seite würden die Jüngeren wiederum bei schweren Arbeiten mit anpacken. Zum Beispiel beim Kistenschleppen oder Reinigen der Gemeinschaftsräume. „Das ist ein wenig wie in einem kleinen Dorf, in dem es viele Zweckgemeinschaften gibt“, sagt er. So gab es bis vor kurzem auch eine Backgruppe in der Wohneinheit. Doch deren 65-jähriger Leiter mit seinen Top-Rezepten hat plötzlich seine Ernährung umgestellt und wollte abnehmen. Seitdem fehlt es eben am Kuchen beim gelegentlichen Kaffeekränzchen.

Der Weg zur Freistunde, dem Ausgang an der frischen Luft, ist kürzer und hat weniger Treppen als in anderen Bereichen. Die Krankenschwester kommt bei Bedarf in die Wohngemeinschaft. Angesichts der höheren Altersklassen ist das auch wichtig. Sechs Gefangene in Burg sind älter als 70 Jahre, einer sogar 75.

Haftunterbrechnung ist möglich

„Angesichts der demografischen Entwicklung sind manche auch immer länger auf der Krankenstation“, sagt die JVA-Leiterin Ulrike Hagemann. Wenn es gar nicht mehr geht, entscheidet die Staatsanwaltschaft auch über eine Haftunterbrechung.

„In dem Fall können die Betroffenen ihre Zeit bei ihren Familien oder im Krankenhaus draußen verbringen“, sagt Hagemann. Die übrig gebliebene Haftzeit müsste bei Genesung später weiter abgesessen werden.

Und wenn es mit dem Leben zu Ende geht? Anja Schrott vom Justizministerium erklärt: „Das ist in erster Linie auch eine Frage der Hafttauglichkeit. Zeichnet sich ab, dass ein Gefangener mit hoher Wahrscheinlichkeit versterben wird, ist dieser in der Regel auch haftunfähig. Er wird dann in eine Einrichtung außerhalb des Vollzuges, also ein Pflegeheim oder Krankenhaus, verlegt.“ Auch eine Begnadigung sei möglich, doch diese habe es aus diesen Gründen noch nicht gegeben.

Gute Zusammenarbeit im Knast

In einem Fall ist vor einigen Jahren ein älterer Gefangener in der Krankenstation gestorben. „Auch das passiert“, sagt Hagemann. Trotz der Probleme arbeite das Personal sehr gerne mit den Älteren zusammen. Sie seien ruhiger und gesetzter. Hagemann: „Allerdings gibt es auch da Ausnahmen. Alter schützt vor Torheit nicht. Wir haben manche ältere Gefangene, die wegen ihres hohen Aggressionspotenzials nicht in eine Wohngruppe einziehen können.“

Der Chef des Bundes der Strafvollzugsbediensteten Deutschlands, René Müller, geht davon aus, dass die Zahl Gefangener höheren Alters weiter zunimmt. Eine geriatrische Einzelbetreuung sei aber meist nicht machbar. Bundesweit fehlen nach seinen Angaben schon jetzt 2000 Beamte. Er brachte kürzlich eine Idee ins Spiel: Bundesweit sollten Zentren für eine geriatrische Betreuung als Abteilungen in Gefängnissen eingerichtet werden. Aber nicht überall, sondern vier in ganz Deutschland, aufgeteilt nach geografischer Lage – Nord, Süd, Ost und West. Über Kooperationen von Bundesländern könnte geregelt werden, wie dort geschultes Personal konzentriert wird und man die Kosten für altersgerechte Umbauten aufteilt.

Dem Justizministerium Sachsen-Anhalt ist der Vorschlag noch nicht bekannt. Auf eine Anfrage der Volksstimme erklärt Justizsprecherin Schrott: „Es gibt keine Planungen mit anderen Bundesländern, Vollzugsgemeinschaften zur Unterbringung von lebensälteren Gefangenen einzurichten.“

Spezielle Abteilung in Vorbereitung

Weiter ist man im Maßregelvollzug in Uchtspringe, der von der landeseigenen Salus gGmbH betrieben wird. Sie ist dem Sozialministerium unterstellt. In der Forensischen Psychiatrie sind aktuell 18 von 248 Frauen und Männern älter als 60 Jahre. Drei der Patienten sind älter als 75 Jahre, der älteste 89. Laut Salus-Sprecherin Franka Petzke sei eine spezielle geriatrische Abteilung bereits konzeptionell in der Vorbereitung. Sie sagt: „Bei der Weiterentwicklung des Landeskrankenhauses Uchtspringe werden wir außerdem den Voraussetzungen für eine fachgerechte Pflege geronto­psychiatrisch sowie auch körperlich pflegebedürftiger Menschen besonderes Augenmerk widmen.“ Schon jetzt seien alle Zimmer der unteren Stationen des Klinikomplexes barrierefrei.

In Uchtspringe sind überwiegend verurteilte Menschen untergebracht, die zur Tatzeit vermindert oder gänzlich schuldunfähig waren und nach Ansicht des Gerichts aber eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen können. Mit ihren psychischen Erkrankungen sollen sie in der Klinik therapiert und auf das Leben in Freiheit wieder vorbereitet werden.

Die Entwicklung in diesem Bereich: Trotz eines deutlichen Rückgangs der Patientenzahlen in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Personen über 60 Jahre fast verdoppelt.