Magdeburg l Die Frühlingssonne meint es gut an diesem Mittag. Auf dem Spielplatz in der Magdeburger Hegelstraße herrscht Hochbetrieb. Die Knirpse in den neongelben Warnwesten scheinen gar nicht zu merken, dass der Wind noch ziemlich frisch ist. Sie kosten es aus, an der frischen Luft herumzutoben. Mittendrin ein Mann Mitte 40. Ganz offensichtlich hat er großen Spaß daran, mit den Knirpsen durch die Spiellandschaft zu tollen und immer wieder die Rutsche zu benutzen.

Frank Pardeike geht auf in seinem Beruf als Erzieher. Als er vor zehn Jahren in der Kita Mandala angefangen hat, war er ein Exot. Das ist er heute nicht mehr. In der Einrichtung arbeiten viele Erzieher. Fast die angestrebte Hälfte. Da will Leiterin Claudia Rondio hin. „Es hatten sich schon vor zehn Jahren einige beworben, aber Frank war der erste Erzieher hier“, erinnert sie sich. „Wir kannten uns vom Landessportbund, und ich fand, dass es bei uns eine Aufgabe für ihn gebe. Je mehr Männer, desto besser.“

Vom Maschinenbauer zum Erzieher

Der 47-jährige Erzieher hat zwar keine eigenen Kinder, hat aber immer gern mit Kindern gearbeitet. Weil es männliche Erzieher aber in den Kindergärten der DDR nicht oder nur ganz selten gab und der Vater es so wollte, lernte er erst einmal etwas anderes: Maschinenbauer. Ein Beruf, mit dem er nie warm wurde und in dem er nie arbeitete. Als die Wende kam, war Frank Pardeike bei der Marine. Danach arbeitete der Halberstädter ehrenamtlich und über eine ABM im Kinder- und Jugendsport in seiner Heimatstadt, betreute den Nachwuchs.

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Bis das Kinderheim in Ilsenburg jemanden wie ihn suchte. „Das war die Erfüllung eines Traums“, sagt Frank Pardeike heute und gerät sofort ins Schwärmen. „Mit Kindern zu arbeiten, ist der schönste Beruf der Welt. Man kann viel gemeinsam machen, den Kindern unheimlich viel geben und bekommt viel zurück. Ein Kinderlachen ist so wunderbar!“ Dafür nimmt er auch die traditionell schlechte Bezahlung in Kauf. „Wenn einem die Arbeit Spaß macht, ist das wichtiger als Geld!“ findet er, der Erzieher ist aus Leidenschaft. „Aber die Politik sollte wirklich darüber nachdenken, ob sie die Arbeit derer, denen man seine Kinder anvertraut, nicht besser bezahlen sollte. Egal, ob Männer oder Frauen – es ist eine Investition in die Zukunft.“

Im Kinderheim gab es einige Erzieher; die Belegschaft war gemischt. Das Heim hatte einen familienorientierten Ansatz. Aber es waren auch ältere Jugendliche dort, denen die Untersuchungshaft erspart werden sollte. „Das war schon etwas schwieriger, aber es hat auch Spaß gemacht. Es war eine wichtige Erfahrung“, resümiert Frank Pardeike.

Erzieher brechen Klischees auf

Als sich die Chance bot, in der Kita Mandala anzufangen, griff er zu und hat es bis heute nicht bereut. Die Kinder lieben ihn, und für die Kinder sei es gut, wenn sie mit einem Mann in der Umgebung aufwachsen, findet der Erzieher. Was in vielen Familien nicht der Fall sei. „Dann kommen die Kinder praktisch bis zum Ende der Grundschule nicht großartig mit Männern in Berührung und erschrecken sich, wenn plötzlich in der 5. Klasse ein Mann vor ihnen steht.“ So sei es auch zu erklären, dass in vielen Kindergärten der Hausmeister der heimliche Star ist. „Wenn der ein Loch in die Wand bohrt, können die Erzieherinnen einpacken. Dann gucken die Kinder ihm bei der Arbeit zu.“

Auch Erziehungswissenschaftlerin Frauke Mingerzahn spricht sich für mehr Männer in der frühkindlichen Erziehung aus. Die Professorin an der Hochschule Magdeburg-Stendal wünscht sich, dass man möglichst die gesamte Vielfalt der Gesellschaft in Kindereinrichtungen wiederfindet. „Wir wollen“, argumentiert sie, „dass Kinder mit Männern und Frauen aufwachsen. Aber das Leben ist viel bunter, und genau das macht es lebenswert. Idealerweise arbeiten in einer Kita auch Menschen mit einer Behinderung und aus anderen Kulturen. So können die Kinder unterschiedliche Erfahrungen sammeln. Und ihre Betreuer können reflektieren, wie die Kinder damit umgehen.“

Sie würden dabei lernen, nennt Frauke Mingerzahn ein Beispiel, dass ein Mann auch mal lieber Musik macht als Fußball spielt, manche Frauen dagegen durchaus gern Fußball spielen. So würden althergebrachte Klischees aufgebrochen.

Erzieheranteil hat sich fast verdoppelt

Mehr Männer in der Erziehung gibt es in Sachsen-Anhalt inzwischen durchaus. Ihre Zahl nimmt zu, ihr Anteil in den Kitas hat sich nahezu verdoppelt. Allerdings auf sehr niedrigem Niveau – von 2 auf 3,6 Prozent. Im aktuellen Semester des Bachelor-Studiengangs „Leitung von Kindertageseinrichtungen – Kindheitspädagogik“ an der Hochschule Magdeburg-Stendal sind immerhin sieben der 36 Neuen Männer. Im Grundständigenstudiengang sind es allerdings weniger. „Wir wollen aber nicht, dass alle Männer Leiter werden, sondern suchen vor allem Männer, die direkt mit Kindern arbeiten“, sagt Frauke Mingerzahn. Da sieht sie noch großen Bedarf – vor allem in ländlichen Regionen, aber durchaus auch in städtischen Kindereinrichtungen.

Die Kita Mandala nimmt eine Vorreiterrolle ein. Hier findet man nicht nur überdurchschnittlich viele männliche Erzieher, sondern auch Studierte und Ungelernte, spanische und arabische Praktikantinnen, eine gehörlose Mitarbeiterin. Vier von zehn Kindern haben einen Migrationshintergrund. Die Kinder verständigen sich mit Gebärden, mit Händen und Füßen, wenn es sein muss. Sie lernen es spielend. Was sie hier nicht lernen, ist das klassische Rollenverständnis.

Nicht alle Eltern sind von diesem pädagogischen Ansatz begeistert. „Vor allem Väter aus dem arabischen Kulturkreis haben schon mal ein Problem, wenn sie mitbekommen, dass ihr Sohn beim Bauchtanz mitmacht und dabei ein Röckchen trägt“, erzählt Claudia Rondio. „Dann müssen wir auch mal mit ihm sprechen und ihm klarmachen, dass die Kinder bei uns ohne solche Tabus groß werden, dass Heterogenität beabsichtigt ist. Und das betrifft eben nicht nur Geschlechtsstereotypen.“

Schutz durch Regeln

Wo Männer mit Kindern arbeiten, fürchtet manch einer sexuellen Missbrauch. „Den es durch Frauen genauso gibt“, wirft Claudia Rondio ein. In ihrer Kita wird streng darauf geachtet, dass bestimmte Regeln eingehalten werden. Dazu gehört, dass niemals hinter geschlossenen Türen gearbeitet wird und immer mindestens zwei Erzieher mit den Kindern unterwegs sind. „Das gilt für Männer genauso wie für Frauen“, erklärt Frank Pardeike. „Das ist auch zum Selbstschutz, damit niemand verdächtigt werden kann.“

Mehr Exoten, egal ob männlich, mit Behinderung oder aus anderen Kulturen für den Erzieherberuf begeistern – die Kita Mandala will dazu ihren Beitrag leisten. Am Girls- und Boys Day bekommt die Einrichtung regelmäßig männliche Gäste von den Schulen, auch männliche Schülerpraktikanten sind oft da. So wird es auch am 27. April wieder sein, dem nächsten Boys Day. „Es ist wichtig, nicht einseitig nur Mädchen für Männerberufe zu interessieren, sondern auch umgekehrt Jungen für Frauenberufe“, bekräftigt Claudia Rondio.

Der einstige Exot Frank Pardeike hat gerade sein dreijähriges berufsbegleitendes Studium an der Hochschule in Stendal abgeschlossen. Er darf sich nun offiziell Kindheitspädagoge nennen.

Die richtige Berufswahl

Eine Episode erzählt er besonders gern. „Ich war mit einer Kindergartengruppe in der Straßenbahn unterwegs und habe die Kinder mit Obst und Getränken versorgt. Plötzlich hörte ich, wie ein junges Mädchen zu seiner Freundin sagte: eh, guck mal, das ist wie bei Mandala früher!‘“ Frank Pardeike fragte die junge Dame, wann sie denn diese Einrichtung besucht habe, und es stellte sich heraus, dass er just zu dieser Zeit dort angefangen hatte und sie sich beide kannten. „Das war eine schöne Erfahrung, wenn man solche Erinnerungen hinterlassen hat und wieder erkannt wird“, freut sich Frank Pardeike. Nicht nur deshalb weiß er, dass er die richtige Berufswahl getroffen hat.