Magdeburg l Andreas Palm wässert die gerade angepflanzten Erdbeeren im Rosenweg. Ob er und seine Lebensgefährtin einen „grünen Daumen“ haben? „Das wird sich spätestens im Herbst herausstellen“, stapelt der 30-Jährige tief. Aber Chantal mit Baby Marlon auf dem Arm ist sich sicher: „Wenn einer von uns beiden den ,grünen Daumen‘ hat, dann Andreas.“

Vor drei Wochen hat das Paar die Parzelle im Verein „Aufbau“ am Rande der Altneubausiedlung von Osterburg übernommen. Einen ehemaligen „Vorführgarten“. Was heißen soll, dass die Parzelle für ein Jahr auf Probe gepachtet werden konnte, um zu testen, ob das Interesse an frischer Luft im eigenen Garten anhält. Die Vorbesitzer verloren bald die Lust und verschwanden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion.

Ein halbes Jahr stand der Garten mit massiver Laube, an der gehörig der Zahn der Zeit genagt hat, seitdem leer. Doch seit Corona liegen Gärten wieder im Trend – auch in der Altmark.

„Innerhalb von sechs Wochen habe ich zwölf Gärten vergeben“, freut sich Birgit Brüggemann, Vorsitzende vom Verein „Aufbau“, dem mit 340 Parzellen größten in Osterburg. Für die Gartenchefin kommt der Ansturm auf Kleingärten nicht überraschend: „Es ist doch ganz klar, bei den Einschränkungen, die es seit Wochen gibt, fällt einem irgendwann mal die Decke auf den Kopf. Dann erinnert man sich wieder an den guten alten Kleingarten – mit Laube, Rasenfläche für die Kinder, Obst und Gemüse.“

Brüggemann räumt allerdings ein, dass sie befürchtet hatte, dass sich der eine oder andere aus einer „Corona-Laune“ heraus in die Natur zurückgezogen hat. Doch sie habe sich eines Besseren belehren lassen müssen, erzählt sie. „Am Sonnabend hatten wir unseren ersten Arbeitseinsatz. Und die jungen Paare, die gerade eine Parzelle übernommen haben, waren sehr fleißig.“ Zumeist sei es bisher so gewesen, dass neue Gartenfreunde erst einmal ein bisschen zurückhaltend gewesen seien. „Aber diesmal keine Spur.“

Jochen Hupe, seit sieben Jahren Vorsitzender des Regionalverbands „Gartenfreunde Halberstadt“ hatte in den vergangenen vier Wochen rund 50 Anfragen nach Gärten. „So viel wie sonst in einem Jahr“, sagt er. Hupe, der seit 2002 auch Vorsitzender des Gartenvereins „Hans Neupert“ (ehemaliger Lagerältester im KZ Langenstein-Zwieberge) ist, macht „Luftsprünge“, weil er durch die große Nachfrage Brachflächen, die seit Jahren nicht bewirtschaftet sind, an Neugärtner vergeben kann. „Das kommt nicht nur dem Aussehen der Anlage zugute, es rechnet sich zudem. Denn die Pacht jedes Gartens, der nicht bewirtschaftet wird, muss ja auf die Mitglieder umgelegt werden.“

Schief in den Angeln

Sindy Gramann und ihr Partner André Liebert sind seit Ende April zwei der Neugärtner im „Hans Neubert“, unweit des Halberstädter Tierparks. Sie werkeln in ihrem „Katastrophengarten“. Der 33-Jährige zeigt auf das Tor, das schief in den Angeln hängt. Die Parzelle ist verwildert, die Laube fast vom Schimmel aufgefressen und muss komplett erneuert werden. Das Stückchen Land diente lange Zeit als Sperrmülldeponie. „Der Vorpächter ist wohl einfach abgehauen und hat das Chaos zurückgelassen“, so Sindy Gramann. 25 gelbe Säcke Grünschnitt mussten sie schon entsorgen.

Doch das schreckt das Paar nicht ab. Auch, wenn André Liebert zuerst geflucht hat, wenn er an die Kosten dachte, um aus dem Garten wieder einen Garten zu machen.

„Wir haben ein kleines Reihenhaus“, erzählt die 29-jährige Ergotherapeutin. „Da gibt es zwar ein kleines Gartenstück, aber dort können wir nichts anbauen.“ Das ist dem Veganer-/Vegetarierpaar aber wichtig. Auch deshalb, weil ihre fast zwei Jahre alte Aenna im Grünen aufwachsen soll und die Eltern dem Kind nahebringen wollen, „wie aus einem Samen eine Pflanze wird – dass Lebensmittel nicht im Supermarkt wachsen“.

„Außerdem wollten wir einen Ausgleich zum Zuhause und zur Arbeit“, meint der Drucker. Und auch das Gemeinschaftsgefühl im Verein gefalle ihnen. Das erste Beet haben sie schon unter Unkraut „gefunden“. Zucchini, Hokaidokürbisse, Kohlrabi und Tomaten werden dort demnächst wachsen. „Und auf die Pfirsiche vom Baum freuen wir uns auch schon“, sagt die 29-Jährige. „Für Aenna stellen wir einen Planschpool auf und natürlich auch einen Sandkasten.“

Siegfried Kliematz vom Verband der Gartenfreunde Schönebeck und Umgebung mit 78 Vereinen und Vorsitzender des Vereins „Clausthal“ in Schönebeck hatte in den vergangenen Wochen „50, 60 Anfragen. Das ist wirklich eine Menge. Wir gucken uns aber die Menschen genau an, die eine Parzelle haben möchten, ob sie den Garten für längere Zeit haben wollen, oder nur einen ,Corona-Garten‘ pachten wollen, den sie wieder aufgeben, nachdem sich die Lage beruhigt hat.“

Insgesamt sei der Leerstand beim Schönebecker Verband mit rund 25 Prozent „sehr hoch. Da fallen uns heute die 1970er Jahre auf die Füße. Damals haben wir jede Fläche, die die LPG nicht genutzt hat, zu Kleingärten gemacht.“

"Keks" ins Leben gerufen

Deshalb habe der Verband 2010 „Keks“ ins Leben gerufen, ein Programm, das zum Ziel hat, 1000 Gärten abzubauen, die Hälfte sei bereits geschafft. „Die große Nachfrage, die zurzeit herrscht, kommt auch unseren älteren Gartenfreunden zugute, die sich schon mit dem Gedanken getragen haben, ihre Parzelle abzugeben. Ich sage ihnen: Wann, wenn nicht jetzt?“

Der Vorsitzende des Genthiner Stadtverbandes der Gartenfreunde hat andere Erfahrungen als seine Kollegen gemacht. „Der Ansturm auf unsere Gärten ist an uns bisher vorbeigegangen“, sagt Reimar Porini. „Wir haben 800 Gärten in Genthin und Umgebung, 60 Parzellen sind zu haben. Seit Januar dieses Jahres haben erst zwei Interessenten nachgefragt.“

Und er ahnt auch, woran der Leerstand liegen könnte: „In den letzten Jahren sind in der Stadt 15 Neubaublöcke abgerissen worden. Und die meisten Gartenfreunde kommen aus der städtischen Region. Die einen sind weggezogen, andere haben gebaut und heute einen Garten am Haus, wieder andere sind ganz aus der Region abgewandert.“

Die Liebe zum Garten wiedergefunden

Christine Lersch, Schatzmeisterin beim Kreisverband der Kleingärtner Wolmirstedt e. V., freut sich über das große Interesse an Gärten im Altkreis Wolmirstedt. „Besonders Wolmirstedter haben ihre Liebe zum Kleingarten wiedergefunden.“ Sie erinnert sich noch gut an die langen Listen beim Verband der Kleingärtner und Kleintierzüchter und die Geduld, die man aufbringen musste, bis man eine Parzelle bekam.

„Um dem entgegenzuwirken, dass während der Pandemie Leute Gärten pachten, die sie später verlottern lassen, wenn die Zeit der Einschränkungen vorbei ist, erheben wir einen Sicherungsleistung, eine Art Kaution, die fällig wird, wenn sich ein Kleingärtner nicht mehr um seinen Garten kümmert. Ansonsten muss der Verein, also jedes Mitglied, dafür aufkommen.“

Der Kreisvorsitzende Armin Bartz findet klare Worte: „Ein Kleingarten ist eine Lebensaufgabe, die Arbeit, aber noch mehr Freude macht, und kein Ballermann-Urlaub. Wir freuen uns besonders, dass wieder mehr junge Leute mit Kindern einen Garten übernehmen. Aber wir brauchen keine Eintagsfliegen“, sagt der 70-Jährige.

Sindy Gramann und ihr Partner André Liebert werkeln in ihrem Garten in Halberstadt. Der gebürtige Wernigeröder erinnert sich gerne daran, wie er die Äpfel vom Baum gepflückt und gegessen hat. „Meine Großeltern und Eltern hatten Gärten. Als Kind war das für mich prima. Vielleicht erinnert sich später Aenna ja auch mal daran – so wie ich heute.“

Steil nach oben

Olaf Weber vom Landesverband der Gartenfreunde Sachsen-Anhalt e. V. kennt die Mitglieder-Zahlen der vergangenen Jahre. Seit 2013 ging die Kurve immer weiter nach unten. Von 107 123 im Jahr 2013 auf 90 951. Der Geschäftsstellenleiter glaubt zwar nicht, dass sie 2020 wieder steil nach oben gehen wird, aber die spürbar gestiegene Nachfrage werde sich auswirken. „Aber genaue Zahlen haben wir erst im Dezember. Ich hoffe nur, dass der Trend anhält.“

Die Osterburger Chantal und Andreas haben in den vergangenen drei Wochen fast jeden Tag im Garten verbracht, um ihn auf Vordermann zu bringen. Unter fleißiger Mithilfe von Doris Palm, der Mutter des Neugärtners. Noch bedeckt die Erde das, was in wenigen Wochen wachsen wird. „Zwiebeln, Radieschen, Erbsen, Bohnen, Kartoffeln, Karotten, Schnittlauch“, zählt der 30-Jährige auf.

„Und einen Plan für die Laube haben wir auch schon“, fügt seiner Partnerin an. „Schließlich wollen wir es im Sommer hier gemütlich haben und auch übernachten.“

Rechts neben der Laube ist genug Platz. „Der ist für Marlon reserviert. Dort kommt sein Spielplatz hin“, sagt Chantal Wallisch.