Drübeck l Der Garten von Familie Brescher in Drübeck verrät auf den ersten Blick nichts von seinen tierischen Bewohnern. Über die regennasse Wiese, hinter der sich die Bergkulisse des Harzes sanft über den grauen Frühlingshimmel erhebt, führt Sebastian Brescher zu seinen Schätzen. Manche von ihnen haben einen massigen Körper und eine goldene Farbe, so wie sein weißer Widder, eine Kaninchenrasse, die auf der Liste der bedrohten Tiere steht. Andere sind kleine Kugeln mit Knopfaugen, wie das Zwergkaninchen Zwergwidder, das aus der ersten Zucht seiner Tochter Mia stammt.

Die Achtjährige erzählt: „Mein erstes Kaninchen war weiß. Das ist leider gestorben. Dann habe ich ein Zwergkaninchen in der Tombola gewonnen und daraus sind inzwischen mehr geworden.“ Besonders Spaß macht ihr das Hobby, wenn sie beim Züchten Erfolg hat. Mit ihrer Rasse, den Zwergwiddern lohfarbig-schwarz - wie die braun-schwarze Färbung auf Züchterdeutsch heißt – ist sie bereits Landesjugendmeisterin geworden. Mia ist Mitglied im Kaninchenzuchtverein in Ilsenburg. Dort, wo auch Bundesmeisterin Susanne Friedrich (35) aktiv ist. Das spornt an.

Kaninchen-Liebe wird vererbt

Vater Sebastian Brescher erzählt: „Mia hat von selbst gefragt, ob sie Kaninchen haben kann. Sie geht aber auch Reiten, es ist nicht so, dass sie keine anderen Hobbys haben darf.“ Er selbst hat die Leidenschaft von seinem Vater „geerbt“. Als Sebastian Brescher für Armee und Lehre aus seinem Heimatort fortging, hatte er keine Möglichkeit mehr, sich selbst um die Tiere zu kümmern. Er gab sie deshalb ab. Erst als er seine Frau kennen lernte, wurde er wieder in der Region sesshaft, bekam einen Job als Gießer und war in der Lage, wieder mit der Zucht zu beginnen. Denn neben der Ressource Zeit, die ein Kleintierzüchter benötigt, ist das Hobby auch an einen Ort gebunden. Der Anspruch, heute örtlich flexibel sein zu müssen, erschwert das allerdings.

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Das bestätigt Bundesmeisterin Susanne Friedrich. Gebürtig aus Wernigerode ist die Züchterin für ihr Studium der Tiermedizin nach Leipzig gezogen. „In der Großstadt gibt es nicht viele Möglichkeiten, die Tiere zu halten“, sagt sie über ihre Zeit in Sachsen. Bereits seit 1996 im selben Alter wie Mia von der Kaninchenzucht angefixt, pendelte sie für ihre Kaninchen aber nach Hause. „Ich hatte das Glück, dass sich meine Eltern um die Tiere kümmern. Wenn man niemanden hat, dann wird das schwieriger“, erklärt sie. Ihre Kommilitonen konnten mit der Kleintierzucht wenig anfangen, wenn sie nicht selbst aus einer ländlichen Gegend kamen. Ihre Familie hatte schon immer Tiere, von Kühen über Schweine bis zu Hühnern.

Ihre Liebe zu Kaninchen entdeckte die kleine Susanne einst auf einem Landwirtschaftsfest in Magdeburg. Ihre erste Häsin war eine „Russin“. Diese zählt zu den kleinsten und ältesten Kaninchenrassen. Sie wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass diese schwanger war. Als vier Wochen später die ersten Jungtiere kamen, baute Susanne Friedrich mit ihrer Familie die ersten Ställe. Der Beginn einer Züchterleidenschaft. Mit ihrem ersten Wurf trat sie in den Ilsenburger Verein ein, in dem sie heute noch gemeinsam mit den Breschers Mitglied ist.

Vom Halter zum Züchter

Wozu braucht der Kleintierzüchter eigentlich einen Verein? „Der Verein unterscheidet den Halter vom Züchter“, erklärt Sebastian Brescher, „denn nur so gelangt man an die Ausstellungen.“ Es war für ihn schwierig, einen Verein zu finden. „Die Kaninchenzüchter sind eher eigenbrötlerisch.“

Der Ilsenburger Verein hat zehn erwachsene Züchter und eine Jungzüchterin. Das ist Mia. Die meisten Mitglieder sind um die 30, so wie Susanne Friedrich. Woher kommt das Interesse an dem alten Hobby gerade in diesem Alter? Sebastian Brescher begründet es mit der Sehnsucht nach Familie, die gerade dann aufkommt. Der Kleintierzuchtverein, so Brescher, ist eine Freizeitaktivität, die meistens von der Familie „vererbt“ wird. Der 25-jährige Bruder von Brescher ist ebenfalls Vereinsmitglied.

Doch die Harzer Organisation ist eine Ausnahme. „Zuchtvereine verlieren überall in Deutschland Mitglieder“, sagt Mike Hennings, Vorsitzender des Landesverbands der Kaninchenzüchter. 80 Prozent der Mitglieder verliert der Verein, weil die Altzüchter sterben. Um die übrigen 20 Prozent zu halten, müsse sich etwas an den Vereinsstrukturen ändern. Funktionäre üben ihre Ämter oft für Jahrzehnte aus und sind oft nicht bereit, sich Veränderungen zu stellen. Im Magdeburger Verein gab es im Jahr 2018 zum Beispiel 67 Prozent weniger Mitglieder als 2017. So verlor der Verein allein im vergangenen Jahr zwei Drittel seiner Mitglieder. In Magdeburg fehlen Flächen, um Futter zu gewinnen. Die Entsorgung von Mist und das Schrumpfen von Kleingartenanlagen gestaltet das Hobby so unattraktiv, dass die Stadtvereine es schwer haben.

Altzüchter sterben. Die Zahl der Jungzüchter stagniert. „Ihren Höhepunkt erlebte die Kleintierzucht zu DDR-Zeiten“, sagt Sebastian Brescher. „Das war damals ein anderes Hobby, da ging es mehr ums Geldverdienen, und man züchtete auch wegen des Fleischs“, erinnert er sich. „Heute ist es der Jugend wichtiger, zu reisen; viele wollen keine Verantwortung mehr übernehmen.“ Nicht mal mehr 200 Jugendliche sind in den Kaninchenzuchtvereinen in Sachsen-Anhalt.

Sonderprogramm für junge Mitglieder

Um für junge Leute attraktiver zu werden, setzen die Vereine auch auf Unterhaltung. So trifft sich der Züchternachwuchs jährlich am Friedrichsee im Naturpark Dübener Heide. Hier wird zwar auch über Kaninchen und Hühner gefachsimpelt. Vor allem aber steht der Spaß im Vordergrund. Es gibt eine Schatzsuche und ein Lagerfeuer mit bis zu 80 Kindern. Susanne Friedrich findet das gut. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass man sich im Verein um die jungen Züchter kümmern muss.

Die Kleintierzucht braucht nicht nur Zeit, sie ist auch ein vergleichsweise teures Hobby. Mia zieht im Jahr 20 Tiere groß. Dafür fallen im Jahr mindestens 400 bis 500 Euro an, sagt Vater Sebastian Brescher. Er selbst liegt mit seinen Kaninchen bei Ausgaben um die 3000 Euro im Jahr. Anschaffung der Tiere, Futter und teure Spritzen vom Tierarzt treiben die Kosten hoch. Für Ausstellungen herrscht eine Impfpflicht und zusätzlich fällt eine Ausstellungsgebühr an. Dabei fällt kein Gewinn beim Verkauf der Tiere ab. Trotzdem ist für Sebastian Brescher oder Susanne Friedrich kaum vorstellbar, die Kaninchen abzuschaffen. „Der Kleintierzüchter kennt keine Grenzen“, scherzt Sebastian Brescher. Um ein seltenes Exemplar zu bekommen, reist er schon einmal durch ganz Deutschland.