Magdeburg l Ende Mai werden in Sachsen-Anhalt mehr als 1000 kommunale Vertretungen neu gewählt. 4864 Bewerber treten in Sachsen-Anhalt an, die nicht an Parteien gebunden sind. Unter ihnen ist Michael Rittmann, ein Einzelbewerber für den Stendaler Stadtrat, André Salomon, Ortswehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr Derenburg, und die Französin Mathilde Lemesle, die als Einzelkandidatin in den Magdeburger Stadtrat will.

„Bouletten-Michel“ weiß, worauf es ankommt

Mit dem Gedanken der Kandidatur geliebäugelt hat Michael Rittmann schon ein gutes Jahr. Entschlossen hat er sich letztendlich kurzfristig. Er schaffte es, 112 Unterstützungsunterschriften in nur fünf Tagen zu besorgen. Michael Rittmann tritt als Einzelbewerber für den Stendaler Stadtrat an. „Ich habe mir die Kandidatur gut überlegt“, so Rittmann. Im Vorfeld habe er sich über die Parteienlandschaft genau informiert und mit seiner Frau über alles gesprochen. „Ich nehme die Sorgen und Nöte der Leute ernst.“ Seit über zwanzig Jahren lebt der gebürtige Hamburger in der Altmark.

Für ihn stehe „der Mensch im Mittelpunkt“. Der 51-Jährige, der in Stendal ein Restaurant leitet und der dort unter dem Namen Bouletten-Michel bekannt ist, weiß worauf es ankommt. Er gehe Probleme an. „Ich bin entschlossen und motiviert, habe aber einen großen Respekt vor der Aufgabe.“ Seine Liste mit Veränderungsvorschlägen, die er im Stadtrat ansprechen will, liest sich wie die eines Politprofis, würde er nicht dabei hinter dem Herd im „Mahl Zeit“ stehen, die Kartoffelsuppe umrühren und Bouletten braten. Michael Rittmann ist aber nicht blauäugig. Er weiß, dass „der Stadtrat kein Spielplatz ist, um Geld zu machen“.

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Die Wahlfälschung von 2014 im Stadtrat von Stendal ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Der Streit innerhalb der CDU überschattet auch die Wahl 2019. „Die Kumpeleien im Stadtrat müssen ein Ende haben“, sagt der Restaurant-Inhaber resolut. Sein Restaurant ist klein, seine Ambitionen sind groß. Ideen hat der 51-Jährige mehr als genug. Rittman will sich einsetzen für „Tante-Emma-Läden“ in den Dörfern, damit die Menschen, die aus Altersgründen keine Möglichkeit haben, weit entfernt einzukaufen oder einfach mal zum Friseur gehen wollen, sich nicht abgehängt fühlten. Das Mittagessen in Schulen und Kitas will er finanziell unterstützen, damit alle Kinder eine warme Mahlzeit bekommen.

Er hat sich einiges vorgenommen. Und er hat schon viel erreicht. Regelmäßig ruft der Gastronom Mitstreiter zusammen und sammelt Spenden für den guten Zweck. Es gehe bei den Kommunalwahlen eigentlich gar nicht um Parteipolitik, sondern um Sachthemen vor Ort, so Rittmann. „Wir sitzen hier eher an der Front als die Politiker, die Ingenieure oder Architekten. Hier, und zeigt auf  die Theke in seinem kleinen Restaurant in der Heerener Straße in Stendal, wird über alles gesprochen – vom Minister bis zum Hartz-IV-Empfänger – auch Stadträte gehen hier essen“, so Rittmann. „Ich kenne beide Seiten. Die Macher und die, die sich darüber aufregen.“ Er verbessert sich selbst stetig durch die Anregungen seiner Gäste, so will er es auch in der Politik halten und sich nicht verzetteln. Über anstehende Entscheidungen will er öffentlich informieren und interessierte Stendaler zum Mitwirken animieren.

Mit Blaulicht und Tatütata in den Stadtrat

Seit mehr als 240 Tagen ist André Salomon Bürgermeister von Derenburg. Ohne Gegenstimme wählten ihn die Mitglieder des Ortschaftsrats im August 2018 in das Ehrenamt des Blankenburger Ortsteils. Zunächst nur vorübergehend. Als Ortswehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr Derenburg ist er sowieso schon 365 Tage im Jahr 24 Stunden täglich für die Bürger seines Ortes da. Der Stadtchef setzt auf Nähe zum Menschen und rückt bei Bränden einfach selbst mit aus.

„Die Menschen hier interessieren sich für ihren Ort und nicht für Parteiprogramme“, sagt der 41-Jährige. „Gewählt werden doch lieber Kandidaten, die man auch persönlich kennt“, erläutert Salomon. „Und es liegt auch an den Themen: Entscheidungen über den Bau einer Kita oder den Ausbau von Straßen sind für die großen Parteien nicht so sehr von Bedeutung.“

Der 41-Jährige ist selbständig und leitet einen Forstdienstleistungsbetrieb in dem Harzort. Mit einigen Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr tritt er als Wählergruppe zur Kommunalwahl für den Stadtrat in Blankenburg an. Als Bündnis für Derenburg stellen sie sich zur Wahl für den Ortschaftsrat. „Das ist eine bunte Truppe, da sind wir sehr stolz“, sagt Salomon. Vom Landwirt über den Elektromeister, Schlosser, Sattlermeister, Diplomingenieur und Unternehmer ist alles dabei. Die einzige Frau in der Truppe ist Verwaltungsfachangestellte. Mit dabei sind auch erfahrene Komunalpolitiker. Rainer Selle sitzt für die Feuerwehr bereits im Stadtrat Blankenburg und ist Mitglied im Ausschuss für Bau, Umwelt und Verkehr. Burghard Hein ist als stellvertretender Bürgermeister tätig. Und Klaus Münchhoff war 45 Jahre Mitglied in der CDU. Der Landwirt hat die Feuerwehrmänner und -frauen schon oft mit schwerer Technik bei Einsätzen unterstützt.

Alle Kandidaten blieben unabhängig und nur ihrem Gewissen verpflichtet, auch das sei ein Vorteil gegenüber einer Partei. „Als Bündnis können wir für konkrete Anliegen und müssen keine Rücksicht auf eine Partei nehmen“, so Salomon. „Und wir setzen uns keineswegs nur für die Belange der Feuerwehr ein“, fügt Salomon hinzu. „Auf uns warten viele Herausforderungen.“ Die Erhaltung des Freibades, der Ausbau der Kita, Schaffung von Wohnraum, Straßenbau, Parkplätze sowie die Verbesserung des Hochwasserschutzes stehen im Fokus der Wählergemeinschaft. Das erste Jahr im Amt, das hieße vor allem, Entscheidungen und Pläne umzusetzen, die seine Vorgängerin noch auf den Weg gebracht hat. „Bis die eigene Politik reinkommt, dauert es eine Weile“, gibt Salomon zu. Ganz schnell geht es allerdings, wenn den Bürgermeister eine Alarmierung ereilt. Als aktives Mitglied der Feuerwehr rückt er nämlich selbst mit aus.

Eine grüne Französin für Magdeburg

Mit ganzer Kraft für ihre Stadt engagieren will sich Mathilde Lemesle, wenn sie als Einzelkandidatin in den Magdeburger Stadtrat gewählt wird. Die Pressereferentin tritt auf der Liste der Grünen an. Seit gut zwei Jahren ist Lemesle Sprecherin der Landtagsfraktion der Grünen. Doch ansonsten ist die 30-Jährige in der Lokalpolitik noch weitgehend unbekannt. Sie will sich für eine Politik einsetzen, die in die Zukunft gerichtet ist. Während ihres Studiums der Journalistik hat sich die gebürtige Französin in die Elbestadt verliebt und ist zurück gekehrt. Zwischendurch war sie als Journalistin beim Rundfunk in verschiedenen Städten in Deutschland tätig.

Seit einigen Jahren arbeitet sie in der Pressestelle der Partei Die Grünen. „Ich habe die Seiten gewechselt“, erzählt die 30-Jährige. „Ich habe mich schon immer für Politik begeistert, aber als Journalistin musste ich neutral bleiben.“ Als Journalistin hat sie zwischen Bürgern und Stadt vermittelt. Ihre Motivation jetzt ist, dass sie als Stadtvertreterin viel bewegen und etwas erreichen kann. „Ich will für die Themen, die mir wichtig sind, einstehen und Möglichkeiten der Einflussnahme in meinem Stadtteil wahrnehmen“, sagt die Wahl-Magdeburgerin. Sich nicht zu engagieren, sei keine Lösung für sie.

Der Osten von Magdeburg biete so viel, so Lemsele. Viel an Grün und viel an Lebensqualität. „Ich will, dass wir auch abseits des Fußballs und Handballs im Fokus der Stadt stehen.“ Die Anwohner werden bei den Großveranstaltungen häufig vergessen. „Wir müssen die Verkehrswende voranbringen, und das geht nicht durch Straßenbau.“ Man müsse davon wegkommen, dass jeder in der Stadt ein Auto hat. Das heißt auch, dass man das Autofahren weniger attraktiv machen muss. Vor allem gehe es aber darum, die Alternativen zu stärken. „Ich will die Radfahrer in die Stadt bringen.“ Die Leute sollen die Möglichkeit haben, kostengünstig in die Innenstadt zu kommen. Der öffentliche Nahverkehr solle zudem barrierefrei sein. Magdeburg sei eine Stadt, die schon viel habe, aber wo man durch kleine Veränderungen Großes bewirken könne. Mathilde Lemesle will mithelfen, den Auftrieb zu nutzen, „den wir Grüne momentan haben“. „Wenn ich es in den Stadtrat schaffe, dann trete ich in die Partei ein“, sagt sie. Vorher einzutreten und leise zu sein, ist keine Lösung für die Deutsch-Französin. „Wenn ich eintrete, dann bin ich auch mit ganzem Herzen dabei.“