Halberstadt l Veilchen, Gänseblümchen, Schafgarbe, Vogelmiere, Giersch und Bärlauch. Was nach einem hübsch arrangierten Blumengesteck klingt, bringt Simone Schalk zum Mittagessen auf den Teller ihrer Schüler. Selbst gesammelt von den neun Teilnehmern im Anfängerkurs der Kräuter- und Naturschule, die die 54-Jährige im Jahr 2000 gründete, haben sie daraus eine Grüne Soße zubereitet. Verfeinert mit Schmand, Joghurt und Ei, genießen die Kräuterfrau und ihre Schüler Pellkartoffeln zu ihrer frühlingsfrischen Ernte. Eine der wichtigsten Lektionen im Kräuterseminar: Heilpflanzen sind nicht nur gesund, sie können auch sehr gut schmecken. Simone Schalk erfährt Heilpflanzen gern mit allen Sinnen – wie das funktioniert, bringt sie ihren Schülern bei.

Acht Frauen und ein Mann sind an diesem sonnigen Märzwochenende in der Geistmühle in Halberstadt zusammengekommen, um die Grundsätze der Kräuterheilkunde zu erlernen. Im urigen Ambiente der ehemaligen Kloster-Wassermühle lernen die Teilnehmer aus Potsdam, Magdeburg, Nachterstedt, Wernigerode und Goslar die Namen, Inhaltsstoffe und Verwendungsweise der heimischen Kräuter und Heilpflanzen. Ausgestattet mit Lupe und Körbchen werden diese am nahegelegenen Halberstädter See zusammengesucht.

Zeitungsartikel weckte Neugier

Angefangen hat alles vor 20 Jahren mit einem Zeitungsartikel, der die gebürtige Hettstedterin nicht mehr losließ. Damals ahnte sie noch nicht, dass dieser ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellen würde. Rückblickend findet sie es „großartig, was daraus entstanden ist“. Heute könne sie von ihrer Kräuterschule in Arnstein leben. Die Bekanntheit von Simone Schalk und ihrer Kräuterschule reicht mittlerweile weit über die Grenzen Sachsen-Anhalts hinaus.

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Der Grundstein für ihre Karriere als Kräuterfrau wurde schon früh gelegt, als sie in der Kindheit die Großmutter in den Wald begleitete. Häufig war sie auch auf dem Bauernhof der Großeltern in Sangerhausen zu Besuch gewesen. Maßgeblichen Einfluss hatte zudem ihr Vater, der sie immer in die Natur mitgenommen hat. Seine Neugier und sein Naturwissen haben auf sie abgefärbt, sagt sie. „Als Kind kannte ich jeden Baum, jeden Strauch. Mein Vater hat mir immer viel darüber erzählt. Aber erst in der Phytotherapie-Ausbildung habe ich gelernt, was ich alles daraus machen kann: Salben, Tinkturen oder Destillate.“ Gleichzeitig gesteht sie, dass sie sich während der Pubertät gar nicht dafür interessiert habe. „Das ist alles wiedergekommen.“ Ausschlaggebend dafür war ein Artikel über die Marburger Kräuterfrau Doris Grappendorf, welcher Simone Schalk sofort ansprach. Die Diplom-Biologin und Phytotherapeutin sollte sie nicht nur inspirieren, sie wurde auch zu Schalks Lehrerin. „Ich war eine ihrer ersten Schülerinnen“, berichtet sie, „die Ausbildung hat mein Leben total verändert. Sie hat den Nagel auf den Kopf getroffen.“ Über ein Jahr lang absolvierte die gelernte Elektromaschinenbauerin zahlreiche Intensivseminare am Wochenende – zusätzlich zu Familie und Beruf. Der Aufwand hat sich gelohnt. Inzwischen hat sie das geschafft, wovon so viele träumen: Sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht.

„Heilpflanzen sind wie unsere Mutter. Sie kümmern sich um uns.“ So beschreibt Schalk die Devise, die sie in ihrem Unterricht zugrundelegt. Sie legt Wert darauf, mit heimischen Pflanzen zu arbeiten. Die Natur biete uns zu jeder Zeit des Jahres genau das, was wir bräuchten, findet sie.

Die gute alte Brennnessel

Nach dem Winter sei es im Frühjahr etwa notwendig, den Körper von den Schlackstoffen zu reinigen, die sich während der kalten Jahreszeit angesammelt haben. Da empfehle sie ihr Lieblingskraut: die gute alte Brennnessel. „Brennnessel ist eine spannende Heilpflanze, weil sie so viel Gutes bewirken kann“, sagt Schalk. Das Hausmittel durchspüle den gesamten Körper und enthalte zusätzlich viel Eisen. Dabei gebe es mehrere Anwendungsmöglichkeiten: eine Hand voll Brennnesselspitzen kann Salatgerichte verfeinern oder als Tee aufgegossen werden. „Der Tee schmeckt zwar nicht so lecker. Aber da müssen wir uns dran gewöhnen“, lacht sie. „Unsere Vorfahren haben sich von diesen Pflanzen ernährt. Sie waren nach einem langen Winter froh über das erste frische Grün und wussten das zu schätzen. Uns ist das also gar nicht so fremd, was wir draußen essen.“ Simone Schalk liebt es, mehrere Heilpflanzen miteinander zu kombinieren, um von ihren Wirkstoffen möglichst optimal zu profitieren. „Wer sich bei Krankheit einen Kräutertee macht, sollte nicht mehr als fünf bis sechs Kräuter verwenden“, weist Simone Schalk hin. Denn sie könnten sich sonst in ihren Wirkungsweisen wieder aufheben. Von den ersten wärmenden Strahlen der Frühlingssonne im März bis zum Anbruch der dunklen Jahreszeit im November bietet die Kräuterschule Kurse an. Dabei wird der Fokus stets darauf gerichtet, was die Natur zu bieten hat. Während im Frühling Salben und Tinkturen vom ersten frischen Grün des Jahres zubereitet werden, geht es im Herbst um die Heilwirkung von Wurzeln. Simone Schalk möchte vermitteln, „welche Inhaltsstoffe Kräuter enthalten, was diese machen und wie wir diese in unseren Körper hineinbekommen“.

Mit ihren Wurzelkursen hat sich die 54-Jährige ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen. In der Fachliteratur zur Kräuterheilkunde werde Wurzeln als Heilmittel oft wenig Beachtung geschenkt, bedauert sie. Der Markt mit Kräuterbüchern sei dagegen gesättigt. So veröffentlichte sie 2016 im Ulmer-Verlag kurzerhand einen Ratgeber über die Kraft der Wurzeln, die häufig ungenutzt bleibt.

„Ich möchte den Leuten die Natur nahebringen und zeigen, was man alles selbst machen kann, gerade mit ganz einfachen Mitteln. So weiß man genau, was da drin ist.“ Gerade für Menschen mit Allergien und Unverträglichkeiten biete die Kräuterheilkunde viele Möglichkeiten. Wie gefragt das ist, zeigen die ausgebuchten Kurse an Schalks Kräuterschule. Überwiegend Frauen würden sich anmelden, oft junge Mütter von kleinen Kindern, die bewusst darauf achten, was sie sich und ihrem Nachwuchs geben. Aber auch Mediziner zeigten sich interessiert daran, Hand in Hand zu arbeiten, wobei Simone Schalk betont, dass sie keinen Arzt oder Apotheker ersetze. Sie möchte Lust auf Natur und Kräuter machen und das ein oder andere Hausmittel vorstellen.

Inspiration aus der Natur

Dabei lasse sie sich von der Natur inspirieren, sagt sie. „Ich gucke immer, was draußen wächst: Gänseblümchen, Giersch, Huflattich. Da machen wir etwas draus. Wichtig sind die Pflanzen, die vor der Haustür meiner Schüler wachsen, damit sie auch daheim etwas mit dem Gelernten anfangen können“, erklärt sie. Wenn die Kräutersaison und ihre Seminarzeit mit Einbruch des Winters vorbei sind, nutzt die Lehrerin die Zeit, um sich weiterzubilden. In den kalten Monaten unternehme sie Seminarreisen – mal ins Allgäu, mal an den Bodensee, mal nach Südtirol. Von Größen der Kräuterheilkunde wie Wolf-Dieter Storl oder Susanne Fischer-Rizzi lerne sie viel, sagt sie. „Da bin ich auch ehrgeizig. Schließlich kann ich mich von meinen Schülern nicht überholen lassen“, erzählt sie augenzwinkernd.