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Bernd Kaufholz (66) ist seit 38 Jahren Reporter bei der Volksstimme. Acht Bücher mit authentischen Kriminalfällen hat er bereits veröffentlicht. Im Dezember erscheint „Das Leichen-Puzzle von Anhalt“ im Mitteldeutschen Verlag Halle, in dem er  neun tatsächliche Kriminalfälle zwischen 1948 und 1990 aus dem ehemaligen Bezirk Halle schildert. Den Fall der Anneliese Senft (Name geändert) haben wir hier in stark gekürzter Form vorab veröffentlicht.

Wie an jedem Tag schäumt am 24. März 1962 das Wasser am Mulde-Wehr des VEB Papier- und Kartonfabrik Bitterfeld, gleich neben der Biermannschen Villa, durch die eisernen Stäbe, die als Müllfänger dienen. Aber an jenem kalten Frühlingstag gerät kurz nach 11.30 Uhr ein „Paket“ in den Sog der Wasseranlage und treibt langsam auf die Wehrstufe zu. Es ist gut 30 Zentimeter lang und etwa 35 Zentimeter breit.

Meister Otto Meier und zwei Kollegen, die ebenfalls in der Bauabteilung des Kartonwerks arbeiten, denken sich nichts dabei, als sie das Teil am Wehr hin und her schlingern sehen. Sie reden weiter über Fußball und über den Manfred-Krug-Film „Auf der Sonnenseite“, der gerade in den Kinos läuft.

Als das Paket gut zehn Minuten später auf dem Rückweg des Trios immer noch in einer Ecke zwischen dem Mauerwerk des Gebäudes und dem Wehr auf dem Wasser hin und her schaukelt, sagt Paul Trost, der vornweg läuft: „Was ist denn das für ein Ding? Das ist mir doch vorhin schon aufgefallen.“

„Das wird wohl wieder ein totes Schwein sein“, winkt Meier ab, denn die wurden in der Vergangenheit schon öfter hier angeschwemmt. Die Männer holen Eisenhaken und ziehen damit das Päckchen ins flache Wasser. Es ist mit einem alten Läufer umwickelt, der in der Mitte mit einem Strick zusammengebunden ist. Meier zieht eine Kneifzange aus der Tasche und trennt damit den Strick durch. Zum Vorschein kommt ein Kartoffelsack, in dem die Karton-Werker ein „Stück Fleisch“ finden. „Seht ihr, ein kleines Schwein, wie ich schon vermutet habe“, sagt der Meister. Doch Hermann Werth schüttelt nur den Kopf und dreht sich zu seinen Kollegen um: „Das sieht mir eher wie ein Menschenhintern aus.“

Zerstückelung nach dem Tod

Kurz vor 12.30 Uhr treffen die Polizeileutnants Pittschaft und Klicke sowie Polizeimeister Meier am sogenannten Nebenwehr ein. Über einen Brettersteg mit Rundeisen-Geländer gelangen sie zu dem Leichenteil. Kriminaltechniker Klicke notiert: „Die beiden unteren Gliedmaßen (Beine) sind unmittelbar am Rumpf abgetrennt. Besondere Kennzeichen wie Narben oder Leberflecken werden vorerst nicht festgestellt.“ Der Kriminalist schätzt das Alter des Toten auf „etwa 30 Jahre“, äußert aber gegenüber Pittschaft: „Da muss ein Gerichtsmediziner ran. Ich kann mit dem Alter auch danebenliegen.“

Die Mordkommission des Bezirks Halle wird eingeschaltet. Zunächst muss die Identität des Toten festgestellt werden. Dazu erhoffen sich die Bezirksermittler Hilfe vom Institut für Gerichtliche Medizin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Das Leichenteil ist knapp zwanzig Kilogramm schwer. Auffällig für die Obduzenten ist, dass sie an den Durchtrennungsstellen „keinerlei vitale Reaktionen finden“, also keine Unterblutungen des Unterhautfettgewebes oder tieferer Weichteilpartien. Demnach war der Mensch bereits tot, bevor der Rumpf abgetrennt wurde.

Aufgrund der „bis zu zehn Zentimeter langen, oberflächlichen, kratzerhaften Abschürfungen“ nahe der Durchtrennungslinien gehen die Rechtsmediziner davon aus, dass es sich bei der Tatwaffe der „Leichenzerstückelung“ um eine Säge gehandelt haben muss.

Spuren an den Knochen ergeben zudem, dass diese „nach dem Ansägen zuletzt möglicherweise mit einem massiven Tatwerkzeug (Hammer oder Beil) auseinandergeschlagen wurden“. Die Todesursache des Mannes, dessen Alter mittlerweile auf 35 bis 45 Jahre bestimmt wurde, bleibt aber unklar. Ebenso die Identität. Zu wem gehörte der Körperteil, der in der Mulde angeschwemmt wurde?

Außer dass es sich um einen Mann mittleren Alters handelt, der wahrscheinlich aus der Umgebung kommt, weiß die Mordkommission wenig über den Toten. Dennoch stoßen sie bei einem Abgleich der Vermisstenanzeigen auf einen Namen: Hans Senft aus Mühlbeck bei Bitterfeld. In der Anzeige ist vermerkt: „Seit dem 19. 3. 1962 unbekannten Aufenthalts“.

Verdächtiges Telegramm

Besonders stutzig werden die Beamten, als ihnen ein Telegramm in die Hände fällt, das der 40-Jährige am Tag seines Verschwindens um 15.30 Uhr bei der Post in Bitterfeld aufgegeben hat: „Ab 20. 3. Urlaub, meine Frau krank, Geld nach Heimatadresse“, Unterschrift: „Hans Senft“. Gerichtet war das Telegramm an den VEB Förderanlagen Calbe, dem Betrieb, in dem der Monteur arbeitete.

Überprüfung der Angaben

Eine Überprüfung der Angaben im Telegramm durch die Kriminalpolizei ergibt, dass die darin erwähnte Ehefrau Anneliese Senft gar nicht krank ist. Außerdem wird durch telefonische Nachfrage im VEB Förderanlagenbau Calbe ermittelt, dass Hans Senft seine Arbeit auf der Außenstelle des Kombinats „Schwarze Pumpe“ bereits am 19. beziehungsweise 20. März 1962 wieder aufnehmen sollte.

Nach einer Dienstberatung der Morduntersuchungskommission wird ein Ermittlungsverfahren gegen die Ehefrau des Vermissten eingeleitet. Der VP-Oberst Heinze weist an, die Ehefrau des Vermissten aufgrund der Widersprüche, die sich aus den bisherigen Ermittlungen ergeben haben, vorläufig festzunehmen.

Als Anneliese Senft, die Leiterin der HO-Universal in Bitterfeld, am 26. März gegen 18 Uhr gerade die Tür abschließen will, betreten Männer in Zivil die Verkaufsstelle: „Kriminalpolizei“, geben sie sich zu erkennen „Frau Senft? Anneliese Senft?“, vergewissert sich einer der Beamten, bevor er fortfährt. „Bitte, begleiten Sie uns zur Klärung eines Sachverhalts in die Dienststelle. Gegen Sie liegt ein Ermittlungsverfahren wegen Totschlags vor.“

Der 31-Jährigen weicht die Farbe aus dem Gesicht. Um nicht zusammenzusinken, muss sie sich am Verkaufstisch festhalten. Dann nickt sie kaum merklich und flüstert: „Kann ich meinen Mantel holen?“.

Kurze Zeit später sitzt Anneliese Senft ihren Vernehmern gegenüber. Zuerst beschreibt die „dringend Tatverdächtige“, die nach der 8. Klasse der Volksschule erst ein Jahr in der Landwirtschaft, dann als Streckenläuferin bei der Reichsbahn gearbeitet hat, ihre persönliche Entwicklung. Sie schildert detailliert die „Schrecken ihrer Ehe“ und wie sie von ihrem Ehemann misshandelt und sexuell drangsaliert wurde. Dann streicht sie sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, faltet ihre Hände auf dem Holztisch und schaut für einige Sekunden auf den Ermittler, der das Protokoll führt. Dann beginnt sie zu erzählen …

Haarscharf am Kopf vorbei

... Am 16. März kehrt Hans Senft von einem dreitägigen Montageaufenthalt in Cottbus zurück nach Mühlbeck. Um 18.30 Uhr kommt auch Anneliese Senft nach Hause. Um eine erneute Eskalation der Situation zu verhindern, geht sie in der Küche freundlich auf ihren Mann zu. Doch der schlägt die gereichte Hand aus: „Von mir kriegst du keine Hand.“ Kurz nach 21 Uhr geht sie ins Wohnzimmer. Dort sitzt Hans auf einem Stuhl und sieht fern. Er hat zwei Gläser Wein eingeschenkt. Dann lässt er seinen Bademantel fallen und verlangt von seiner Frau, ihren Morgenrock auszuziehen.

Er will sie zum Sex nötigen, versucht, ihr die Sachen herunterzureißen und sie auf den Sessel zu schubsen. Sie wehrt sich und schlägt ihm ins Gesicht. Hans Senft springt auf und läuft zur Tür: „Jetzt werde ich’s dir zeigen.“ Als er wieder in die Stube kommt, hält er in der rechten Hand ein kurzes Beil: „Sag bloß, ich traue mich nicht zuzuschlagen.“ Anneliese Senft steht auf und ergreift mit der linken Hand Senfts erhobenen Arm. Mit der linken Hand holt er aus und schlägt seiner Frau ins Gesicht.

Die 31-Jährige versucht zu entkommen und läuft um den Tisch zur Tür. Kurz bevor sie die erreicht, surrt das Beil haarscharf an ihr vorbei. Die Schrecksekunde nutzt der Mann aus, um sie auf den Fußboden zu werfen. Dann versucht er, sie zu vergewaltigen. Anneliese Senft bekommt das Beil zu fassen. Sie schlägt ihm mit der stumpfen Seite gegen den Kopf. Blut spritzt, und Hans Senft kippt von seiner Frau herunter.

Am 4. November 1962 spricht Oberrichter Klünder das Urteil: „Die Angeklagte wird wegen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt.“ 23 Jahre später wird die 54 Jahre alte Anneliese Senft begnadigt und nach Magdeburg entlassen.