Landtagswahl 2021

Hecklingen - Kommune ohne Spielräume

In Hecklingen nahmen noch weniger Bürger als im nahen Staßfurt ihr Wahlrecht wahr – Grund könnten auch fehlende finanzielle Spielräume sein, glaubt der Stadtchef.

Von Alexander Walter
Hecklingen bei Staßfurt: Nur gut die Hälfte der stimmberechtigten Bürger ging hier am 6. Juni zur Wahl. Die AfD kam auf 32,4 Prozent der Zweitstimmen.
Hecklingen bei Staßfurt: Nur gut die Hälfte der stimmberechtigten Bürger ging hier am 6. Juni zur Wahl. Die AfD kam auf 32,4 Prozent der Zweitstimmen. Foto: Alexander Walter

Hecklingen - Dass in seiner Stadt schon einmal besonders viele Leute zur Wahl gegangen wären, daran kann Uwe Epperlein (Freie Wähler) sich nicht erinnern. Immerhin seit 2015 ist er, der sich selbst als gebürtigen „Karl-Marx-Städter“ bezeichnet, hier als Bürgermeister im Amt.

Aus seinem Büro im historischen Rathaus, das auch der Feuerzangenbowle entsprungen sein könnte, blickt Epperlein auf einen idyllisch wirkenden Ort.

Nur 51,49 Prozent der Wahlberechtigten im 7000-Einwohner-Städtchen haben bei der Landtagswahl am 6. Juni ihre Stimme abgegeben – und damit noch weniger als im nahen Staßfurt. Landesweit lag die Wahlbeteiligung mit 60,3 Prozent deutlich höher. Den Schluss, dass die Hecklinger deshalb mit der Politik wunschlos zufrieden wären, sollte man daraus aber nicht ziehen, sagt Epperlein. Mit 32,4 Prozent landete die AfD in der Stadt denkbar knapp hinter der CDU (34,2 Prozent). „Viele dürften aus Protest AfD gewählt haben“, glaubt der Bürgermeister. Darauf deuteten viele Gespräche hin, die er führe. Unzufriedenheit gebe es vor allem mit der Corona-Politik.

Doch ist das wirklich der ausschlaggebende Grund? Es dauert eine Weile, bis der Bürgermeister zu einem Kernproblem der Gemeinde kommt: „Seit 2011 sind wir in der Haushaltskonsolidierung“, sagt er. Heißt: Die Stadt hat – so lange Epperlein im Rathaus sitzt – kaum Handlungsspielräume. Beispiel: Im Ortsteil Schneidlingen hätte die Stadt gern die Ortsdurchfahrt saniert. „Den Eigenanteil für Fußwege und Grünanlagen konnten wir aber nicht aufbringen“, sagt Epperlein. Folge: Das Projekt wurde gestrichen. Dabei ist es nicht so, dass die Stadt keine Firmen hätte, die Steuern zahlen und so Einnahmen generieren könnten.

Der Getränkehersteller Gänsefurther etwa hat hier einen großen Standort. Leider zahlten Unternehmen ihre Steuern bislang aber nicht dort, wo die Wertschöpfung erfolgt, sondern am Firmensitz, sagt Epperlein. Hecklingens Lage ist so prekär, dass die Stadt vor dem Bundesverwaltungsgericht gegen die Zahlung der Kreisumlage vorgehen will. Die Umlage fresse nahezu alle Landeszuweisungen auf, sagt der Bürgermeister. „Dabei müssen wir doch Infrastruktur vorhalten.“

„Es frustriert Ehrenamtler natürlich, wenn sie sehen, dass ihr Ort kaum Spielräume hat.“ Dabei ist Hecklingen laut Epperlein kein Wegzugsort. Viele Staßfurter hätten das Städtchen als Wohnort für sich entdeckt. Im Ortsteil Cochstedt entsteht das prestigeträchtiges Drohnenzentrum des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR).

Was aber sagen die Hecklinger selbst? Bei einem Besuch am Dienstagvormittag beendet der Tanzkreis Hecklingen gerade die erzwungene Corona-Pause in einem zur Straße hin offenen Saal. „Wir sind alle geimpft und froh, dass es wieder losgeht“, sagt Kursleiterin Karin Wieker. Was sind die Gründe für die niedrige Wahlbeteiligung und die hohe Stimmenzahl für die AfD?

Danach gefragt, ändert sich die Stimmung, und eine lebhafte Diskussion entbrennt – im Fokus: vor allem die Bundespolitik. Debatten über die Anhebung des Rentenalters seien eine Zumutung, sagt etwa Kursleiterin Karin Wieker, früher Berufsschullehrerin. Andere ärgern sich über die Besteuerung ihrer Renten oder über das beschlossene Plus bei der Grundsicherung für Hartz-IV-Bezieher. „Warum bekommen die jetzt mehr, Kurzarbeiter aber nicht“, fragt eine ältere Damen. Zum Schluss kommt die Runde dann aber auch auf ihre Heimat zu sprechen: „Dass hier industriell viel eingegangen ist, macht natürlich viel aus“, sagt eine Teilnehmerin.