Kriminalität

Rekordjahr für Brandstifter – So viele gelegte Feuer wie seit Jahren nicht

In Sachsen-Anhalt gab es im vergangenen Jahr knapp 2000 vorsätzliche Brandstiftungen und Sachbeschädigungen durch Feuer. So viele wie seit sieben Jahren nicht mehr.

Von Matthias Fricke
Feuerwehrmänner vor mehreren in Flammen stehenden Strohballen.
Feuerwehrmänner vor mehreren in Flammen stehenden Strohballen. dpa

Magdeburg - Als Landwirt Wolfgang Gabriel aus Eichholz bei Zerbst (Anhalt-Bitterfeld) in der Nacht zum 18. Mai 2021 durch die Dorf-Sirene geweckt wird, erblickt er aus seinem Fenster einen großen Feuerschein. Seine Strohdiemen stehen in Flammen. Auf zwei Stapeln sind mehr als 2000 Strohballen gelagert. Der 51-Jährige versucht in Eile mit seinem Teleskoplader zu retten, was noch zu retten ist. Gerade mal 200 Ballen kann er für seine 130 Milchkühe noch sichern. Der Rest ist weg. Der Schaden wird auf 30.000 Euro beziffert. Und: Es ist nicht das erste Mal, dass Unbekannte sein Stroh anzünden. Schon vor zwei Jahren brannte es bei ihm. Täter wurden nie gefasst. Auch der Zerbster Stadtwehrleiter Denis Barycza spricht von einer seltsamen Häufung: „Das entzündet sich ja nicht alles von allein.“ Im Mai brannte es in seinem Bereich in vier Wochen fünf Mal auf ähnliche Weise. Eine Häufung, die es so auch schon zum Jahreswechsel gab.

In Sachsen-Anhalt ist so etwas längst kein Einzelfall mehr. Denn vorsätzliche Brandstiftungen (z.B. bei Wohnungen, Firmen, Wäldern und Autos) und Sachbeschädigungen durch Feuer (Mülltonnen, Holzstapel oder Ähnliches) haben Konjunktur. Beide Delikte zusammen stiegen nach einer Statistik des Landeskriminalamtes (LKA) im vergangenen Jahr erneut von 1762 auf inzwischen 1924 Fälle an. Es ist inzwischen der höchste Stand seit sieben Jahren. LKA-Sprecher Michael Klocke: „Warum das so ist, dafür haben wir noch keine Erklärung.“

Am häufigsten wurde insgesamt im Jahr 2020 in Halle und Dessau-Roßlau, mit jeweils 13 Fällen auf 10.000 Einwohner berechnet, gezündelt. Es folgen das Jerichower Land (10,5) und der Landkreis Anhalt-Bitterfeld (4,06). Bei den schwereren Delikten (vorsätzliche Brandstiftung) liegen Dessau-Roßlau (6,9), Halle (5,5) und das Jerichower Land pro 10.000 Einwohner vorne.

Bei den Brandstiftungen konnte etwa jede dritte Tat aufgeklärt werden. Dürftiger sieht es bei den Sachbeschädigungen durch Feuer aus. Hier beträgt die Aufklärungsquote 20,7 Prozent – also nur jede fünfte Straftat. „In der Regel werden die Beweise durch das Feuer zerstört. Die Ursache lässt sich oft nur noch nach Ausschlussprinzip ermitteln“, so LKA-Sprecher Klocke.

Für den SPD-Innenpolitiker Rüdiger Erben ist „ein Teil des Problems der fehlende qualifizierte Nachwuchs bei den Ermittlern“. Das CDU-geführte Innenministerium erklärt hingegen, dass es genug Brandermittler gebe. Die Polizeiinspektion Dessau-Roßlau verfüge über zehn solcher „im zehntägigen Speziallehrgang“ ausgebildeten Polizisten, Halle über elf, Stendal über fünf und Magdeburg über 27. Zudem würden drei Sachverständige als „qualifizierte Brandursachenermittler“ im LKA arbeiten. Lars Fischer vom Innenministerium: „Grundsätzliche Probleme sind uns nicht bekannt.“ Uwe Bachmann, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) sieht das anders: „Wir haben zu wenig sachverständige Brandursachenermittler und auch der zehntägige Lehrgang reicht einfach nicht aus.“

Zu den 844 vorsätzlichen Brandstiftungen im vergangenen Jahr sind 229 Verdächtige ermittelt worden, darunter 24 Frauen. Etwa jeder Zweite war dabei älter als 21 Jahre. Ganz anders sieht es bei den Sachbeschädigungen durch Feuer aus. Hier dominieren die jüngeren Altersgruppen. Von den 218 ermittelten Verdächtigen waren 121 im Alter bis zu 18 Jahren. Das waren damit also mehr als die Hälfte.

GDP-Landeschef Bachmann: „Das Problem ist, dass sich Brandstifter immer weiter entwickeln, wenn man sie nicht stoppt.“ Typische Serien-Brandstifter sind im jüngeren Alter, Einzelgänger und haben oft auch Probleme im Elternhaus. Sie beginnen oft mit kleineren Zündeleien und trauen sich dann an größere Sachen. Sehr oft beobachten sie dabei weiter das Geschehen am Brandort.