Landtagswahl 2021

Was bleibt von der These des diktatursozialisierten Ostdeutschen?

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt haben besonders häufig die Jüngeren die AfD gewählt. Bei den Über-60-Jährigen hingegen schnitt die Partei am schlechtesten ab.

Von Alexander Walter
Wahlplakat der AfD in Sachsen-Anhalt: Jüngere wählen besonders häufig die AfD.
Wahlplakat der AfD in Sachsen-Anhalt: Jüngere wählen besonders häufig die AfD. Foto: dpa

Magdeburg - Hunderte Journalisten haben am Sonntag aus den Magdeburger Messehallen über die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt berichtet. Ohne die Erwartung eines Kopf-an-Kopfrennens zwischen CDU und AfD wäre mancher von ihnen möglicherweise gar nicht erst angereist.

Tage vor der Wahl hatte der Ostbeauftragte der Bundesregierung Marco Wanderwitz mit einer umstrittenen These die Aufmerksamkeit für den Urnengang nochmals erhöht: Er sehe in Ostdeutschland eine stärkere Neigung, rechte Parteien zu wählen, sagte der CDU-Politiker.

Begründung: „Wir haben es mit Menschen zu tun, die teilweise in einer Form diktatursozialisiert sind, dass sie auch nach dreißig Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind.“ Nur ein geringer Teil der AfD-Wähler sei „potenziell rückholbar“, man könne nur „auf die nächste Generation“ hoffen, so Wanderwitz.

Die Realität nach der Wahl: Ein Sieg der AfD blieb aus, die Partei konnte sich bei leichten Verlusten lediglich stabilisieren. Doch nicht nur das: Daten zum Wahlverhalten widersprechen auch der Begründung, die Wanderwitz für seine These lieferte: Demnach waren es nicht die Älteren, sondern vor allem die Altersgruppe der „Nachwendekinder“ zwischen 25 und 34 Jahren, die die AfD wählte. 31 Prozent der Männer zwischen 25 und 34 machten ihr Kreuz bei den Rechtspopulisten. Bei den Frauen waren es 22 Prozent.

In der Gruppe der Über-60-Jährigen dagegen, jener Gruppe also, auf die die Zuschreibung „diktatursozialisiert“ noch am ehesten zutreffen würde – wenn man sie denn teilt - fiel die Zustimmung zur AfD am geringsten aus (15%). In keiner Altersgruppe war der Vorsprung der Union auf die übrigen Parteien zugleich so groß.

Generell gilt: Je älter die Wähler, desto konservativer haben sie gewählt. Je jünger, desto politischer und risikofreudiger war das Wahlverhalten. Bei den 18- bis 24-Jährigen etwa wählten die meisten Männer AfD (20 %, CDU 18 %, FDP 16%). Junge Frauen gaben vor allem der CDU ihre Stimme (18 %), dicht gefolgt von Grünen (16 %) und Linken (15 %). Die Gründe des Wahlverhaltens der Jüngeren analysierte am Montag etwa die „Zeit Campus“:

Junge Menschen seien Themenwähler, zitierte die Online-Ausgabe den Berliner Bildungsforscher Klaus Hurrelmann. Und die AfD sei themenstark. Sie stehe für Fundamentalopposition, ein konservatives bis rechtsradikales Weltbild und die Ablehnung von Migration. Junge Menschen nähmen zudem weniger CDU und SPD als Gegenspieler wahr. An ihre Stelle träten zunehmend AfD und Grüne.

Mit Blick auf die zahlenmäßig größte Gruppe der älteren Wähler lässt sich das Wahlergebnis in vielen Fällen unterdessen als Sicherheitswahl deuten. Mögliches Kalkül vieler: Besser der CDU die Stimme geben als mit der AfD als stärkster Partei aufzuwachen.

Eine Rolle gespielt haben dürfte dabei auch eine von der „Bild“ veröffentlichte Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa kurz vor der Wahl. Diese hatte die AfD überraschend vor der CDU gesehen. Der Union hat die Angst vor einer zu starken AfD offenbar in die Karten gespielt.

35.000 Stimmen holte sie von Nichtwählern – sie mobilisierte also viele, überhaupt erst zur Wahl zu gehen. Gleichzeitig nahm sie den kleineren Parteien SPD und Linke 15.000 beziehungsweise 13.000 Stimmen ab. 11.000 Stimmen holte sie aber auch von der AfD – auch das widerspricht übrigens der These des Ostbeauftragten, nur ein geringer Teil der AfD-Wähler sei rückholbar.

Unter Journalisten sorgten Zeitpunkt und Aussage der Insa-Umfrage in den sozialen Medien für Unverständnis: „Es ist schon Wahnsinn, wie sehr diese eine Insa-Umfrage, die die AfD in Sachsen-Anhalt vorn sah, womöglich a) danebenliegen könnte und b) die Wahl zugunsten der CDU beeinflusst“, schrieb etwa Tagesspiegel-Redakteur Julius Betschka am Sonntagmittag bei Twitter.