Volksstimme auf Wochenend-Nachtschicht mit Beamten der Polizei

Lauschig, laut und lallend - eine ganz normale Sommernacht in Magdeburg

Von Robert Richter

Magdeburg l Partys und Promille halten die Magdeburger Polizei Nacht für Nacht auf Trab. Doch nicht nur, wenn Teufel Alkohol wütet, sind die Ordnungshüter zur Stelle. Eine Nachtschicht mit Beamten vom Revierkommissariat Süd-Ost.

Abends halb zehn in Magdeburg. Die Stadt ist in Abendlicht getaucht. Polizeiobermeisterin Andrea Huth am Steuer und Polizeikommissar Stefan Gamroth düsen mit Blaulicht im Bulli zur Regierungsstraße. Hinter dem Allee-Center soll es eine Schlägerei mit einem Verletzten gegeben haben.

An der so genannten Trinkerwiese hocken Männer mit kurz geschorenen Haaren und Bierflaschen. Es wird gejohlt und krakeelt, als der Polizeiwagen vorfährt. Etwas abseits sitzt der Verletzte auf der Wiese, Blut läuft ihm übers Gesicht. Über dem linken Auge hat er eine Wunde. Rettungssanitäter der Berufsfeuerwehr kümmern sich schon um ihn. Den Beamten erklärt der 38-Jährige, er sei gestürzt. Umherstehende Männer sagen aber, er sei von einer anderen Gruppe verprügelt worden.

Polizist Stefan Gamroth traut seinen Augen kaum, als er die Zahl auf dem Alkomaten sieht. 4,54 Promille hat der Verletzte gepustet. Für ihn heißt die nächste Station: Uniklinik. Nur widerwillig lässt sich der Mann in den Rettungswagen bewegen. "Wir werden eine Anzeige wegen des Verdachts der Körperverletzung gegen Unbekannt schreiben", sagt Stefan Gamroth. Er fährt zum Schutz der Sanitäter mit im Krankenwagen in die Klinik, Andrea Huth hinterher. Die Männer von der Wiese winken, als die Fahrzeuge starten.

An der Schweriner Straße hat es kräftig gerumst. So laut, dass ein Anwohner die Polizei gerufen hat. Der nächste Einsatz. Vor einem Wohnblock in der Nähe entdecken die Beamten auf der Straße Papierfetzen, vermutlich von so genannten "Polenböllern". Wer die verbotenen Knaller gezündet hat, ist beim besten Willen nicht mehr auszumachen. Abbruch.

22.15 Uhr. Im Hopfengarten soll eine laute Party toben. Ein Nachbar fühlt sich massiv gestört. Hinter einem Mehrfamilienhaus am Otternweg feiern Bewohner mit Gästen im Garten. Als die Beamten dazustoßen, bewegt sich musikalisch alles im Normalpegel. Doch lauthals beklagt sich nun die Partygesellschaft über eben jenen Nachbarn. Der habe einem ihrer Gäste auf der Straße derart deutlich die Meinung gesagt, dass der Angegriffene inzwischen mit blutiger Nase Richtung Medico-Zentrum abziehen musste. "Wir lassen dem Geschädigten übermitteln, dass er auf einer Polizeidienststelle Anzeige erstatten kann", sagt Stefan Gamroth. Der genervte Nachbar im Nebenhaus öffnet den Beamten hingegen nicht mehr die Tür.

Am Ulrichshaus in der City fließen unterdessen Tränen. Ein Beziehungsstreit zwischen einem betrunkenen Mann und seiner Freundin ist auf offener Straße ausgebrochen. Eine Passantin hört laute Schreie der Frau, ruft lieber die Polizei. "Hier müssen wir jetzt ein bisschen Sozialarbeit leisten", sagt Stefan Gamroth. Der Mann beruhigt sich. Gamroth funkt schließlich in die Zentrale: "Die beiden haben uns in die Hand versprochen, dass sie jetzt in Ruhe nach Hause gehen."

Es geht auf 1 Uhr zu. Rund um den Hasselbachplatz herrscht Hochbetrieb an den Bars und auf den Bänken am Rondell. Probleme gibt es aber wegen einer Privatparty an der Otto-von-Guericke-Straße. Ein Anwohner hat ruhestörenden Lärm gemeldet. "Der Kollege hat am Telefon selbst die Musik scheppern gehört, es muss tierisch laut gewesen sein", sagt Stefan Gamroth.

Doch nun ist auf besagtem Innenhof nichts mehr zu hören. Vor einem Hausgang sitzen junge Leute bei einer Zigarette. "Sie haben sofort eingeräumt, dass sie die Musik zu laut hatten und haben schon von sich aus leiser gedreht. Solche Fälle sind uns natürlich die liebsten", sagt Polizeikommissar Gamroth mit einem Lächeln.

1.30 Uhr, Förderstedter Straße. Eine Hausbewohnerin wurde offenbar verprügelt, der Nachbar, zu dem sie sich flüchtete, wählte den Notruf. In der Wohnung der Frau treffen die Beamten ihren Ex-Partner und seine neue Freundin an, beide völlig betrunken. Der Mann, 48 Jahre alt, erklärt den Beamten unten auf der Straße, er habe noch Sachen aus der Wohnung holen wollen. "Klären Sie das bitte, wenn Sie wieder nüchtern sind", sagt Polizeiobermeisterin Andrea Huth freundlich, aber bestimmt.

Die 45-jährige Freundin des Mannes kann nur noch lallen, will ihren Ausweis erst nicht herausrücken. Nach einer Weile kramt sie ihn doch aus der Tasche. Andrea Huth notiert die Daten. Dann taumelt das Paar davon. "Sie haben einen Platzverweis für 24 Stunden erhalten und beide eine Anzeige wegen Verdachts der Körperverletzung", sagt Stefan Gamroth.

Noch eine Rangelei mit Betrunkenen gegen drei Uhr in einem Sudenburger Imbiss, eine verwirrte Rentnerin im Hopfengarten, die laute Musik hört, obwohl nachweislich alles mucksmäuschenstill ist, eine weitere Körperverletzung und ein Fehlalarm - dann ist die Schicht zu Ende.

Insgesamt gab es in dieser Nacht zwischen 20 und 6 Uhr 66 Einsätze im Polizeirevier Magdeburg. Eine "verhältnismäßig ruhige Nacht", sagen die Beamten. In ein paar Stunden geht der ganz normale Wahnsinn schon wieder weiter.