Halberstadt/Ballenstedt/Bismark l  Sachsen-anhaltische Produzenten schieben Sonderschichten, um den Bedarf an Fertiggerichten decken zu können, und hoffen, dass die Verbraucher nachhaltig auf den Geschmack kommen. Silke Erdmann-Nitsch hat in diesen Tagen ein lachendes und ein weinendes Auge. Die Geschäftsführerin der „Halberstädter Würstchen und Konservenvertriebs GmbH“ freut sich, dass Verbraucher auf Würstchen und Suppen aus ihrer Heimat zurückgreifen. Die Produktion hat sich verdoppelt, die Belegschaft arbeitet im 1,5-Schichtbetrieb. „Unsere Mitarbeiter ziehen mit“, sagt die Geschäftsführerin. Aber zugleich blute ihr auch das Herz.

Neben der traditionsreichen Würstchenfabrik steht die „Villa Heine“. Das 1918 vom Unternehmensgründer gebaute Haus und heutige Wellness-hotel musste wie viele andere Herbergen und Hotels den Betrieb einstellen. Gekaufte Ware lagert in Kühlhäusern, Energie- und Betriebskosten laufen weiter. Bier aus der hauseigenen Brauerei wartet in Fässern auf bessere Zeiten, wird nur angezapft für Flaschen, die derzeit abgefüllt und direkt verkauft werden. „Ich finde alle Maßnahmen zur Eindämmung der Virusverbreitung richtig, aber wir brauchen eine Lösung“, sagt Silke Erdmann-Nitsch, die auch im Wellnesshotel die Geschäfte führt.

Frisch gekocht schmeckt es wie bei Muttern

Die meisten Hotelmitarbeiter helfen zurzeit in der Suppenküche von „Halberstädter Würstchen“. „Was viele nicht wissen, ist, dass wir hier frisch in großen Kesseln kochen. Das schmeckt wie bei Muttern“, so die Geschäftsführerin. Sie ärgere sich darüber, dass es immer noch Vorurteile über die Verpackung gebe. „Wir verwenden kein Plastik, unsere Dosen und Gläser sind recycelbar“, so Erdmann-Nitsch. „Die Konserve ist ein gutes Produkt. Ich hoffe, dass die Nachfrage jetzt nicht nur eine Wellenbewegung ist, und die Verbraucher es wieder mehr zu schätzen wissen.“

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Darauf setzt auch Ekkehard Heilemann. Der Geschäftsführer der „Keunecke Feinkost GmbH“ ist sich sicher, „dass Konserven nach der Corona-Zeit eine Renaissance erleben werden“. „Viele Verbraucher haben sich einen Vorrat angeschafft. Wenn sie merken, wie gut diese Produkte sind, bleiben sie möglichweise dabei“, sagt er.

In seinem Betrieb in Ballenstedt, Ortsteil Badeborn, wird seit Wochen in Zehn-Stunden-Sonderschichten gearbeitet, teilweise auch samstags. „Wir haben eine Riesennachfrage“, sagt der „Keunecke“-Chef. Die Bestellmenge sei teilweise um ein Mehrfaches gestiegen. Viele Zentralläger des Lebensmittelhandels, aber auch Einzelhändler ordern große Mengen. Anfang März wurde darum die Produktion umgestellt. Mit etwa 200 Einzelartikeln hat „Keunecke“ ein breites Portfolio.

„Harzer Wurst ist gerade der Renner“

Bis zu sechs Artikel pro Tag werden frisch hergestellt, andere auf Vorrat produziert. „Dadurch waren wir lieferfähig, als die Nachfrage explodiert ist“, sagt Heilemann. „Zum Glück ziehen unsere Mitarbeiter gut mit, obwohl sie teils stark belastet sind, weil sie kleine Kinder haben, die betreut werden müssen.“ Ekkehard Heilemann geht davon aus, dass das Unternehmen mit zwei weiteren Standorten in Thüringen und Niedersachsen auch künftig gut zu tun haben wird.

„Keunecke Feinkost“ verkauft die Produkte fast bundesweit, das Unternehmen wachse seit Jahren, so der Geschäftsführer. Zurzeit sind die „Harzer Wurst“, Fleischkonserven, das „Harzer Würzfleisch“ und das „Frikassee“ der Renner im Programm.

„Zuversicht ist für uns alle sehr wichtig

„Wir setzen darauf, dass die Menschen merken, welche Vorteile die Konserve hat. Sie ist lange haltbar, sicher und die Gerichte sind frisch zubereitet. Daran erinnern sich hoffentlich alle, die jetzt auf Konservenprodukte zurückgreifen“, sagt Ekkehard Heilemann, der sich als „Motivator“ bezeichnet und nachschiebt: „Zuversicht ist für uns alle gerade jetzt sehr wichtig.“

Das ist auch die Devise von Antje Mandelkow. Die Geschäftsführerin von „Kelles Klädener Suppenmanufaktur GmbH“ im Bismarker Ortsteil Kläden hat zwar bedauert, dass ihr Suppencafé und der Hofladen geschlossen werden mussten, konnte sich jedoch noch im Januar über Erfolge auf der „Internationalen Grünen Woche“ freuen. Auf der Messe in Berlin hatte das altmärkische Unternehmen neue Aufträge eingefahren. Kurz danach ging das los, was Antje Mandelkow als „Ausnahmesituation“ bezeichnet. „Kelles“ Konserven werden zuhauf bestellt.

10 000 Suppendosen am Tag produziert

Die Produktion des Betriebes hat sich verdreifacht. „Wir arbeiten auf Anschlag, auch zu Ostern waren viele hier im Einsatz“, sagt die Chefin. Im Schnitt werden 7500 Suppendosen am Tag produziert, manchmal sind es auch 10 000. Große Handelsketten fragen zurzeit in Kläden an.

Nicht alle Aufträge könnten jedoch angenommen werden. „Wir stehen für Qualität. Die möchten wir beibehalten und nicht der Quantität opfern. Schließlich wird es auch eine Zeit nach Corona geben“, so die Suppenmanufaktur-Chefin.