Magdeburg l Fehlende Fachlehrer, Wegfall ganzer Arbeitsgemeinschaften – wegen des Lehrermangels platzte Eltern von Grundschülern in Zerbst der Kragen. Bildungsminister Marco Tullner (CDU) übergaben sie 4100 Protestunterschriften. Auch in Roßla im Südharz gingen Eltern an die Öffentlichkeit: Weil an der Sekundarschule 7 von 29 Kollegen erkrankt waren, musste die Leitung tageweise ganze Klassen nach Hause schicken.

Einzelfälle oder Hinweis für eine Zuspitzung der Lage an den Schulen? Gewerkschaften und Opposition hatten zum Schuljahresbeginn vor neuen Rekordausfällen gewarnt. Zwei Monate nach Schulstart sieht ein Bündnis aus Verbänden, Gewerkschaften sowie der Linken gegen den Lehrermangel die Befürchtungen bestätigt: „Was die Basis an uns heranträgt, ist katastrophal“, sagte Thomas Jaeger, Sprecher im Landeselternrat.

Erst vor zwei Wochen hatte Tullner selbst Verschlechterungen eingeräumt. Trotz 1000 geplanter Neueinstellungen 2018 sei die Unterrichtsversorgung von 101 Prozent im vergangenen Schuljahr nochmals auf 99,4 Prozent gesunken. Normal wären 103 Prozent – um etwa Erkrankungen abfedern zu können. Tullner begründete den Trend vor allem mit einem Zuwachs von 1000 Schülern im System.

Versorgung schöngerechnet?

Aus Sicht des Bündnisses ist die Einschätzung Tullners noch zu positiv: „Er rechnet die Versorgung schön“, sagte Eva Gerth, Chefin der Lehrergewerkschaft GEW. Wegen geschätzt 400 langzeiterkrankter Lehrer und ebenso vieler Kollegen in Elternzeit, habe die Zahl der Pädagogen, die vor den Klassen stehen, trotz Neueinstellungen sogar abgenommen. Das Landesschulamt erhebe genauere Zahlen, lege diese aber nicht vor. Linken-Fraktionschef Thomas Lippmann rechnet unterm Strich mit einer tatsächlichen Unterrichtsversorgung von unter 98 Prozent.

Das Bündnis gegen den Lehrermangel erwägt nun erstmals ernsthaft ein Volksbegehren. Es wäre der zweite Schritt nach einer Volksinitiative 2017. Damals hatten die Initiatoren 77.000 Unterschriften gesammelt und sich so das Rederecht im Landtag erstritten. Tullner hatte daraufhin unter anderem zugesagt, 2018 1000 Lehrer einzustellen. Über die Umsetzung der Zusagen ist das Bündnis aber enttäuscht. So seien noch immer nicht alle Stellen besetzt, sagte Grundschulverbandschefin Thekla Mayerhofer. Zudem habe man 1000 Stellen zusätzlich gefordert.

Werbung forcieren

Der neue Plan: Im Ergebnis einer Unterschriftensammlung soll der Landtag einen festen Personalschlüssel für Schulen im Schulgesetz festschreiben. Bevor das Bündnis aktiv wird, will es Tullner aber bis Jahresende Zeit für Nachbesserungen geben. Weil Lehrer auf dem Arbeitsmarkt rar sind, fordern die Initiatoren etwa mehr Werbung für offene Stellen und eine bessere Bezahlung von Überstunden.

Ministeriumssprecher Stefan Thurmann sagte: „Wir sind dicht dran, die Zahl besetzter Vollzeitstellen – wie zugesagt – schneller als geplant auf 14.500 zu erhöhen.“ Zudem plane man finanzielle Anreize, damit sich freiwillige Mehrarbeit lohnt. Im November starte eine Imagekampagne für den Lehrerberuf. „Wir schöpfen alle Möglichkeiten aus. Wir stoßen aber auch an Grenzen“, so Thurmann.

Der Kommentar "Land lässt sich zu viel Zeit" zum Thema.