Genthin l „Ohne euch hätte ich diese schwere Zeit nicht überstanden“, sagt Anni P.*. Sie gehörte zu den ersten Teilnehmern des Genthiner Trauercafès kurz nach dessen Gründung 2009. Damals hatte sie nach 44 Jahren Ehe ihren Mann verloren.

„Wir haben uns in den Jahrzehnten zuvor ein gemeinsames Leben aufgebaut, plötzlich ist alles vorbei“, erzählt Anni P. Schwer sei es dann, ins geregelte Leben zurückzufinden. „Im Trauercafé habe ich gelernt, loszulassen und mit meinem Verlust umzugehen.“

Angebot für Hinterbliebene

Dass es dieses Angebot für Trauernde in Genthin gibt, ist Annemarie Büttner zu verdanken, die lange als Hausärztin in Genthin gearbeitet hat und 2008 ihre Praxis abgab. „Ich wollte weiterhin etwas Sinnvolles mit und für die Menschen tun“, erklärt die 76-Jährige.

Ihr sei in Erinnerung gewesen, dass sie als Ärztin oft todkranke Menschen bis zuletzt begleitet habe, ebenso die Angehörigen. „Aber wenn ein Patient verstorben war, blieben die Angehörigen zurück.“ Hier wollte sie etwas tun.

Ausbildung als Trauerbegleiterin

In Stendal erfuhr Annemarie Büttner vom dortigen Trauercafé und ließ sich zur Trauerbegleiterin ausbilden. Dabei bekam sie Unterstützung von Krankenschwester Elfriede Urban, die seit 2003 als ehrenamtliche Hospizhelferin tätig war.

Im November 2009 betreuten die beiden Frauen das erste Trauercafé im Gemeindehaus der evangelischen Kirche. Nicht konfessionell gebunden und auch nicht auf Genthin beschränkt. Die Teilnehmer kamen von Beginn an auch aus umliegenden Orten wie Jerichow, Burg oder Möckern. Seitdem treffen sich einmal im Monat etwa zehn Frauen und Männer. Die Gruppe verändere sich ständig. Es kommen neue Teilnehmer dazu, andere kommen nicht mehr.

Trauer wird verarbeitet

„Die Trauer verarbeitet jeder für sich ganz unterschiedlich, viele sind verzweifelt, wenn sie zu uns kommen, jedoch merken sie nach einiger Zeit, dass sich die Gefühle gemeinsam leichter tragen lassen“, sagt Elfriede Urban.

Jeder dürfe bei dem Zusammentreffen darüber sprechen, was ihn bewegt, und jeder hört jedem zu. Das passiert ohne Wertung und Kommentare. Schließlich drücke das die Befindlichkeiten eines jeden Trauernden aus.

Über Gefühle sprechen

Wie wichtig dieses Sprechen über die eigenen Gefühle ist, macht Gerda K. * deutlich. „Als meine Tochter vor 25 Jahren starb, hätte ich das Trauercafé gebraucht, es war sehr schwer, diesen Verlust zu verkraften, obwohl mein Schwiegersohn und die Enkelkinder da waren.“

Ihren Weg in das Trauercafé fand die heute 80-Jährige erst, als ihr Mann nach einer schweren Krebserkrankung 2010 starb. „Ich hatte mich danach sehr zurückgezogen und wollte auch niemanden sehen, erst in der Gesprächsrunde konnte ich zu mir finden und mit der Trauer umgehen.“

Auch Lachen erlaubt

Dabei gehe es nicht nur traurig, sondern manchmal auch lustig zu. „Auch die Erinnerung an kuriose oder freudige Begebenheiten gehört zur Trauerbewältigung dazu“, sagt Annemarie Büttner. Jeder Nachmittag beginnt mit einem Kaffeetrinken und einer Vorstellungsrunde, wenn ein neues Gesicht mit am Tisch sitzt. Jeder erzählt, wie es ihm geht und was er in den vergangenen vier Wochen erlebt hat.

Nach einer Entspannungsrunde, in der die Teilnehmer zur Ruhe und Besinnung kommen, arbeiten die Frauen und Männer mit einem Thema, das Annemarie Büttner vorbereitet hat.

Treffen beinhalten ein Thema

„Das Haus“ ist so ein Thema. In diesem Modellhaus können die Teilnehmer Dinge neu ordnen, den Keller entrümpeln oder neue Farben aufbringen. Es sei eine Übung auch für das richtige Leben, in dem nach dem Verlust eines geliebten Menschen Dinge neu geordnet werden müssen. Ziel des Trauercafés ist es, den Betroffenen mit der Zeit neuen Lebensmut und neue Hoffnung zu vermitteln. Bei den beiden frühen Teilnehmern hat das funktioniert.

Anni P. hat, auch durch die Erfahrungen im Trauercafé, neuen Mut gefasst und mit Mitte 60 den Autoführerschein gemacht. „Damit ich unabhängig und mobil bin“, sagt sie.

Spenden für gemeinsamen Ausflug

Gerda K. war viele Jahre Vorsitzende im Kleingartenverein, ging auch nach dem Tod ihres Mannes in dieser Aufgabe auf. „Durch das Trauercafé habe ich auch gelernt, auf die Lebenszeit mit meinem Mann mit Freude und nicht mit Trauer zurückzuschauen.“

Annemarie Büttner und Elfriede Urban würden sich über Spenden der Volksstimme-Leser freuen. „Wir wollen damit das Trauercafé erhalten, aber auch die Gemeinschaft der Teilnehmer weiter stärken“, sagen die Frauen. So sei unter anderem 2018 eine Fahrt zur Landesgartenschau nach Burg geplant. Aber zuvor steht ein besonderes Treffen an: „Im Februar gibt es das 100. Trauercafé, dazu wollen wir frühere Teilnehmer einladen.“

* Die Namen wurden auf Wunsch der Gesprächspartnerinnen geändert.