Darlingerode l Die Anstrengung ist ihr ins Gesicht geschrieben. Darüber täuscht auch das Lächeln nicht hinweg. Conny Lammers atmet schwer. Immerhin schiebt sie Christian Nust – einen hochgewachsenen jungen Mann – in seinem Rollstuhl einen steilen Hügel hinauf. Im Laufschritt. Die beiden trainieren. Im kommenden Jahr wollen sie unter anderem beim Firmenlauf in Wernigerode (Landkreis Harz) und beim Leipzig-Marathon antreten. Als Teil des Teams „Haus Oehrenfeld“.

Dieses setzt sich aus Bewohnern und Mitarbeitern der Einrichtung für Körperbehinderte zusammen, die in dem Ilsenburger Ortsteil Darlingerode im Landkreis Harz beheimatet ist. Etwa 15 Mitglieder gibt es bislang. Weitere sind jederzeit willkommen, sagt André Schrader, der organisatorische Leiter der Gruppe. Alter, Beruf und Art des Handicaps spielen keine Rolle.

Mitarbeiter machen mit

Er selbst ist gelernter Möbeltischler und leitet die Holzwerkstatt in Oehrenfeld. Das gemeinsame Training, das Hoffen auf gute Platzierungen und die Fahrten zu den Wettbewerben bieten Gelegenheiten, die Bewohner von einer anderen Seite kennenzulernen. Dann sind sie nicht diejenigen, die betreut werden, sondern Teammitglieder.

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Das war auch ein Grund für Henning Römmer, Küchenchef der Einrichtung, sich anzuschließen. „In meinem Job komme ich mit den Bewohnern und Mitarbeitern nur selten in Kontakt. Sie kommen nur kurz zum Essen vorbei“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Er habe mehr über die Menschen, für die er kocht, erfahren wollen. Angenehmer Nebeneffekt: Er kann gleichzeitig für sein persönliches Ziel trainieren. „Ich möchte beim Brockenmarathon mitlaufen“, sagt er.

Einmal in der Woche, am Mittwoch, findet das Training statt. Bei sengender Hitze ebenso wie bei Regen und eisigem Wind. „Das Wetter bietet immer gleich ein Gesprächsthema“, sagt Ines Helbig. Trainingseinheiten bei jeder Witterung kennt die 47-Jährige gut. In ihrer Jugend war sie Langläuferin, wie sie berichtet.

Mittlerweile arbeitet sie als Physiotherapeutin bei der Gemeinnützigen Paritätischen Gesellschaft für Sozialarbeit in Darlingerode. Trotz der guten Ausstattung der Praxisräume sei sie dankbar für die Gelegenheit, herauszukommen und Sport zu treiben. „Das tut den Bewohnern gut und uns auch“, betont sie, „Bewegung ist Leben.“ Der Ehrgeiz der Bewohner, für einen Wettbewerb fit zu sein, sei oft viel größer als der während der Übungen in den Therapiestunden. Vor einem Lauf seien alle hoch motiviert.

Rippenbruch nach Sturz

Und sie lassen sich auch von Rückschlägen nicht aufhalten. André Ryll zum Beispiel. Bei einer Staffelübergabe vor wenigen Monaten ist der 53-Jährige mit seinem Rollstuhl umgekippt. „Ich habe mir eine Rippe gebrochen“, berichtet er. Die Schmerzen seien sehr stark gewesen, Bewegungen nur eingeschränkt möglich.

Das erinnerte ihn an eine harte Zeit in seinem Leben. Als junger Mann verlor er sein rechtes Bein. „Ich hatte eine Bluterkrankung und eine Venenverstopfung. Das Bein musste abgenommen werden.“ Nach der Diagnose fiel er in tiefes emotionales Loch, aus dem er dank der Betreuung in einer Einrichtung herauskam. Seit rund 17 Jahren wohnt der gebürtige Magdeburger nun im Haus Oehrenfeld. Sein Schicksal hat er akzeptiert, seine Lebensfreude ist zurück. „Besser das Bein ist ab und ich bin dafür die Schmerzen los“, sagt er schulterzuckend. Mitleidige und erstaunte Blicke auf der Straße stören ihn kaum noch. „Kinder fragen manchmal, was mit meinem Bein ist, aber das finde ich nicht schlimm.“ Das Gefühl, allein zu sein, sei schlimmer. Auch deshalb habe er sich der Laufgruppe, die im Sommer 2015 gegründet wurde, angeschlossen. „Und damit das hier weniger wird.“ Er lacht und zeigt auf seinen Bauch.

Trotz seines Unfalls trainiere er gern. „Aber nicht mehr im Rollstuhl, das traue ich mich seitdem nicht mehr.“ Von Angst ist jedoch nichts zu sehen, wenn er mit dem Handbike seine Runden dreht. Das Gefährt ist länglich, hat drei Räder, der Sitz befindet sich nur knapp über dem Boden. Statt Pedalen für die Füße gibt es welche für die Hände. Und das Bike kann richtig schnell werden. „Mehr als 20 Kilometer in der Stunde sind möglich“, berichtet André Schrader. Das hat er selbst ausprobiert, verrät er und grinst.

Das Handbike sieht nicht nur windschnittig aus, sondern auch brandneu. Der Eindruck täuscht. „Wir haben es erst vor kurzem gebraucht gekauft. Dank Spendengeldern“, berichtet Schrader. 1350 Euro hat das neun Jahre alte Bike gekostet – für ein neues müsste die Laufgruppe 5000 Euro investieren. Von den Krankenkassen gibt es für die sportlichen Gefährte keine Zuschüsse, so der Teamleiter. Die Bewohner, von denen nur wenige in der Werkstatt arbeiten, könnten die Handbikes selbst nicht bezahlen. Deshalb sei die Gruppe auf Spenden angewiesen. Zumal auch Fahrkosten, Trikots und Startgelder bezahlt werden müssen.

Spenden für Rollstuhl

Die nächste geplante Anschaffung schlägt noch höher zu Buche: Ein Marathonrollstuhl für 7500 Euro, informiert Schrader. Viel Geld, aber die Investitionen sind notwendig. „Normale Rollstühle sind nicht geeignet – das haben wir, besonders André Ryll, schmerzlich erfahren müssen.“ Das Sitzen während der Läufe sei sehr unbequem und das Risiko eines erneuten Unfalls hoch. „Der Schiebekomfort lässt ebenfalls zu wünschen übrig.“

Das kann Conny Lammers nur bestätigen. „Zwei Kilometer fühlen sich an wie zehn“, gesteht die Ergotherapeutin lachend. Als Mutter von Zwillingen ist sie zwar daran gewöhnt, großes Gewicht zu schieben, dennoch sei sie froh, wenn gewechselt wird – besonders nach steilen Hügeln. Warum ist sie überhaupt Mitglied der Gruppe? „Es macht einfach Spaß und es ist toll zu sehen, wie die Bewohner sich freuen“, sagt sie. Im Alltag werden Rollstuhlfahrer schon mal übersehen, bei den Läufen wecken sie dagegen die Aufmerksamkeit des Publikums. „Bei Wettbewerben feuern uns die Leute an, jubeln. Das ist ein tolles Gefühl der Wertschätzung.“