Halle (dpa) l Die sterblichen Überreste von 74 Kindern werden an diesem Donnerstag auf dem Gertraudenfriedhof in Halle zur letzten Ruhe gebettet. Damit geht für die Medizinische Fakultät der Universität ein Kapitel bundesweit wohl einmaliger Geschichte zu Ende. Denn die konservierten Körper dieser Kinder lagerten seit Jahrzehnten in einem Keller des Instituts für Anatomie und Zellbiologie. Scheinbar dem Vergessen preisgegeben.

Die Kinder, einige noch Föten, das älteste ein 14-jähriger Junge, kamen von 1920 bis 1940 ganz offiziell in die Anatomie. "Insgesamt wurden in dieser Zeit 3000 Kinder hier abgegeben", sagt Institutsdirektorin Heike Kielstein. Sie wurden in der Regel eingeäschert.

"Warum diese 74 übrig geblieben sind – wir wissen es nicht", sagt die Anatomie-Professorin. Im Jahr 2011 habe sie an ihrem ersten Arbeitstag von den konservierten Kindern erfahren, von denen auch ihre Vorgänger wussten. "Eineinhalb Jahre hat es gedauert, bis wir dann an das Thema gegangen sind", sagt Kielstein.

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Hüter der vergessenen Kinder war der Präparator des Instituts, Hans-Joachim Heine, der seit rund 30 Jahre im Hause arbeitet. Er fand die Kinder, säuberte sie, konservierte sie neu und gab acht auf sie. "Ich war nicht in der Position, um zu entscheiden", sagt er.

Prozess der Aufarbeitung

Begleitet wurde der Prozess der Aufarbeitung von dem Medizinhistoriker Prof. Florian Steger, der mittlerweile in Ulm das Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin leitet. "Mein Anliegen war, dass diese Kinder ordentlich beerdigt gehören", sagt der Wissenschaftler, der mit dafür sorgte, dass die Kinder zum Gegenstand einer Doktorarbeit wurden. Gut vier Jahre arbeitete das Team, um Aufklärung zu schaffen.

Woher kommen die Kinder? Wie kamen sie zu Tode? Wie sind ihre Namen? Gibt es noch Verwandte? Nicht alle Fragen konnten am Ende beantwortet werden.

30 Leichen wurden im Computertomografen untersucht. "Fest steht, wir fanden keine Hinweise, dass eines der Kinder gewaltsam zu Tode kam, und wir haben gelernt, woran sie gestorben sind", sagt Kielstein. Die Ergebnisse zeigten, dass die Kinder unter anderem an Lungenentzündungen, Fehlbildungen des Hirns und des Skeletts und an damals noch nicht behandelbaren Infektionskrankheiten gestorben sind. Sie stammten aus ärmeren Schichten.

Es gelang nicht, ihre Namen herauszufinden. "Wir wissen nichts über diese Kinder", sagt die Professorin. "Was mich ärgert ist, dass die Kinder hier seit fast 80 Jahren gelegen haben und niemand etwas gemacht hat. Vielleicht hätte man vor 20 Jahren sogar noch Angehörige gefunden, so haben wir Zeitzeugen verloren." Zwei Anfragen potenzieller Angehöriger gab es, die aber ins Leere gingen.

Dass es in Deutschland noch weitere ähnliche Fälle gibt, hält die Anatomin für nahezu ausgeschlossen. "Dazu gibt es keine Hinweise, ich meine, dass Halle eine ganz große Ausnahme ist."

Ehrengrabstätte der Uni

Die Kinder finden nun ihre letzte Ruhe auf der Ehrengrabstätte der medizinischen Fakultät der Universität Halle. In fünf Erwachsenen-Särgen wurden sie eingeäschert. Kielstein ist beeindruckt von der Unterstützung, die das Team erfahren hat.

"Die Leichenhemdchen, die wir den Kindern angezogen haben, hat das Beerdigungsinstitut gespendet" erzählt die Anatomin. Eine Gärtnerei schenke den Blumenschmuck für die Urnen. Die Friedhofsleitung steuere einen Grabstein bei. Die Beisetzung gestalte die evangelische Klinikseelsorge. Für die Beerdigung habe sich eigens ein Chor aus Instituts-Mitarbeitern zusammengefunden.

Mit der Beerdigung schließt sich der Kreis. Aber: "Die Kinder werde ich nicht wieder los. Jedes Gesicht ist wie eingemeißelt", sagt Kielstein. An die toten Kinder aus der Anatomie erinnert ein Buch in nur wenigen Exemplaren. Unter dem Titel "Ad Lucem" (Ans Licht) schuf es die Künstlerin Pauline Jahn, Absolventin der Kunsthochschule Halle Burg Giebichenstein. Es enthält unter anderem die Porträts aller 74 Kinder.