Dessau l Bauhäusler zu sein, kam einer neuen Lebensweise gleich, die mit den Werten und Konventionen der „guten alten Zeit“ gebrochen hatte. Das galt auch für die Kleidung. Auch wenn das Modedesign am Bauhaus eine eher untergeordnete Rolle spielte, so war die Aufmachung der Bauhäusler doch geprägt vom Stil, den die moderne Welt mit ihren neuen Anforderungen an die Mobilität und Arbeitswelt schon Anfang des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hatte: Die Frauen hatten die Korsetts und eng geschnürten Kleider mit den weit ausladenden, langen Röcken ab- und kurze, schlicht geschnittene angelegt. Eine funktionale Kleidung war nun angesagt, die sich dem „neuen Menschen“ anpassen und ihm Bewegungsfreiheit und Bequemlichkeit bringen sollte.

Doch der „neue Mensch“ war nach dem Ersten Weltkrieg auch am Bauhaus vor allem ein armer Mensch. Im Sommer 1920 hatte Bauhaus-Gründer und Direktor Wal-ter Gropius mit dem Kommissar für Textil-Notstandsversorgung des Reichswirtschaftsministeriums in Berlin Kontakt aufgenommen und um Unterstützung für die Studierenden am Bauhaus gebeten. Wie aus den Protokollen des Bauhaus-Meisterrates hervorgeht, begründete Gropius seine Bitte damit, dass im Gegensatz zu den Angehörigen der Arbeiterschaft, die wenigstens im geringen Ausmaß für ihren Lebensunterhalt sorgen könnten, seine in den Werkstätten arbeitenden Studierenden kein Gehalt beziehen würden und es deshalb ungleich schwerer hätten. Auch würde die aus Armut verwahrloste Kleidung zu Recht Empörung in Weimar auslösen, so Gropius weiter. Das Wirtschaftsministerium folgte der Bitte, und das Bauhaus erhielt aus Weimarer Kasernenbeständen unter anderem Hemden, Drillichhosen und -röcke, Socken und Handschuhe im Wert von insgesamt fast 2500 Mark.

Mit Mönchskutte und Arbeitsoverall

Aber die Kleidung der Bauhäusler sorgte auch weiterhin für Empörung, was weniger an ihrem „verwahrlosten“ Aussehen, als vielmehr an ihrer Extravaganz lag. Bereits in den Anfangsjahren des Bauhauses hatten der Meister und Leiter des Vorkurses, Johannes Itten, und seine Studierenden die Weimarer mit einem von Itten entworfenen Kleidungsstück, einer an die Gewänder buddhistischer Mönche erinnernden, weinroten Kutte, und kahl geschorenen Köpfen schockiert. Itten war Anhänger der lebensreformerisch-esoterisch ausgerichteten Mazdaznan-Bewegung und das „Outfit“ ein Ausdruck seiner Weltanschauung. Ganz anders trat sein Nachfolger, der Bauhaus-Meister László Moholy-Nagy, auf. Getreu seinem Motto „Kunst und Technik – eine Einheit“ demonstrierten er und seine Studierenden mit einem monteurähnlichen Arbeits-Overall die enge Verbindung der beiden Bereiche.

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Andere Bäuhäusler trugen sogenannte Russenkittel und Trichter- hosen, die an den Hüften weit und den Knöcheln eng geschnitten waren, ähnlich einer Figur aus dem „Triadischen Ballett“ des Bauhaus-Meisters Oskar Schlemmer. „So liefen wir – wer von uns Mut hatte – mit unseren Lehrlingen und Gesellen durch Weimar“, erinnerte sich später der Meister Lothar Schreyer an die ersten Jahre des Bauhauses. Doch dieser Aufzug war weniger Ausdruck des Protestes gegen die bürgerliche Gesellschaft, als vielmehr der Armut, denn auch diese Kluft war seinerzeit aus Militärbeständen billig zu haben. „Man konstruierte ein Bauhaus-Gewand, erfand den Bauhaus-Pfiff, den Bauhaus-Gruß. Man fror aber auch und hungerte für seine Ideale“, schrieb Schlemmers Ehefrau Tut über ihre Zeit am Bauhaus. Aber es gab unter den Bauhäuslern auch den Gegenentwurf zu diesen Kleidungsstilen, nämlich den Bohemian und Lebemann, der den Dandystil pflegte.

Praktisch, bequem und locker in Dessau

Mit dem Umzug nach Dessau jedoch ließ das Bauhaus seine esoterische, individualistische Ausrichtung zurück und gab sich auch in der Kleidung locker. In einem Brief an seine Mutter schrieb der Bauhaus-Student Hans Keßler: „Angenehm ist, dass man hier in Dessau – also nicht nur am Bauhaus – sich so einigermaßen der Temperatur entsprechend kleiden kann; ich laufe in Hose, Sporthemd mit Kragen und Schlips und aufgekrempelten Ärmeln herum. Das sieht gar nicht so schlecht aus.“ Die Bauhäuslerinnen trugen nun wie die meisten anderen Frauen dieser Zeit kurze, schlicht geschnittene, bequeme Röcke und Kleider mit tief sitzender Taille. Schmuck sah man nur selten. Populär waren Wollkleider, Blusen und Pullover, häufig gemustert, aber auch der Garçonne-Look mit kurzen Haaren, weit geschnittener Hose, Hemd und Schlips, wie ihn auch die Filmdiva Marlene Dietrich liebte. Der Männerwelt blieb nach wie vor nur der zwei- oder dreiteilige Anzug mit dazugehörigem Hemd – wenn auch in bequemerer Ausführung. Viele Männer ließen sich zudem die Haare wachsen – unerhört in dieser Zeit. „Die Haare lang bei den Jungen, die Röcke kurz bei den Mädchen. Man ging ohne Kragen und Strümpfe, was damals schockierte“, erinnerte sich später Tut Schlemmer.

Zwar seien die Dessauer „wesentlich offener und toleranter“ gewesen als die Weimarer, schrieb Nina Kandinsky, die Ehefrau von Bauhaus-Meister Wassily Kandinsky, in ihren Erinnerungen an das Bauhaus, aber auch die Dessauer fanden, dass die Kleidung der Bauhäusler unschicklich sei und waren genauso schockiert wie die Weimarer Bürger. Zumal die Studentinnen nicht nur kurze Röcke, sondern auch ebensolche Frisuren, auch Bubikopf genannt, trugen und mit nackten Beinen herumliefen – skandalös in den 1920er Jahren. So berichtet Gunta Stölzl, die Leiterin die Weberei am Bauhaus, dass man den Bauhäuslerinnen in Dessau „Bubikopf, Bubikopf“ nachgerufen habe.

Doch manchmal konnte es auch richtig Ärger in Dessau geben, wie der Bauhaus-Student Werner David Feist in seiner Rückschau auf seine Zeit am Bauhaus schrieb: „Ich erinnere mich, dass einmal der Ober einen von uns nicht hineinlassen wollte, weil er keine Krawatte trug. Wir verließen alle mit ihm das Café. Wir waren empört. Wir waren eine kleine Gruppe. Aber am nächsten Tag versammelten sich 30 Bauhäusler, die alle ihr Hemd offen und ohne Krawatte trugen. Die Hemden hatten damals normalerweise Krägen, die man abmachen konnte und ohne die sie nicht besonders gut aussahen. Und so marschieren wir alle schnell genau in dieses Café und setzten uns an die freien Tische. Dieses Mal gewannen wir, und von da an schienen die Kleidervorschriften für Bauhäusler gelockert worden zu sein und es auch zu bleiben.“

Ende der 1920er Jahre machte ein Angebot des Leipziger Verlages Otto Beyer die Mode dann doch noch zu einem Bauhaus-Thema: Der Verlag bat die Bauhaus-Meister László Moholy-Nagy und Herbert Bayer darum, die Gestaltung der populären Modezeitschrift „die neue linie“ zu übernehmen, zusammen mit Irmgard Sörensen-Popitz, einer früheren Bauhaus-Studierenden. Das avantgardistische Layout und die anspruchsvollen Beiträge machten das Magazin zu einem der gefragtesten seiner Zeit. Eigene Modeentwürfe gab es am Bauhaus dagegen kaum. Bekannt wurde ein Kleidungsstück, das die Studentin Lis Beyer entworfen hatte, ein geometrisch geschnittenes Kleid in verschiedenen Blautönen, das knapp über dem Knie endete.

Und dann waren da noch die zahlreichen, ausgelassenen Bauhaus-Feste, zu denen die Bauhäusler je nach Fest-Motto mit selbst entworfenen Kostümen ihrer Kreativität freien Lauf ließen. Wie zum Beispiel Liz Beyer, die sich in ein Tütü aus weißen Kegeln wickelte, oder die Metallgestalterin Marianne Brandt, die sich eine Messingschüssel auf den Kopf und einen dicken Metallreifen mit einer metallenen Kugel um den Hals legte. Von der „guten alten Zeit“ war auch auf den Festen nichts mehr übrig geblieben.