Magdeburg l Der Stoff, aus dem die Träume sind, ist goldfarben. Doch der Schein trügt. Was dem Magdeburger Model Sylvie Mopita auf den Leib geschneidert wurde (Taillenumfang 60 cm!) und auf den ersten Blick aussieht wie glänzende Seide, ist blattgoldartiges Kunstleder. Und somit relativ steif. Für Carolin Goldmann hat der Stoff damit genau die richtige Festigkeit. So kommt das drapierte Oberteil optimal zur Geltung und die Falten erhalten eine Dreidimensionalität.

Auch im konkreten Fall war es so: Stoff sehen. Anfassen. Und schon rattert es im Kopf von „Lady Caro Lynn“. Sie hat blitzartig Schnitte und Kleider vor sich. „Und ich weiß genau, so und so wird es aussehen. Am liebsten will ich dann gleich loslegen und die Idee in die Tat umsetzen“, verrät die Designerin, die sich vor zehn Jahren mit ihrem Label selbständig gemacht hat.

Doch bis letztlich die Nähmaschine rattert und ein Kleid für eine Modenschau wie die am Sonnabend in der Landesvertretung in Berlin entsteht, können auch schon mal drei, vier Jahre vergehen. So lange fristet der Stoff in der Nähstube unterm Dach des Reihenhauses in Magdeburg-Reform ein unvollendetes Dasein auf dem Ballen. „Ich habe oft so viel zu tun mit den Bestellungen, dass mir einfach die Zeit fehlt“, so die 30-Jährige.

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Maßgeschneiderte Kleider

Seit sechs Jahren kann sie vom Designern leben. Haupterwerb sind maßgeschneiderte Kleider. Die Aufträge kommen längst nicht mehr nur aus Magdeburg. Kleine wie große Mädchen lassen sich für die Einschulung, zur Jugendweihe oder zum Abi- oder Opernball das Wunsch-Outfit schneidern. Und natürlich zaubert die Näh-Fee Bräuten ihren stoffgewordenen Traum in Weiß, Creme oder Rosa herbei. Irgendwann findet also jeder Stoff bei „Lady Caro Lynn“ seine Bestimmung. Denn: „Ich liebe die Abwechslung und probiere immer wieder etwas Neues oder auch Verrücktes aus.“

Genauigkeit, Qualität, Kreativität, ganz viel Liebe zum Detail und passgenaue Schnitte – das alles kostet Zeit und hat auch seinen Preis. Je aufwendiger die Arbeit und kostbarer der Stoff, desto teurer ist das Teil. Die Skala reicht beispielsweise bei Ballkleidern von 300 Euro bis hin zu 700 Euro und mehr.

200 Euro für einen Meter Stoff

Brautkleider beginnen bei 1000 Euro. Ist viel kostbare Spitze dabei oder werden massenhaft Perlen einzeln aufgenäht, muss die Braut auch tiefer in die Tasche greifen. „Ich denke, es ist auch logisch, dass ein maßgeschneidertes Teil mehr kostet als etwas von der Stange.“ Zudem habe sie einen hohen Anspruch. Das fängt schon bei der Auswahl der Stoffe an, betont die Designerin, die ihr Handwerk an einer privaten Modeschule in Halle erlernt hat. Mancher Meter koste 10 Euro, es gebe aber auch Spitzenstoffe, da müsse man 200 Euro pro Meter hinblättern. Dann betragen allein schon die Materialkosten 900 Euro. Und: „Jedes Kleid muss perfekt sein. Ich mache keines zweimal. Und ich kopiere auch nichts von anderen. Jede Kundin kann sicher sein, dass sie ein Unikat trägt.“

In den Kreationen, die Carolin Goldmann zum „Eigenbedarf“ anfertigt (jedes Jahr entsteht eine 20-teilige Kollektion), stecken ebenso viel Liebe und Handarbeit. In das Goldkleid aus ihrer aktuellen Jubiläumskollektion wurden vom Entwurf bis zur Krone zehn Stunden reine Arbeitszeit investiert. Dazu kommen rund 120 Euro Materialkosten. Allerdings gibt die Modeschöpferin zu: „Manchmal entsteht für eine Modenschau auch ein Kinderkleid ganz auf die Schnelle. Da ist dann nicht jeder Saum bis zur Perfektion gekettelt.“ Die Showteile sind ohnehin unverkäuflich. Eigentlich. Bei 500.000 Euro würde sie aber doch ins Grübeln kommen, gibt sie lachend zu. Schließlich würden in der Branche in Deutschland nur die Wenigsten reich werden. „In dem Geschäft Fuß zu fassen, ist schwer. Erst recht, wenn du aus der ,Provinz‘ kommst und keine Lobby hast.“ Sie habe in ihren Anfangszeiten als Designerin noch nebenbei gekellnert, um über die Runden zu kommen. „Das brauche ich zum Glück aber nicht mehr.“

Kleid auf Londoner Fashion Week

Für „kein Geld der Welt“ gebe sie aber ihre Lieblingsstücke her: Zum Beispiel das lachsfarbene Kleid mit den Stoffrosen und Perlen. Das hat es sogar bis auf den Laufsteg der Londoner Fashion Week geschafft. Oder die Roben, mit der die Magdeburgerin Tatjana Genrich die Wahl zur „Miss Sachsen-Anhalt“ oder „Queen of Europe“ gewonnen hat. Wenn Anfragen danach kommen für eine Modenschau oder einen besonderen Anlass, dann verleihe sie ihre extravaganten Unikate. Und das passiere dank der „Lobbyarbeit“ ihrer Stammkundin Micaela Schäfer, ihres Zeichens Nackt-Model, immer häufiger. „Meine Kleider kommen inzwischen mehr rum als ich. Wenn ich dann ein Foto vom roten Teppich oder Catwalk aus Kuba, Dubai oder Paris bekomme, dann freut mich das natürlich und macht mich stolz.“

Manchmal kann sie selbst nicht glauben, dass aus ihren Mädchenträumen Realität geworden ist. Und dass sie, die vor zehn Jahren mit null Euro Startkapital und einer von den Eltern gesponserten Nähmaschine und Schneiderpuppe angefangen hat, den Durchbruch geschafft und sich als „Lady Caro Lynn“ einen Namen gemacht hat. So kann sie auch verschmerzen, dass sie ihr neuestes Meisterwerk in Gold nicht auf der „richtigen“ Fashion Week in Berlin präsentieren darf: „Die 15.000 Euro, die man dafür hinblättern muss, sind mir echt zu schade.“ Das Geld ist in Stoff, aus dem die nächsten Kleiderträume sind, sicher auch viel besser angelegt ...