Magdeburg l Solche Situationen gehören in Sachsen-Anhalt auch mehr als 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beinahe zum Alltag: Kinder finden beim Spielen im Bereich des Wehres am Markt in Calbe (Salzlandkreis) Anfang Januar vergangenen Jahres eine amerikanische Handgranate. Sie ist auch nach solch langer Liegezeit noch immer scharf und lebensgefährlich. Die von den Eltern alarmierten Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes nehmen in diesem Fall das tödliche Erbe aus dem Zweiten Weltkrieg mit zur Vernichtung.

Mehr als 400 Mal rückten die Entschärfer im vergangenen Jahr zu solchen Zufalls-Fundstellen aus. Zum Team um Einsatzleiter Torsten Kresse gehören 27 Arbeiter und Fachkundige. Unter den insgesamt geborgenen 54 Tonnen Weltkriegsmunition befanden sich im vergangenen Jahr auch 26 Bomben. Trotz des Lockdowns ist das der höchste Wert in den vergangenen fünf Jahren, wenn man das Jahr 2018 außer acht lässt. Damals hatte das extreme Niedrigwasser für einen Rekord bei den Fundstellen gesorgt. Kresse: „Während des Lockdowns im Frühjahr durften wir kaum Räumungen vornehmen.“ Das betraf immerhin einen Zeitraum von etwa zwei bis drei Monaten.

Deformierte Aufschlagzünder und verkrustete Sprengkörper – nicht nur mit diesem Problem haben die Experten nach fast acht Jahrzehnten zu kämpfen. So mussten die Experten die 26 Bomben, davon 18 in der Gewichtsklasse über 50 Kilogramm, zum Teil auch unter widrigen Bedingungen entschärfen oder sogar wegen der akuten Explosionsgefahr gleich vor Ort sprengen.

„Eine besonders komplizierte Situation hatten wir gleich zum Jahresbeginn“, so Kresse. In Salzwedel fanden Arbeiter einer Munitionsbergungsfirma eine 250-Kilo-Sprengbombe amerikanischer Herkunft. An die beiden intakten Aufschlag-Zünder, die nur mit einer Feder gesichert sind, kamen die Entschärfer in der ausgehobenen Baugrube aber nicht heran. „Das Problem war dort das eindringende Grundwasser. So mussten wir an der Stelle den Grundwasserspiegel erst absenken, bis wir an die Bombe kamen“, so Kresse. Während der Zeit der Entschärfung mussten 2000 Menschen ihre Häuser verlassen. Am Ende konnten die Spezialisten beide Zünder entfernen und die Bombe zum Zerlegebetrieb in die Altmark bringen. Dort sind im vergangenen Jahr 275 Tonnen Munition vernichtet worden. Die Bomben und Granaten werden seit längerer Zeit bis zur Vernichtung in einem geheimen Bunker gelagert. Kresse: „ Wir bauen die Restbestände langsam ab.“ Sie stammen vor allem noch von den Räumungen der Truppenübungsplätze in Sachsen-Anhalt. Noch immer warten rund 320 Tonnen Munition in diesem Lager auf ihre Vernichtung in dem Zerlegebetrieb.

Die Salzwedeler Bombe ist in der Nähe des dortigen Bahnhofes entdeckt worden. Für Kresse liegt deshalb die Vermutung nahe, dass es sich um einen Blindgänger der Bombardierung des Bahnhofes im Februar 1945 handelt. Während der Operation „Clarion“ haben amerikanische Bomber dort knapp 200 Tonnen Bombenlast abgeworfen.

In Sachsen-Anhalt gibt es aber noch wesentlich schlimmere mit Munition belastete Gebiete. Dazu zählen die Zent­ren der damaligen Rüstungsindustrie in Magdeburg, Halle und Halberstadt sowie das Gebiet um Leuna im Saalekreis. Aber auch dort, wo sich ganze Armeen den Alliierten ergeben haben, wie entlang der Elbe zwischen Havelberg und Tangermünde (Kapitulation der Wenck-Armee) oder im Harz (letzte Verbände der 11. Armee), lauert noch reichlich gefährliche Munition im Erdreich.

Britische und amerikanische Flugzeuge warfen nach Erkenntnissen von Historikern im Zweiten Weltkrieg etwa 1,3 bis 1,4 Millionen Tonnen Bomben über Deutschland ab. Etwa zehn bis 20 Prozent sollen damals je nach Typ nicht detoniert sein.