Nachterstedt/Schadeleben l Antje Görecke rennt mit angestrengtem Blick von links nach rechts. „Wir müssen die Würstchen noch rauspacken", schreit sie ihrem Mann entgegen. Stammgäste begrüßen sie. Schnelle Umarmung, kurzer Plausch, weiter geht‘s. Vor ihrer Gaststätte am Nordufer, der Arche Noah, stehen hunderte Besucher. Sie wollen dabei sein, wenn das Teilstück des Concordia-See an diesem Sonnabend in Schadeleben wieder freigegeben wird. Nach zehn Jahren.

Eine lange Zeit, die für Görecke und ihre Familie zur Belastungsprobe wurde. „Das hat mächtig viel Kraft gekostet", sagt die 52-Jährige. „Wir hatten das Restaurant übernommen, weil es damals hieß, noch im Sommer wird der See wieder eröffnet." Das war 2010. Ein Jahr zuvor riss ein Erdrutsch am Südufer in Nachterstedt drei Menschen in den Tod, 41 Anwohner mussten evakuiert werden. Der See wurde zur Sperrzone. Immer wieder verschob sich die geplante Teilöffnung. Nur Stammgäste hielten Göreckes Restaurant am Leben. Jetzt sollen endlich auch wieder zahlungsfreudige Badegäste dazukommen. Es ist 9.30 Uhr, in einer halben Stunde ist es so weit. „Ich freue mich erst, wenn dieses Tor da endlich offen ist", sagt Görecke und richtet ihren Zeigefinger entschlossen in Richtung Baustellenzaun.

Doch diesmal wird sie nicht enttäuscht. Kurz nach 10 Uhr wird der Baustellenzaun zur Seite geschoben. Hunderte Menschen pilgern runter zum Ufer. Langer Sandstrand, Bootsanlegestellen, einige Surfer halten ihre Bretter bereit, Cocktailgläser mit Papierschirmchen stehen parat – es ist alles angerichtet für ein neuen touristischen Anziehungspunkt.

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„Ich bin unheimlich erleichtert. Wie wichtig dieser See für die Region ist, erkennt man auch daran, wie viele Menschen heute gekommen sind", sagt Sebastian Kruse von der Seeland-Gesellschaft. Das Unternehmen ist als Betreiber für die touristische Nutzung des Gebietes verantwortlich. Zusammen mit der Stadt Seeland wurde ein Masterplan entwickelt, der nun Stück für Stück abgearbeitet werden soll. „In diesem Jahr wollen wir erst einmal alles wieder in Betrieb nehmen, 2019 sollen dann auch Segelboote hier anlegen und ein großer Schwerpunkt sind Veranstaltungen", so Kruse. Leistungsfähiges WLAN am Strand soll den See zudem als Ausflugsziel noch attraktiver machen. Dafür überreichte Wirtschaftsminister Armin Willingmann einen WLAN-Förderbescheid an die Initiative Freifunk Harz.

Es herrscht Aufbruchstimmung hier am Nordufer. Alle sind neugierig, wollen sehen, was sich in zehn Jahren verändert hat. Einige Besucher wagen bei 15 Grad den Sprung ins Wasser. „Für die Region ist dieser Tag heute unheimlich wichtig", betont auch Lothar Wenners aus Aschersleben. Viel zu lang habe man darauf warten müssen. Seine Frau Renate nickt zustimmend, sagt aber auch: „Ein mulmiges Gefühl ist trotzdem immer noch da." Denn: Die Leichen der drei Menschen, die beim Erdrutsch 2009 ums Leben kamen, wurden nie gefunden.

„Als klar war, dasss diese drei Menschen nicht geborgen werden, habe ich für mich beschlossen, dass ich nie wieder in diesem See baden werde", sagt Hans Fraust. Es ist 11.30 Uhr. Während am Nordufer des Sees Surfer ihre Bretter ins Wasser tragen, sitzen er und seine Frau Monika in ihrem Garten in Nachterstedt. Sie gehören zu den 41 Anwohnern, die an jenem 18. Juli 2009 ihr Haus verlassen mussten. „Ich habe gesehen, wie unsere Nachbarin aus dem Haus gestürmt ist und schrie. Als ich aus dem Fenster geschaut habe, war einfach alles weg", erzählt die gebürtige Hoymerin. Im Schlafzeug rannten beide aus ihrem Haus, flüchteten im Auto. Erinnerungen, die immer bleiben werden. Dem heiteren Treiben heute in Schadeleben beiwohnen? Unvorstellbar. „Ich freue mich für die Arche-Inhaberin und die ganze Region, dass ein erster Schritt gemacht wurde", sagt Fraust. Er hält inne und wischt sich schnell mit dem Zeigefinger die sich anbahnenden Tränen weg. „Aber diese Erinnerungen sind so stark, dass das einfach nicht möglich ist." Thomas Holzapfel-Saalfeld, eines der drei Opfer, hatte im Sommer 2009 ein großes Sommerfest in der Siedlung „Am Ring" geplant. „Er war noch neu und wollte, dass wir uns besser kennenlernen." Fraust schüttelt wieder den Kopf, guckt nach unten.

Einmal durfte er für 30 Minuten nochmal ins Haus, die wichtigsten Gegenstände rausholen. 2013 wurde das Haus der Frausts abgerissen. „Ich war froh, dass ich es nicht gesehen habe", sagt der 72-Jährige.
Das „Weitermachen", das funktionierte in den Monaten nach der Katastrophe nur deshalb irgendwie, weil so viele Menschen geholfen haben. Teller, Tassen, Möbel-Gutscheine, die Anteilnahme sei groß gewesen. „Die Menschen in der Region haben zusammengehalten." Und durchgehalten.