Halle l Ein Herz für Tiere? Klar doch, werden jene sagen, die dabei an Hund, Katze, Maus denken. Doch die 330 Männer und Frauen aus 20 Nationen, die sich von heute bis zum Donnerstag in Halle zum internationalen Expertenkongress treffen, liegt nicht das Wohl und Wehe von vierbeinigen Heim- oder auch landwirtschaftlichen Nutztieren am Herzen, sondern das von Insekten. „Doch die sind leider in den Augen der meisten Menschen Ungeziefer und häufig als Krankheitsüberträger verschrien“, weiß der Hallenser Entomologe und Leiter der Tagung in der Saalestadt, Professor Gerald Moritz.

Dabei habe jede Insektenart ihre ganz eigene Biologie und eigene Welt, schwärmt der 65-jährige Wissenschaftler, der sein Forscherherz an Schädlinge verloren hat, die sich zum Beispiel in Gewächshäusern tummeln. Vor allem die Fransenflügler (Thripse), ein pflanzenfressendes Insekt, haben es dem gebürtigen Chemnitzer angetan. Seinen intensiven Studien hat der Fransenflügler zu verdanken, dass er den Fluch des „Bösewichts“ verloren hat und einige Arten inzwischen als „Nützling“ zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden.

Dass es um die Biodiversität (biologische Vielfalt) und Population der Insekten gar nicht gut bestellt ist, sollte jedoch nicht nur die Experten interessieren, meint der Zoologe und Entwicklungsbiologe mit Blick auf aktuelle Forschungsergebnisse. So haben Wissenschaftler aus Australien und China 73 Studien zum globalen Insektensterben zusammengefasst und ausgewertet. Demnach zeigen 40 Prozent der Arten weltweit einen Rückgang, ein Drittel der Insekten sei vom Aussterben bedroht.

Biene & Co. schaffen Nutzen von vier Mil

Moritz: „Vielen ist offensichtlich nicht bewusst, was das bedeutet und welchen großen Wert die Insekten für das Ökosystem und schlussendlich auch den Menschen haben.“ Fast alle Insekten erfüllen wertvolle Aufgaben für die Umwelt. Viele bestäuben Pflanzen, sie sind eine wichtige Nahrungsquelle für Fische, Vögel und viele andere Tiere und helfen auf vielfältige Weise dabei, den Kreislauf der Natur zu erhalten. „Wer sagt: Insekten brauche ich nicht, die stören nur und richten Schaden an, der ist auf dem Holzweg.“

Welche Wertschöpfungsarbeit Insekten leisten, wird an einem einfachen Rechenbeispiel deutlich: Rund 80 Prozent aller Pflanzenarten sind auf eine Fremdbestäubung durch Insekten angewiesen. Wiederum 80 Prozent der Arbeit übernehmen Wild- und Honigbienen. Allein in Deutschland wird der jährliche Nutzen der Bestäuberinsekten auf rund vier Milliarden Euro geschätzt. So gilt die Honigbiene nach Rind und Schwein als das drittwichtigste Nutztier. Der hohe Wirtschaftswert ergibt sich aus der Bestäubung der hundert wichtigsten Kulturpflanzen.

In diesem Zusammenhang sieht es auch Moritz als eine „zentrale Herausforderung unserer Zeit“, das Insektensterben aufzuhalten. Er bringt das Dilemma aus Sicht des Verbrauchers plakativ auf den Punkt: „Ohne Insekten keine Bestäubung, ohne Bestäubung kein Apfel auf dem Tisch, so einfach ist das im Grunde.“

Und doch so schwer. Denn das Thema Insektensterben werde „zunehmend politisiert“, meint der Forscher mit Blick auf die aktuell durch das Volksbegehren zur Rettung der Bienen in Bayern angeheizte Debatte. Dabei seien die Ursachen für das Insektensterben „multifaktoriell“, betont Gerald Moritz: Angefangen vom Verlust von Lebensräumen durch intensive Landwirtschaft, Monokultur auf den Äckern, über Unkrautvernichtungsmittel wie Glyphosat, synthetische Düngemittel bis hin zu invasiven Arten, dem Klimawandel oder der zunehmenden Urbanisierung. „Einseitige Schuldzuweisungen helfen uns nicht weiter. Die Wirklichkeit ist nun mal ein Kompromiss.“

Der Wissenschaftler plädiert für eine fundierte Ursachenforschung und einen fairen und ehrlichen Umgang miteinander: „Letztlich sitzen wir doch alle in einem Boot. Und egal, ob im Großen oder im Kleinen: Jeder kann seinen Beitrag zum Artenschutz leisten.“