Calberwisch l Dass Richard von den Schwarzfußindianern (Blackfoot) abstammt, 15 Jahre einsam wie ein Mönch gelebt hat und uralte Heilmethoden anwendet, um Menschen gesund zu machen, sieht man ihm weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick an. Er trägt keinen Kopfschmuck oder eine traditionelle Tracht - Richard Jack Pard ist einfach nur Richard mit Basecap und Armeehose. Wenn dann aber sein langes dunkles Haar zum Vorschein kommt, er vor einer Heilbehandlung sich, das Zimmer und seinen Patienten einräuchert und ein beruhigendes Englisch anstimmt, fühlt man sich in einer anderen Welt, vielleicht sogar in der der Indianer.

Eine wohltuende Stille breitet sich aus, während die Hände des Blackfoot über den Körper gleiten, um körperliche Disharmonien und negative Emotionen zu erspüren. Nun fängt er an, kräftig über den Oberkörper zu pusten, danach streicht er ihn aus bis hinunter zu den Armen und Beinen. Ich höre sein melodisches „Blackfoot“, bis er leise „Please breath through your nose and imagine the sun“ (Bitte atme durch die Nase und stell dir die Sonne vor) sagt. Seine Worte beruhigen, die Gedanken sind weit weg.

Noch 18.000 Schwarzfuß-Indianer

Es gibt viele Bezeichnungen, die Richard verwendet, um seine Arbeit zu erklären. Da fallen Worte wie Medizinmann, Doktor, aber auch Psychologe, Praktiker oder Priester. Seine Fähigkeit, Menschen gesund zu machen ist angeboren, erzählt er, dahinter stehe eine lange Familientradition. Seine Urgroßmutter und sein Urgroßonkel waren kraftvolle Heiler, gelernt habe er aber vor allem von seinem Bruder. Denn obwohl ihm die Begabung, Menschen mit anderen Dingen als mit Pillen und Hightech-Geräten gesund zu machen, in die Wiege gelegt worden ist, hat der Kanadier genauso wie andere Menschen seinen „Beruf“ erst erlernen müssen. Während Schulmediziner zur Universität und dann ins Krankenhaus gehen, hat Richard sein Handwerk in einem Reservat unweit der Rocky Mountains erlernt. Mit Reservat meint er die letzten Schlupfwinkel der Indianer, die weder bebaut noch erschlossen sind, wo die Natur noch so unberührt wie vor Tausenden von Jahren ist.

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Der 51-Jährige stammt von den Peigans ab. Diese indianische Gruppe ist der größte, mächtigste und südlichste Stamm der Niitsitapi (Blackfoot), ihr Name leitet sich von ihrer Eigenbezeichnung als Piikuni ab. „Pih–kuhn–ee“ sagt Richard, es klingt weich und sanft, obwohl es wörtlich „Räudige, mit Krätze verschmutzte Kleidung“ heißt. Eine wunderschöne Bedeutung hat dagegen Niitsitapi, es bezeichnet ,„das wahre ausgeglichene Volk“. Ihre Zahl wird heute mit drei weiteren Blackfootstämmen zusammen auf etwa 18.000 geschätzt. Die wenigsten leben in Reservaten, denn die westliche Kultur hat auch sie eingeholt, die Indianer wohnen in Städten und haben normale Berufe.

Von Clan und Medizinmännern gelernt

Etwa 300 Mitglieder gehören zu Richards „Clan“. Sie wohnen dicht beieinander und pflegen ihre Familientradition, die ausschließlich mündlich von Generation zu Generation durch die Stammesältesten weitergegeben wird. In seinen „Lehrjahren“ hat Richard von ihnen und anderen Medizinmännern gelernt, durch Hände Energien zu übertragen und kraft seiner Gedanken Krankheiten zu heilen.

Dass er nun weitab von seinem Clan in Deutschland lebt, ist aus traditioneller Sicht unüblich. Doch als 2011 sein engster Freund einen Schlaganfall erleidet, kommt der Kanadier nach Europa, um ihm zu helfen. Schnell spricht sich herum, dass ein Medizinmann vom Stamm der Blackfoot in Europa weilt. Viele Menschen suchen seine Hilfe. In den folgenden Jahren folgt ein Hin und Her zwischen Kanada und Großstädten wie Hamburg und Berlin, eine Zeit, in der Richard in Wohnungen wie ein Vogel im Käfig leben muss.

Zuhause in altem Gutshaus

Vor zwei Jahren ist Calberwisch, ein altmärkisches Dorf nahe Osterburg, sein Zuhause geworden. Hier lebt er am Ende einer mit Schlaglöchern und tiefen Pfützen gesäumten Pflastersteinstraße in einem alten Gutshaus zusammen mit seiner deutschen Frau und seinen zwei kleinen Söhnen. Als ich ihn frage, wie lange er bleiben wird, sagt er, er wisse es nicht. Eine Weile, frage ich. Der Kanadier lächelt, dann nickt er. Hier sei er am richtigen Ort, denn was er für sein Leben und seine „Arbeit“ braucht, ist die Natur. Außer Wiesen, Wald und dem grenzenlosen Himmel - etwa einen Kilometer entfernt steht das nächste Haus - gibt es hier weit und breit nichts, man sieht nicht mal Windräder. Und doch ist es nicht genau das, was der Niitsitapi die letzten 15 kanadischen Jahre gewohnt war. Wie ein Mönch habe er da allein auf einer Farm gelebt. „Der nächste Nachbar war zwei Kilometer von mir entfernt, die Tankstelle 30 und ein Laden 40.“

Blaue Bänder flattern im Wind, sie hängen an zwei Kuppelzelten aus Weidenruten, auf einem Erdhügel liegt der Schädel eines Büffels, daneben eine buddhistische Gebetsfahne, Reliquien, die an die Heimat erinnern und die er für seine Arbeit braucht.

Schwitzhütte ist traditionelle Zeremonie

Die Schwitzhütte ist sein wichtigstes Arbeitsmittel. Die aus Nordamerika stammende Zeremonie ist Tausende Jahre alt und dient rituellen Zwecken. Sie hilft, den Körper, den Geist sowie die Seele zu reinigen. Wenn eine Anfrage kommt, macht der Medizinmann eine öffentliche Sitzung. Etwa 200 Steine müssen zuvor in einem Feuer erwärmt werden, um später in dem mit Decken behangenen Kuppelzelt ihre Wärme zu verbreiten. Bis zu 15 Menschen finden unter der Kuppel Platz, die Schwitzzeremonie dauert vier Stunden, gemeinsam werden traditionelle Lieder in Blackfoot gesungen. Eine noch kleinere Hütte dient der „Vision Quest“, die üblicherweise mit einer Schwitzhütte eingeleitet wird. Um den Betreffenden zu reinigen, schickt Richard ihn anschließend vier Tage und vier Nächte in eine Hütte in den Wald, ohne Essen, ohne Trinken. So sollen auch Träume und Visionen zu Tage gebracht werden.

Der Indianer grinst. „Ihr könnt euch das nicht vorstellen, aber ich habe das schon so gemacht. Hinterher fühlt man sich großartig. Ich interpretiere Träume und Visionen.“ Was die Schulmedizin von seinen Methoden hält? Und dann erzählt er Geschichten. Von Ärzten, die skeptisch zu ihm gekommen sind. Ein Allgemeinmediziner aus Thüringen sei missmutig gekommen, seine Ehefrau hatte ihn geschickt. Nach der Sitzung habe er sich über den Indianer lustig machen wollen und probeweise seine blutdrucksenkenden Medikamente abgesetzt. Tage später, so erzählte die Ehefrau, habe ihr Mann mit gen Himmel gestreckten Armen sein Haus verlassen und „ich bin geheilt“ gerufen, fassungslos darüber, dass er die starken Pillen habe komplett weglassen können.

Schulmediziner kommen als Lehrlinge

Richard lacht. Das sei dann der Punkt, wo viele wiederkämen, erstaunt darüber, das seine Methoden tatsächlich wirken. Dass Schulmediziner kommen, um sich sein altes Wissen anzueignen, empfindet der Schamane jedesmal als Kompliment. „Manche haben Bücher studiert, aber sie wissen nicht, wie sie unsere Methoden praktisch anwenden sollen. Ich kann ihnen das zeigen.“ Die konventionelle Medizin lehnt er keineswegs ab, er weiß, dass die Menschen eine Wahl haben wollen. Richard findet es sinnvoll, die schulmedizinischen mit den indianischen Heilmethoden zu kombinieren. Der Medizinmann sieht sich nicht als einer, der gekommen ist, um einen Job zu erledigen, er wolle den Menschen einfach nur helfen. „Wer mich fragt, dem helfe ich.“

Ein Hamburger Schmerzspezialist schickt seine Patienten, wenn die konventionelle Therapie ausgereizt ist. Andere kommen mit Krebs. Der Kanadier hat den Eindruck, dass Krebserkrankungen vor allem in Deutschland sehr verbreitet sind. „Die Deutschen sind zu perfektionistisch. Sie schauen immer auf die Uhr und stressen sich.“

Auch im Vergleich zu den anderen Europäern. Das Gegenteil zu den Indianern. „Wenn wir uns verabreden, können auch mal zwei Tage vergehen. Stress senkt das Energieniveau und macht den Menschen krank. Die Stammesältesten haben mich gelehrt, nicht zu hetzen. Meine Urgroßmutter hat gesagt: Nimm dir Zeit und sei achtsam.