Volksstimme: Herr Bölte, stellen Sie Ihre Schuhe zu Nikolaus vor die Tür?
Lothar Bölte: Ja, klar. Im vergangenen Jahr hat mir meine Frau etwas hineingepackt. Und sie hatte von mir auch eine Kleinigkeit in ihren Schuhen.

Sind die Schuhe Ihrer Frau auch immer schön sauber?
Meine Frau hat ein Schuhgeschäft. Da brauche ich mir keine Sorgen zu machen (lacht).

Können Sie unseren Lesern Tipps zur richtigen Pflege von Lederschuhen geben?
Erst mal sollten Sie schauen: Sind die Leder-Schuhe durch den Hersteller bereits gefettet oder gewachst worden. Für jeden Schuh braucht es das passende Pflegemittel. Beim Kauf sollten Sie darauf achten, dass kein Silikon enthalten ist. Viele Pflegemittel-Hersteller schreiben das meist gar nicht drauf. Silikon verschließt die Lederporen, die natürliche Lederoptik geht verloren, das Leder trocknet aus.

Wenn es regnet, ist eine Imprägnierung doch ganz gut, oder?
Ich weiß, dass Schuhverkäufer gern dazu raten. Aber mit entsprechenden Pflegemitteln muss das nicht sein. Und wenn es sehr nass ist, dann tragen Sie eben einen Schuh aus wasserabweisendem Material.

Ein Spaziergang im Park. Die Lederschuhe sind total verdreckt. Soforthilfe?
Erst mal den groben Dreck mit einer Bürste oder einem feuchten Lappen entfernen, trocknen. Für Veloursleder gibt es zudem eine passende Drahtbürste. Am Schluss entsprechende Pflegemittel auftragen.

Wie trocknet man Schuhe?
An der Luft - nicht auf dem Heizkörper! Oder sie stopfen Zeitungspapier in den Schuh. Dann aber nicht zu lang drinlassen und wechseln.

Was, wenn Kunden bei Ihnen mit verdreckten Schuhen zur Reparatur ankommen?
Die schicke ich wieder nach Hause zum Putzen.

Im Ernst?
Das kommt selten vor. Die Schuhe sollten schon sauber, aber auf keinen Fall frisch eingecremt sein, damit ich da rangehen kann.

Und wenn die Schuhe der Kunden mal etwas müffeln?
Das kommt vor, aber auch eher selten. Wenn ich es nicht rechtzeitig merke, müssen die wohl oder übel erst mal bei mir im Geschäft auslüften.

Was ist für Sie das Schönste am Schuhmacherhandwerk?
Der Kontakt mit Menschen ist schön. Wenn mir Kunden Schuhe hinstellen, ist es immer wieder spannend abzuwägen: Lohnt sich die Reparatur oder lässt man es sein. Die meisten Schuhe bekomme ich aber wieder hin. Das Schönste ist, in die verblüfften Augen der Kunden zu schauen, wenn sie ihre Schuhe abholen und es nicht glauben können, was daraus geworden ist.

Was zeichnet einen guten Schuh aus?
Grundsätzlich: Wofür soll der Schuh dienen? Arbeitsschuh, Sonntagsschuh, Einsatz beim Sport oder fürs Autofahren. Da gibt es sehr unterschiedliche Anforderungen. Sie sollten herausfinden, ob Sie gern auf Ledersohlen laufen. Wenn ich breitere Füße habe, muss der Schuh mehr Platz bieten. Wichtig: Der Schuh muss dem Fuß Halt geben. Wenn Sie die Hinterkappe nicht zusammendrücken können, eine Lederbrandsohle eingearbeitet ist, das Obermaterial und das Innenfutter aus Leder bestehen, dann ist es ein guter Schuh, der seine Form behält und gut für die Fußgesundheit ist.

Wie hat sich das Handwerk entwickelt?
Vor allem werden wir immer weniger. Die Schuhmacherinnung in Magdeburg dürfte eine der ältesten in Deutschland sein. Vor dem Krieg waren es 660 Schuhmachereien. Heute sind wir noch fünf. Wenn ich für mich spreche, liegt es nicht an mangelnden Aufträgen.

Und woran liegt es?
Wie überall im Handwerk mangelt es an Nachwuchs. Meinen letzten Azubi hatte ich vor über 20 Jahren. Heutzutage ein Geschäft als Solo-Selbständiger in diesem Handwerk zu gründen, ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht sicher nicht ratsam.

Könnte es auch etwas mit der Wegwerf-Mentalität zu tun haben? Die Leute kaufen sich günstige Schuhe und wenn die abgelaufen sind, kaufen sie sich neue?
Ich glaube schon, dass die Menschen Qualität schätzen. Wenn man mehr ausgibt, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sich die Reparatur lohnt. Die Substanz, die äußeren und inneren Materialien sind in der Regel besser.

Erzählen Sie bitte, wie Sie zum Handwerk kamen.
Die SED hatte ja ihre ganz eigene Ansicht dazu, welche Berufe wichtig sind. In der Schule sollten wir auf einem Zettel ankreuzen, was wir werden wollen. Ich kreuzte Kfz-Schlosser und Fernsehmechaniker an. Am Schluss hieß es für mich und einige meiner Klassenkameraden: Du wirst Dreher. Gewünscht hat sich das kaum einer.

Im Rückblick ja gar nicht schlecht. Sie fertigen in Ihrem Laden ja auch Schlüssel an.
Wenn man es so sieht, ja, dann hilft mir die Ausbildung heute. Aber der Beruf als Dreher war eigentlich nichts für mich.

Wie ging es nach der Ausbildung weiter?
Erstmal zur Armee, danach bewarb ich mich auf ein Maschinenbau-Studium, wurde angenommen, ging aber nicht hin.

Warum?
Wissen Sie, eine „rote Ausbildung“ war nichts für mich. Und Russisch lernen wollte ich auch nicht noch länger.

Das Studium fiel also flach, wie ging es weiter?
Na, dann habe ich erstmal vier Wochen gar nichts gemacht. War ja eigentlich unvorstellbar. Bei der Armee habe ich die LKW-Fahrerlaubnis gemacht.Ich bin dann zum Kraftverkehr gegangen, habe noch eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer absolviert und bin dann für eine Spedition gefahren.

Das war auch nichts für Sie?
Mein Traum war das nicht. Zehn Jahre lang, nur durch die DDR, wenig abwechslungsreich. Die Gewerbegenehmigung für eine Fahrschule konnte ich auch nicht bekommen. Da musste man zehn Jahre warten. Dann hörte ich von einem Beschluss, dass sich einige Handwerker – darunter Schuhmacher – selbständig machen könnten.

In der DDR eher schwierig.
Richtig. Privaten Handwerkern machte der Staat es schwer. Eigentlich musste man sich einer Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) anschließen. Aber fragen Sie nicht, wie man da gearbeitet hat.

Wie war es denn?
In den PGHs stapelten sich die Schuhe, Zelte und Regenschirme. Die haben alles angenommen, aber hatten keine Leute. Wer da arbeitete musste sich zumindest nicht restlos verausgaben (lacht). Für mich stand fest: Ich möchte mit der ganzen „Brigade der sozialistischen Arbeit“ nichts mehr zu tun haben, ich will selbständig sein.

Und das gelang dann auch.
Nachdem ich verschiedene Stellen abgeklappert hatte, bekam ich die Nachricht, dass ich die Ausbildung zum Schuhmacher beginnen kann. Musste ich aber selber zahlen. Den Facharbeiter machte ich in Magdeburg, dann kam noch der Meisterlehrgang. Ein Jahr nach der Ausbildung fand ich ein leerstehendes Geschäft im Magdeburger Stadtteil Sudenburg. War auch nicht so einfach, denn es gab ja die örtliche Versorgungswirtschaft. Nicht jeder konnte einfach irgendwo ein Geschäft eröffnen.

Wie lief es an?
Schleppend. Erst mal hatte ich mir über Annoncen mein Werkzeug zusammensuchen müssen. Da haben sich dann einige ältere Damen gemeldet, die noch Werkzeug von ihren verstorbenen Ehemännern in der Garage hatten. Ich bekam meine erste Maschine. Die war von 1929. Und steht übrigens heute noch bei einem Taschendesigner in Berlin. Das Geschäft lief dann nach einem Jahr ganz ordentlich. Etwas befremdlich war: Ich hatte ziemlich viel Laufkundschaft von der nahegelegenen Stasi-Zentrale.

Hatten die denn ausgefalleneres Schuhwerk?
Na ja, vor allem hatten die keine Ahnung, wie das Leben in der DDR wirklich lief. Eine Kundin gab mal graue Kinderstiefel ab. Ich sollte neue Reißverschlüsse einnähen. Als sie wiederkam, hat sich sich aufgeregt, dass ich schwarze Reißverschlüsse eingesetzt hatte. Da habe ich geantwortet: Sie wissen wohl nicht, wo Sie leben. Es gab schließlich nur braun oder schwarz.

Und was passierte dann?
Ich wurde bei der Stasi vorgeladen. Warum äußern sie sich so?, wurde ich gefragt. Ich sage nur, wie es ist, sagte ich. Man hat mich dann angehalten, mich bei der Frau zu entschuldigen. Ich habe gesagt, dass ich das nicht einsehe und bin gegangen. Ein Nachspiel gab es nicht.

Hatten Sie keine Angst?
Komischerweise nie. Aber bis heute habe ich eines nicht abschütteln können. Dieses Denken auf zwei Ebenen. Was kann man offiziell sagen, was nur im privaten Kreis. Dieses Gefühl, das wirkt heute immer noch nach.

Wie lief es nach der Wende?
Schlecht. Die volkseigenen Betriebe brachen zusammen. Auch ich hatte nur wenig Arbeit. Um mich fortzubilden, bin ich 1989 zum Obermeister nach Braunschweig gefahren. Ich habe neue Klebemöglichkeiten und Maschinen kennengelernt. Im Rückblick war das wichtig. Danach habe ich mir Maschinen gekauft. Ich ging davon aus, dass das Geschäft irgendwann wieder anläuft. Doch erstmal wurde die Miete für mein Geschäft von den neuen Hauseigentümern erhöht. Ich habe mich dann umgeschaut und den neuen Laden gefunden.

In dem arbeiten Sie bis heute. Wie lange noch?
Ich bin jetzt 69. Ich habe immer gesagt: Ich mache so lange weiter, wie ich noch in meiner Freizeitmannschaft Handball und Fußball spielen kann. Das klappt noch ganz gut.

Wenn Sie die Wahl gehabt hätten, welchen Beruf hätten Sie vielleicht lieber ergriffen?
Tischler oder Sattler – das wäre auch etwas für mich gewesen. Aber ich bin gern Schuhmacher. Man kann kreativ sein, ich bin selbständig. Ich bin zufrieden, dass ich trotz einiger Hürden in dem Beruf gelandet bin.