Rallye-Fahrer

Nur Fliegen ist schöner

Michael Kahlfuss aus Möser und sein Trabi „Harry Potter“ haben das Ziel der East African Safari Rallye erreicht.

Von Daniel Hübner

Möser l Die Industrie- und Handelskammer gibt am 7. Januar in Magdeburg ihren Neujahrsempfang und hat dazu „Harry Potter“ eingeladen. „Harry Potter“ wird diesen Termin allerdings verpassen, er ist dann womöglich noch auf hoher See.

Auch wenn die motorsportbe- geisterten Afrikaner spätestens seit der 62. East African Safari Rallye durch Kenia und Tansania ganz fest an die Zauberkräfte des froschgrünen Trabis glauben und ihm deshalb den Namen des literarischen Magiers aus dem Zaubererinternat Hogwarts gaben, kann er doch nicht fliegen – und musste deshalb die Heimreise von Mombasa im Container und auf dem Schiff antreten. „Vier bis sechs Wochen“, sagt „Harry Potters“ Herr und Meister Michael Kahlfuss, „wird das dauern, ehe der Trabi im Hamburger Hafen ankommen wird.“

Kahlfuss selbst ist bereits zurück in Deutschland, Sachsen-Anhalt, Jerichower Land, Möser. Er, sein 46-jähriger Co-Pilot Ronald Bauer, seine Lebensgefährtin und ihre „Managerin“ Annett Lehmann, die vier Mechaniker aus dem Team „MIKA Motorsport“, zwei Herren vom Fernsehteam und zwei weitere Zuschauer, die allesamt zur Crew gehörten. Und Kahlfuss wird in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten oft die Geschichten seiner dritten Teilnahme nach 1994 und 2002 an dieser Rallye durch die afrikanischen Steppe erzählen. Und er wird sich oftmals fragen, welches Detail er letztlich vergessen hat. „Normalerweise müsste man die Geschichten alle aufschreiben, aber wenn man dafür mal Zeit hat, hat man auch schon die Hälfte vergessen“, erklärt er.

An acht Renntagen vom 19. bis 27. November und auf 158 Sonderprüfungen über insgesamt 4500 Kilometer hat der Pilot aus Leidenschaft Impressionen gesammelt, die eigentlich für ein ganzes Leben reichen. Aber vor allem eines hat Kahlfuss geschafft: „Wir sind am letzten Tag um 15.30 Uhr in Mombasa ins Ziel gefahren.“ Und dort angekommen, wo sie am ersten Tag gestartet waren. Das hatten dem Trabi wirklich die wenigsten zugetraut. Aber „Harry Potter“, sagten die Einheimischen, „flog und flog und flog und ging nicht kaputt“. Vor allem die Räder gingen nicht kaputt: Kahlfuß musste die „Schuhe“, auf denen er schon vor zwölf Jahren durch Kenia gerauscht war, nicht einmal wechseln. „Die hatte ich in meinem Reifenlager dunkel und kalt gelagert“, sagt Kahlfuss staunend.

Der 52-Jährige war allerdings auch auf alle Eventualitäten vorbereitet. Am dritten Tag musste die Kupplung gewechselt werden. „Ein Materialfehler.“ Am siebten Tag musste der komplette Motor gewechselt werden, nach dem sich Kahlfuss und Bauer zunächst mit der Kraft eines Zylinders über die Schotterpisten und durch Wasserlöcher, an Antilopen, Elefanten und Zebras vorbei geschleppt hatten. „Das volle Programm also“, erzählt Kahlfuss lächelnd. „So eine Strecke ist eben sehr grenzwertig für einen Trabi.“ Übrigens auch für dessen Insassen. 40 Grad Celsius im Schatten drückten aufs Gemüt. „Ich habe zehn bis zwölf Liter Wasser täglich geschluckt“, berichtet er über den Kampf gegen die Hitze.

Um die hintere Stoßstange seines Trabi 601 mit aufgepumpten 50 PS (von ursprünglich 26) und einer Höchstgeschwindigkeit von 150 Kilometern pro Stunde hat er nicht mehr gekämpft. „Die hat der Trabi am dritten Tag nach einem Sprung in ein Loch verloren.“ Alle Bemühungen an diesem Tag, „Harry Potter“ wieder zu vervollständigen, scheiterten. Denn der Schutz war bereits in guten Händen.

„Als wir uns am nächsten Morgen zur Prüfung aufgemacht haben“, erzählt Kahlfuss lachend, „habe ich sieben Afrikaner auf einen Pickup stehen sehen, sie hielten die Stoßstange in die Höhe und jubelten. Ich muss mal im Internet schauen, ob sie schon zum Verkauf angeboten wird.“ Weitere Schäden? „Nicht ein Kratzer.“

Kahlfuss und Bauer erreichten letztlich als 37. von 54 gestarteten Teams das Ziel. Insgesamt 26:57:11 Stunden haben sie für alle Sonderprüfungen benötigt. Der Gesamtsieger Stig Blomqvist, 69-jähriges Rallye-Urgestein aus Schweden, war im Porsche 911 mehr als elf Stunden schneller unterwegs.

46 Autos überlebten die Turbo-Safari. Ähnliche Exoten wie „Harry Potter“ überlebten sie nicht. Einige Fahrer zogen sich bei Unfällen Handbrüche zu. Die Rallye wurde ihrem Ruf gerecht, die härteste der Welt zu sein. Oder wie Kahlfuss immer wieder betont: „Sie ist brutal.“

Ein Ferrari ist auf der Strecke zerfallen, ein Peugeot erlebt nun seine Bestattung beim Schrotthandel. Und auch ein Mercedes 450 gab nach dem vierten Tag Geist auf und Seele ab. Und trotzdem haben alle eine „Ankommensmedaille“ erhalten, die wenigstens die Hälfte der Rallye durchgehalten haben. „Das fand ich fair. Und es ist natürlich auch eine Anerkennung. Immerhin betrug das Startgeld 43 000 Euro, da wollte niemand enttäuscht nach Hause fahren.“

Neben der „Ankommensmedaille“ gewann Kahlfuss zudem das Klassement für Autos bis 1600 Kubikzentimeter, und natürlich wurden er, Bauer und „Harry Potter“ für „herausragende Leistungen“ ausgezeichnet. Statt einer Prämie hat er dafür zum Beispiel zwei aus Holz und Metall gefertigte Elefanten erhalten, jeder 23 Kilo schwer. „Ich müsste mal prüfen lassen, was die wert sind. Aber wir werden sie in unserem Wohnzimmer aufstellen“, sagt Kahlfuss, der alle seine Trophäen aus 32 Jahre Rallye-Sport im Haus in Möser verteilt hat.

Und Kahlfuss hat bereits die nächsten Einladungen zum Rallye-Abenteuer erhalten. Jene für die Fahrt durch Argentinien im nächsten Jahr flatterte schon vor seinem Aufbruch nach Afrika ins E-Mail-Postfach. Kurz nach seiner Rückkehr aus Mombasa rief ein Freund aus Neuseeland an. 2017 wird dort die 50. Auflage der Landesrallye gefeiert. Kahlfuß sagt: „Finanziell ist die Teilnahme nicht stemmbar.“ Abgesagt hat er allerdings auch noch nicht. Die Versuchung ist zu groß. Denn auch für den Herr und Meister von „Harry Potter“ gilt: Nur Fliegen ist schöner.