Blankenburg (dpa) l Proben sind Aktion und Interaktion. Für Lorenzo Ghirlanda ist es manchmal ein Spiel der Kräfte. Hier ein wenig mehr Tempo, dort etwas weniger. Hier etwas mehr Struktur, dort etwas mehr Reduktion. Musik kann vieles bewirken, aber eben auch im wahrsten Sinne verstimmen. Nun kehrt der Schweizer Musiker, Dirigent und Musikvermittler zurück an einen Ort, der voller Magie ist und die Karriere nicht nur von Lorenzo Ghirlanda geprägt hat: Kloster Michaelstein.

Mit dem Leitspruch der Zisterzienser „Porta patet – Cor magis“, übersetzt „Das Tor steht offen – Das Herz noch mehr“, ist ein Wiedersehen für Ghirlanda und mehr noch ein großes Treffen mit anderen Musikern, die in Michaelstein als „Bachs Erben“ schon zu Schul- und Studienzeiten wichtige musikalische Erfahrungen gesammelt haben.

Jugendorchester für Barockmusik

„Bachs Erben“ sind Deutschlands erstes und einziges Jugendorchester für Barockmusik. Seit ihrer Gründung 2006 trifft sich das aus Schülern und Studenten zusammengesetzte überregionale Ensemble immer wieder zu Proben mit teils renommierten Gast-Künstlern. Einige der Mitglieder wollten vor fünf Jahren nach der Ausbildung mehr. So gründeten sie gemeinsam mit Lorenzo Ghirlanda das VOX Orchester und machten mit einem furiosen Konzert auf sich aufmerksam.

„Der Weg aus der Ausbildung bzw. einem Studium mit einer gewissen Sicherheit in ein kleines privates Orchester ist ein gewagter Schritt“, erzählt Ghirlanda. „Doch dann kam für uns das Angebot, das Debüt-Konzert von VOX bei den renommierten Thüringer Bachwochen im Bachland Thüringen zu geben. Sie glauben nicht, wie aufgeregt wir alle nach Erfurt gefahren sind.“ Das Debüt war ein voller Erfolg. Applaus, Standing Ovations, große Emotionen. Es hat das gesamte Ensemble stark berührt und angespornt.

Rückkehr in die Heimat

Nun kehren die Michaelsteiner zurück an den Ort ihrer Lehrjahre und nehmen für das internationale Musiklabel SONY Classical Georg Friedrich Händels Ode „Das Alexanderfest“ als CD am Ursprung ihrer Karriere auf. Immerhin ist das Kloster Sitz der Musikakademie Sachsen-Anhalt und damit einer der wichtigsten Orte für die musikalische Ausbildung.

Nach einer einwöchigen Probenzeit folgt in der Musikscheue des Klosters die CD-Aufnahme. Dem Barockorchester steht ein Chor zur Seite, außerdem mit der Sopranistin Marie Sophie Pollak, dem Tenor Tobias Hunger und Bassbariton Kresimir Strazanac drei renommierte Solisten. Es wird die dritte CD des international erfahrenen Ensembles, doch hinter der gefühlten Routine des Musizierens wird wieder die Aufgeregtheit durchschimmern.

Emotionales Wiedersehen

„Es wird eine sehr emotionale Angelegenheit“, erzählt Lorenzo Ghirlanda. „Sachsen-Anhalt bedeutet für viele Musiker den Beginn ihrer Karriere. Hier erneut miteinander zu arbeiten, ein nicht ganz einfaches aber faszinierendes Werk zu erarbeiten, das ist neben der Mühe aber auch die Freude, wieder an einem vertrauten Ort zu sein.“

Auch Lorenzo Ghirlanda, selbst nicht Michaelsteiner, verdankt der musikalischen Klassikbegeisterung in Sachsen-Anhalt viel. 1974 in Lugano geboren, ist er im Bereich der Alten Musik als Interpret, Forscher, Produzent und Dirigent tätig. Nach seinem Posaunen-Studium in Bern und Weimar war er Stipendiat des Schweizer Nationalfonds und forschte zu Fragen der historischen Aufführungspraxis. Und rekonstruierte mit großer Leidenschaft barocke Blechblasinstrumente.

„Ich kenne das Kloster Michaelstein von vielen Proben und Konzerten gut, aber Sachsen-Anhalt hat auch an einem anderen Ort meine musikalische Ausbildung vorangebracht. Bei den Händel-Festspielen in Halle an der Saale habe ich vor elf Jahren mein Debüt als Dirigent gegeben, übrigens auch mit Händel.“ Der Komponist Händel spielt in der Biografie des Schweizers eine große Rolle.

Faszination für Händel-Musik

Was 2008 in Halle mit der Aufführung der Oper „Alcina“ begann, setzte er später bei der konzertanten Rekonstruktion des Händel-Opernfragmentes „Genserico“ fort. Die Musik Händels fasziniert ihn. „Händel komponiert mit Kraft, mit Eleganz, mit einer unwiderstehlichen Direktheit und ist zudem voller barocker Pracht“, sagt Lorenzo Ghirlanda. „Barockmusik ist ein wichtiger Teil unserer europäischen Kulturgeschichte und hier kommt niemand an Sachsen-Anhalt vorbei.“ Insofern schließt sich ein Kreis für den Schweizer wieder einmal: Mit Händel zurück in Sachsen-Anhalt.

Doch bevor Händels Musik in aller Größe erklingt, stehen die Proben im Mittelpunkt. Lorenzo Ghirlanda ist ein aktiver Dirigent. Die Tessiner Lebensfreude scheint hier durch. Eine Hand dirigiert, die andere bewegt sich über die Noten, seine Augen gleiten über die Partitur, halten aber auch immer Blickkontakt zu seinen Musikern und den Solisten. Hier fehlt ihm ein Forte, dort ein Legato, dann wiederum das harmonische Artikulieren. „Versuche mehr zu sprechen und weniger zu singen“, bittet er die Sänger.

Freiheit mit Grenzen

Es ist ein Proben, bei dem sich jeder einbringt, auch wenn Lorenzo Ghirlanda die musikalische Richtung im Kopf hat. „Kann ich das frei singen oder freier gestalten?“ wird entsprechend charmant mit italienisch-schweizer Akzent beantwortet: „Si, gerne, aber bitte nur so frei, wie wir es eben einstudiert haben“. Die Freiheit hat Grenzen, egal bei welchen Proben.

Und Ghirlanda selbst hat in den vergangenen Jahren als Assistent an der Seite des großen Bach-Vermittlers Helmuth Rilling selbst viel gelernt. Rilling öffnete ihm nicht nur neue Welten für Bach, sondern auch für Händels „Messias“.

Als Ghirlanda 2015 das VOX Orchester gründete, hat er als erstes Gespür für die gute Ausbildung der Musiker. „Ich bin auf junge Menschen gestoßen, die sehr engagiert und eben mit Leidenschaft ihr Publikum begeistern wollten. Das hat mir imponiert“, sagt er. Das VOX Orchester konzentriert sich vor allem auf die Aufführung barocker Musik und erweitert von dieser Musikepoche aus sein Repertoire bis hin zu den Anfängen der italienischen Romantik.

Zwei CDs veröffentlicht

Inzwischen hat das Ensemble zwei CDs beim renommierten Label „Deutsche Harmonia Mundi“ veröffentlicht, man kooperiert mit Stars der Szene wie der Blockflötistin Dorothee Oberlinger oder dem Bariton Christoph Prégardien. „Da ist eine Stimme aufgetaucht, die im Barockbereich sicher noch viel zu sagen haben wird“, lobte das Klassikmagazin Pizzicato die Debüt-CD des VOX Orchesters.

Tatsächlich tritt mit dem Ensemble erstmals eine Generation von jungen Profi-Musikern auf die Bühne, die sich von Beginn an der Alten Musik und ihrem Instrumentarium verschrieben haben, die also mit dem Wissen um historische Aufführungspraxis gleichsam aufgewachsen sind. Nun freuen sich alle auf das Wiedersehen in Kloster Michaelstein.

Lorenzo Ghirlandas Initiative ist es auch zu verdanken, dass das VOX Orchester nun zu seiner Keimzelle, nach Kloster Michaelstein, zurückkehrt. Als Musiker, Dirigent und Wissenschaftler sind ihm alle drei Akzente wichtig, doch er braucht vor allem die praktische Arbeit, gerne auch die Vermittlung von Praxis. „Wenn man selber Musiker ist, kann man Töne und Spielweisen viel einfacher erklären. Das hilft mir, wenn ich mit Orchestern arbeite. Die Wissenschaft wiederum ist ebenfalls wichtig, um die Bedeutung von Kompositionen zu verstehen.“

Produktion als Dirigent prägen

Als Dirigent aber lebt er am meisten auf, denn bei dieser Arbeit kann er von Anfang bis Ende eine Produktion begleiten, damit auch prägen. Das sieht und hört man gut bei den Proben. Immer wieder korrigiert er die Artikulation, das Tempo, den Rhythmus. Trotz der Arbeit an der Partitur wird viel gelacht und experimentiert: Es geht um Timing, „explosives“ Betonen, immer wieder um den Wunsch, weniger zu singen und mehr zu sprechen. Am Ende steht neben einem breiten Grinsen auch ein italienisches „Perfetto“, denn Lorenzo Ghirlanda gefällt, was er gehört hat und ist mehr als zufrieden.

Alle drei Begabungen des jugendlich wirkenden Schweizers sollen in den Aufnahmen von Händels Ode „Das Alexanderfest“ einfließen. Noch bevor die CD auf den Markt kommt, wird es auch eine Aufführung des Werkes in Halberstadt geben.