Halle l „Karamba Diaby vor Ort – och gucke mal!“ Die beiden Damen am Empfang des Hallenser Elisabeth-Krankenhauses nehmen interessiert das Hinweisschild zu Kenntnis, das Diabys Team zur Orientierung platziert hat. Über die Reform der Pflegberufe wird weiter oben im Saal diskutiert, Diaby hat die Fachfrau seiner Fraktion organisiert und Ver-treter der Hallenser Pflege- und Gesundheitsbranche eingeladen. Karamba Diaby moderiert, ordnet ein, fragt nach. „Ist jemand aus dem Klinikum Kröllwitz da?“ Diaby bewegt sich so sicher auf halleschem Terrain, als wäre er hier geboren.

Das ist er nicht, sondern im westafrikanischen Senegal. Sein Leben in Europa begann 1985 in der DDR. Ausgestattet mit einem Stipendium des vom Ostblock dominierten Internationalen Studentenbundes in Prag kam er zunächst ans Leipziger Herder-Institut, um Deutsch zu lernen. Ein Jahr später begann er in Halle Chemie und Geoökologie zu studieren und promovierte nach dem Diplom. Das Thema seiner Doktorarbeit: „Schadstoffbehandlung in deutschen Schrebergärten.“

Lebensmittelpunkt Halle

Diaby sagt: „Ich bin hier zu Hause. Halle ist seit 30 Jahren mein Lebensmittelpunkt.“ Was wohl auch daran liegt, dass er 1990 seine sächsische Frau Ute kennenlernte. Die beiden haben zwei Kinder, Sohn Makhily und Tochter Fatoumata.

Trotzdem: Nach Studienabschluss und Promotion hätte es doch auch die Möglichkeit gegeben, in den Senegal zurückzukehren? „Ja“, sagt Diaby, „ich bin auch in den Senegal gefahren, um Arbeit zu suchen. Aber da gab es nix.“ Also sei die „familiäre Entscheidung“ gefallen, in Sachsen-Anhalt zu bleiben. Etwa alle zwei Jahre besucht er seine Verwandten im Senegal.

Das Land zwischen Arendsee und Zeitz lernte Karamba Diaby bald besser kennen, als er es wohl je gedacht hatte. Er verdingte sich bei Bildungsträgern von der Deutschen Angestellten Akademie bis zur Jugendwerkstatt „Frohe Zukunft“ und betreute Projekte, die von Land, Bund und EU getragen waren. Später pendelte er täglich nach Magdeburg, wo er im Sozialministerium arbeitete.

Daneben legte er eine Blitzkarriere in der SPD hin. Eintritt in die Partei 2008, 2009 als Stadtrat gewählt und 2014 bestätigt.

Der ganz große politische Wurf gelang ihm 2013. Über die SPD-Liste zog er nach einem Wahlergebnis von 23,4 Prozent in seinem Hallenser Wahlkreis in den Deutschen Bundestag ein.

Ein ganz großes Gefühl

Die Ehrfurcht vor dem Abgeordnetenamt hat ihn auch nach drei Jahren nicht verlassen: „Es ist ein ganz großes Gefühl, zu den 630 Menschen in Deutschland zu gehören, die Gesetze für 80 Millionen Menschen verabschieden.“ Er habe sich erst einarbeiten müssen: Büros in Halle und Berlin mussten gefunden und eingerichtet und Mitarbeiter rekrutiert werden. „Die erste Phase war ein Lernprozess.“ Aber dass seine Hautfarbe irgendwann eine besondere Rolle gespielt hätte, „habe ich nicht gemerkt“, sagt Diaby schelmisch lächelnd.

Leider hat sich das geändert. Nicht im Bundestag, aber bedingt durch die dortige Arbeit und jene im Wahlkreis. Seitdem in diesem Land mit dem Flüchtlingszuzug rassistische Übergriffe zugenommen haben. „Auch ich erhalte rassistische E-Mails. Das macht mich traurig.“

Diaby hat dazu durchaus eine klare Meinung: „Wir brauchen nicht Hass, sondern Zusammenhalt. Populistische Forderungen sind nicht zielführend. Ich denke, das ist eine Herausforderung für ganz Europa.“ Besonders übel ist ihm eine Postkarte aufgestoßen, in der er zum Verlassen Deutschlands aufgefordert wurde.

Diaby bezeichnet sich als muslimisch sozialisiert, aber nicht konfessionell gebunden. Im Bundestag sitzt er im Bildungsausschuss und ist Vizechef des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. „Ich freue mich, wenn ich wichtige Themen umsetzen konnte“, erklärt der SPD-Mann, wenn man ihn nach Erfolgen fragt. „Der Mindestlohn etwa, von dem rund 50  000 Sachsen-Anhalter profitieren, die Rente mit 63 oder die komplette Übernahme der Bafög-Kosten durch den Bund. Daran merkt man: Die SPD regiert.“

Die bitterste Pille war für den Abgeordneten die Entscheidung über den Einsatz der Bundeswehr im syrischen Bürgerkrieg. „Vor der Syrien-Abstimmung habe ich die ganze Nacht nicht schlafen können.“ Schließlich habe er dafür gestimmt. Weil ihn die Frage von Krieg und Frieden so sehr umtreibt, hat er größte Hochachtung vor Außenminister Frank-Walter Steinmeier. „Seine weltweiten Friedensbemühungen beeindrucken mich sehr.“

Großes Kino in Berlin, die kleineren Vorstellungen in Halle. Doch würde Karamba Diaby etwas fehlen, wenn er nicht quer über die Straße grüßen könnte oder mit dem Dönerhändler nebenan ein Schwätzchen hielte.

Politiker sollten lange an der Basis arbeiten

Seine Maxime: „Für die Politik sollte man lange an der Basis gearbeitet haben und den Bezug auch nie verlieren.“ Seine sechs Jahre im Stadtrat empfindet er genauso hilfreich wie die Seminar- und Workshop­touren in der Bildungsarbeit.

Mit Workshops hat Diaby derzeit wieder reichlich zu tun. Nur geht es diesmal um die Zukunftsideen der deutschen Sozialdemokraten für „Neue Gerechtigkeit“. Der Hallenser fungiert dabei als Leiter der Projektgruppe „Neues Mitein­ander“. Als solcher fordert er dringend ein Einwanderungsgesetz, „auch wenn wir wissen, dass dies in der Bevölkerung kontrovers diskutiert wird“. Anderthalb Jahre lang berät die SPD dieses und fünf weitere Themen mit Fachleuten aller gesellschaftlichen Bereiche, um zu greifbaren Ergebnissen zu kommen.

So ihn seine Partei nominiert, würde Karamba Diaby gern noch mal für den Bundestag kandidieren, um bei der Umsetzung mitzutun: „Ich bin sehr gern Abgeordneter und will mich weiterhin für Bildung, gute Arbeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt einbringen.“

Bei den Fraktionsterminen vor Ort der SPD gilt übrigens das Prinzip von Geben und Nehmen. So wie sich Diaby die Pflegeexpertin nach Halle holte, wurde er an diesem Wochenende von einer Kollegin nach Augsburg als Fachmann für bürgerliches Engagement eingeladen. Thema: Möglichkeiten für Integration im Kleingartenwesen.