Schönebeck l Die Misstände bei der Patientenversorgung in Ameos-Kliniken reißen nicht ab: Nachdem das Krankenhaus Halberstadt vergangene Woche über Tage keine Notfallpatienten aufnahm, werden jetzt Ausfälle auch aus Schönebeck (Salzlandkreis) bekannt. In den vergangenen Wochen sei es zu Teil-Schließungen sowohl der Chirurgie als auch der Klinik für Innere Medizin gekommen, berichtet der als Belegarzt am Standort beschäftigte Mediziner Andreas Mohnert.

Überlastungsanzeigen "en gros"

Der HNO-Arzt erhebt schwere Vorwürfe gegen den Träger des 500-Mitarbeiter-Standorts – die Ameos-Gruppe: Seit zwei Jahren dünne diese das Personal immer weiter aus. Die verbliebenen Schwestern steckten oft in prekären Verträgen und würden hin- und hergeschoben. Pflege finde teilweise gar nicht mehr statt. Die Fachkräfte stellten Überlastungsanzeigen "en gros". „Erst vergangene Woche sind bei einer Visite wieder Schwestern in Tränen ausgebrochen“, sagt Mohnert. Der Betreiber habe nur den wirtschaftlichen Gewinn im Blick. Das gehe schon länger auf Kosten von Patienten und Personal. „Jetzt aber hat Ameos den Bogen überspannt“.

Klinikums-Sprecherin Cornelia Heller geht auf konkrete Vorwürfe nicht ein. Sie räumt aber ein: „Wir suchen händeringend Personal.“ Grund seien etwa Umzüge und Renteneintritte. Nicht immer schaffe es das Krankenhaus, ausscheidende Kräfte noch zu ersetzen. Mit der Situation stehe Ameos aber nicht allein, betont Heller. „Viele Einrichtungen stehen vor ähnlichen Herausforderungen.“

Ohnmächtige Behörden

Bernd Becker, von der Gewerkschaft Verdi, bestätigt Personalknappheit in ganz Sachsen-Anhalt. Das habe verschiedene Gründe. So werde von Vornherein zu wenig Personal eingestellt. Landesweit fehlen laut einer Mitarbeiterbefragung 3000 Fachkräfte für eine ausreichende Versorgung. Verschärft werde die Situation durch Nachwuchsmangel. Wer dann – wie Ameos – auch noch schlechte Konditionen anbiete, habe schlechte Karten: „Da stimmen die Mitarbeiter mit den Füßen ab“, sagt Becker.

Die Behörden müssen sich weitgehend aufs Zuschauen beschränken. Zwar sind die Landkreise grundsätzlich für die Patientenversorgung an den Krankenhäusern zuständig. Sind Kliniken aber in Privathand, liegt die Personalhoheit bei den Betreibern, sagt Salzlandkreis-Sprecherin Alexandra Koch. Und: „Es besteht die Erwartung, dass der Betreiber den Versorgungsauftrag erfüllt.“

In Halberstadt hat sich die Situation unterdessen entspannt. Seit Mittwoch nimmt die Ameos-Klinik im Vorharz wieder Notpatienten an. Bernd Becker sieht dennoch keinen Anlass zu Entwarnung: Die Bundesregierung fordert er auf, gesetzliche Untergrenzen bei der Personalbesetzung in Kliniken einzuführen. Wolle man Notstände wie in Halberstadt verhindern, müsse man vor allem den Krankenpfleger-Beruf wieder attraktiver machen.