Leiharbeit

Deutschlandweit stieg der Anteil von Leiharbeitern in der Krankenpflege von 12 000 (2014) auf 22 000 (2018). In der Altenpflege kletterte die Zahl von 8000 auf 12 000. Der Anteil der Leiharbeitnehmer an allen Beschäftigten in der Pflege ist mit zwei Prozent gering – jedoch mit steigender Tendenz.

Magdeburg l In den Krankenhäusern und bei Pflegediensten in Sachsen-Anhalt fehlt Personal. Patienten werden zunehmend von Leiharbeitern versorgt. Von 2013 bis 2019 stieg deren Anteil in der Krankenpflege um rund 41 Prozent (von 200 auf 283). In der Altenpflege um knapp 49 Prozent (von 113 auf 168). Sowohl in der Kranken- als auch in der Altenpflege beträgt der Leiharbeiter-Anteil aber immer noch weniger als einen Prozent.

Generell wird die Besetzung von offenen Stellen immer schwieriger. Bei Krankenpflegern dauert es im Schnitt 139 Tage. Gar 171 Tage sind es, bis eine ausgeschriebene Stelle für Fachkräfte in der Altenpflege besetzt werden kann.  

Attraktivere Schichten

Wenn das eigene Personal nicht ausreicht, kommen Leihkräfte wie Teresa Herfurt zum Zug. Die 31-Jährige ist Krankenschwester auf der Schlaganfall-Station im Magdeburger Uniklinikum.

Beschäftigt ist sie bei einem Personalvermittler aus Magdeburg. Alle drei Monate tauscht sie ihren Job auf der Station mit dem als Krankenschwester auf einem Kreuzfahrtschiff. Als Honorarkraft hat sie im Krankenhaus Vorteile: Sie verdient deutlich mehr als die Kollegen. Ihre Dienste plant sie selbst, sie umgeht dadurch Nachtschichten. „Für mich perfekt“, sagt sie. Wer keine drei oder vier Wochenenden hintereinander arbeiten müsse, lebe einfach gesünder. Sie sei zudem flexibler.

Anderes Beispiel: In einem Heim des Arbeiter-Samariter-Bundes in Magdeburg arbeiten derzeit drei Leihkräfte. 41 Euro pro Stunde berechne die Leiharbeitsfirma, sagt Geschäftsführerin Antje Ruddat. Das ist fast doppelt so viel, wie für einen Festangestellten fällig wird.

Besserer Verdienst, Schichten nach Wunsch – für festangestellte Pflegekräfte ist die Arbeit bei einem Personaldienstleister attraktiv. Die Kosten bei Krankenhäusern und Heimen allerdings steigen. Zeitarbeiter als Preistreiber? Ja, sagt das Land Berlin.

Land Berlin plant Initiative

Es will die Entwicklung stoppen und plant eine Bundesratsinitiative. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) kritisiert die höheren Kosten durch Leiharbeiter. Zeitarbeitsfirmen würden unterdessen sogar gezielt Pflegepersonal abwerben. Leiharbeiter könnten die wenig attraktiven Schichten umgehen. Eine zusätzliche Belastung für das Stammpersonal, die Pflegequalität leide.

In der Leiharbeit sieht Kalayci eine Gefahr für die Versorgung. „Pflege ist eine Mensch-zu-Mensch-Beziehung.“ Die sei bei kurzen Einsätzen der Leiharbeitskräfte schwer aufzubauen.

Im Sozialministerium von Sachsen-Anhalt teilt man die Auffassung. Gerade in der Altenpflege gehe es um die Interaktion zwischen Pflegekraft und Pflegebedürftigem. Der Einsatz in wechselnden Pflegeeinrichtungen könne zum Problem werden, heißt es.

Leiharbeit ist bislang die Ausnahme

Die wachsende Zahl von Leiharbeitern in der Pflege – für Grünen-Fraktionsvorsitzende Cornelia Lüddemann liegt der Kern des Problems im Fachkräftemangel. Pflegekräfte können ihre Marktmacht nutzen. Mit Leiharbeit verdienen sie besser und umgehen unattraktive Schichten. Arbeitsbedingungen und die Bezahlung des Pflegepersonals müssten besser werden. Damit würde der Anreiz zum Wechsel in die Leiharbeit gemindert, so Lüddemann. Ein Verbot, wie von der Berliner Gesundheitssenatorin gefordert, schießt in ihren Augen dennoch über das Ziel hinaus. So komme es etwa alleinerziehenden Müttern zugute, wenn sie nicht in den Schichtdienst eingebunden sind. Den maximalen Anteil der Leiharbeit in der Pflege zu reglementieren, das hält Lüddemann für denkbar.

Anzahl muss gering bleiben

Leiharbeiter sollten nicht mehr verdienen als Tarifbeschäftigte in der Pflege – für eine entsprechende Regelung plädiert Tobias Krull, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Ein grundsätzliches Verbot hält auch er für falsch, weil den Einrichtungen damit weniger Handlungsmöglichkeiten blieben. Die Zahl der Leiharbeiter müsse im Vergleich zu den Festangestellten gering bleiben.

Das Harzklinikum mit Standorten in Quedlinburg und Wernigerode setzt immer mal wieder „einige wenige“ Leiharbeiter ein, hat aber gute Erfahrungen gemacht. Insgesamt 700 Mitarbeiter arbeiten im Pflegebereich. Bei Engpässen würden zunächst die eigenen Leute gefragt, ob sie aushelfen können. Das werde gesondert honoriert, sagt Pflegedirektorin Gundula Kopp. Können die Löcher nicht gestopft werden, kommen Leiharbeiter zum Einsatz. Angesichts der Situation am Arbeitsmarkt unerlässlich, heißt es vom Klinikum.

Ungeeignet für Langzeitpflege

„Leiharbeit ist bei uns die absolute Ausnahme“, sagt Humanas-Geschäftsführer Jörg Biastoch. 14 Altenpflege-Einrichtungen betreibt Humanas im Land und beschäftigt 300 Mitarbeiter. Gerade im Bereich der Langzeitpflege hält Biastoch den Einsatz von Leiharbeitern für kontraproduktiv. In der Betreuung sei Kontinuität gefragt. Eine Regulierung etwa im Krankenhaus hält er für sinnvoll. Dass Pflegekräfte die Zeitarbeit vorziehen, sei bedenklich. Dann steigen die Kosten bei Heimen und Krankenhäusern. Das Berliner Maßnahmenpaket zur Eindämmung der Leiharbeit in der Pflege begrüßt der Humanas-Chef.

Im Krankenhaus St. Marienstift in Magdeburg werde darauf Wert gelegt, vorrangig mit Stammpersonal zu arbeiten, sagt Geschäftsführer Johannes Brumm. Wenn Leiharbeiter eingesetzt werden, erhielten sie eine angemessene Einarbeitungszeit.

Verbot abgelehnt

Und was sagen die Zeitarbeitsfirmen? Der Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister (BAP) lehnt ein Verbot ab. Nach Ansicht von Verbandschef Sebastian Lazay geht die Diskussion am Kernproblem vorbei. „Dünne Personaldecken, unflexible Arbeitszeiten und zeitraubende Administrationsprozesse schrecken Interessenten am Pflegeberuf ab oder führen zu einem Arbeitgeberwechsel, der attraktivere Arbeitsbedingungen bietet“, so Lazay gegenüber dem Evangelischen Pressedienst.

Eine große Herausforderung werde die Fachkräftesicherung zukünftig gerade im Bereich der Altenpflege, sagt Kay Senius, Chef der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt Thüringen der Bundesagentur für Arbeit. Es müsse gelingen, die Berufe attraktiver zu machen und aufzuwerten, die Entgelte zu steigern und die Teilzeitquote zu verringern.

Der Anteil von Leiharbeitern in der Pflege liegt nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit deutschlandweit derzeit bei etwa zwei Prozent.