Wernigerode l In einem Volksstimme-Interview monierte Verdi-Gewerkschafter Bernd Becker kürzlich, dass das Gros der Pflegeeinrichtungen in Sachsen-Anhalt sein Personal eher in Nähe des Mindestlohnes bezahlt - sprich weit weg vom Tarif des öffentlichen Dienstes (TVöD). Mit Monatsgehältern zwischen 2000 und 2500 Euro liege das Gehalt „30 Prozent unter dem Tarif-Lohn“. Zudem gebe es bei den öffentlichen Pflegeheimen „keines mehr, das den TVöD zahlt“. Stattdessen habe „Tarif-Flucht“ Einzug gehalten. Heißt, es gibt Haustarifverträge.

Diese Aussagen riefen Sandra Lewerenz auf den Plan. Sie ist seit 2016 Geschäftsführerin der Gemeinnützigen Gesellschaft für Sozialeinrichtungen in Wernigerode – kurz GSW. Im Land gibt es 15 stationäre Pflegeheime mit 1393 Plätzen, die sich wie die GSW in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft befinden. „Für die GSW kann ich sagen, dass wir unserem gesamten Personal ohne Wenn und Aber den Tarif des öffentlichen Dienstes zahlen“, so Lewerenz.

Und es sind nicht wenige, die davon profitieren, denn die GSW betreibt im 25. Jahr ihres Bestehens an 15 Standorten Seniorenpflege-Einrichtungen, Sozialstationen sowie Wohnheime für Menschen mit Behinderung. Mit 537 Mitarbeitern ist das städtische Tochterunternehmen einer der größten Arbeitgeber in Wernigerode.

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Stadt dient als Sicherheitsnetz

Dass sich die GWS den Luxus einer tariflichen Bezahlung nur leisten könne, weil der öffentliche Träger dahinter steht und das Ganze quasi subventioniert, weist Lewerenz von sich: „Wir hängen nicht am Tropf der Kommune, sondern sind eine wirtschaftlich orientierte GmbH.“ Zwar würde die Stadt schlimmstenfalls als Sicherheitsnetz dienen, „aber davon hat die GWS in 25 Jahren noch nie Gebrauch gemacht: Wir erwirtschaften zwar keine riesigen Überschüsse, aber auch kein Minus“, betont die Chefin.

Und genau hierin liegt ihrer Meinung nach begründet, warum gewerbliche Pflegeheime keinen Tariflohn zahlen: Eine deutlich bessere Bezahlung des Personals schmälert nämlich die Rendite und treibt die Eigenanteile in die Höhe: „Dennoch bleibe ich dabei: Es könnten alle Einrichtungen Tariflöhne zahlen, wenn sie denn wollten. Zumal ja auch die Pflegekassen bei den Verhandlungen verpflichtet sind, Tariflöhne anzuerkennen.“

Hohe Preise für Heimplatz

Allerdings macht auch die Pflege-Expertin kein Geheimnis daraus: Die steigenden Personalkosten (Verdi hatte im April eine Erhöhung der Tarif-Gehälter bis 2020 um insgesamt 7,5 Prozent erkämpft) wurden bei der GSW wie bei anderen Heimen auch auf die Eigenanteile der Bewohner umgelegt: „Wir mussten die Preise 2018 insgesamt um 150 bis 250 Euro anheben. Wer wissen will, warum, wieso, weshalb kann die Kalkulationen einsehen. Wir haben keine Geheimnisse.“ Aktuell kostet ein Platz im Altenheim im Schnitt 1450 Euro im Monat. „Das ist nicht wenig und frisst bei vielen komplett die Rente auf. Hier sehe ich zuallererst den Staat gefordert: Ein Heimplatz muss für jedermann bezahlbar bleiben.“

Trotz der „bitteren Pille“, die alle schlucken müssten, ist die Geschäftsführerin überzeugt, dass sich die faire Bezahlung des Personals am Ende auszahlt – dreifach: „Wird die Arbeit durch entsprechenden Lohn gewertschätzt, ist das Personal zufrieden.“ Das gute Arbeitsklima wirke sich positiv auf die Heimbewohner aus. Vom guten Ruf profitieren wiederum die GWS-Einrichtungen sowie die Stadt. „Unsere Auslastung in den Seniorenheimen liegt fast überall bei 95 Prozent. Das sorgt für die Wirtschaftlichkeit der GmbH.“ Rund 200.000 Euro konnten im Vorjahr erwirtschaftet werden. Das sei nicht üppig, „aber als Rücklage für notwendige Investitionen Gold wert“.