Harzgerode/Tangerhütte/Gröningen l Ein Dienstag Ende September. Früh am Morgen war Marcus Weise im Wald nahe Harzgerode. Soldaten der Bundeswehr helfen im Ostharz beim Kampf gegen den Borkenkäfer. Der Bürgermeister von Harzgerode – hellbraune kurze Haare, Seitenscheitel – wollte sich ein Bild davon machen, wie das klappen kann. Nun sitzt Weise wieder an seinem Schreibtisch im Rathaus.

Seit drei Jahren ist der CDU-Politiker Oberhaupt der 8000-Einwohner-Stadt. Er ist 31. Und sieht sich im Tagesgeschäft mit Fragen konfrontiert, die derzeit viele Kommunalpolitiker umtreiben. Wie lässt sich die Abwanderung stoppen? Wie die Infrastruktur auf Vordermann bringen? Seit 2009 saß Weise schon im Stadrat, war vorher mal Landesschülersprecher. Er ist nicht unerfahren, als er mit 28 als Bürgermeister loslegt. War seine Jugend ein Problem? Nur für einige wenige, sagt er. Die meisten sehen: Weise klotzt ran. Und hat Ideen für Harzgerode. Dort hat er erlebt, wie sein Gymnasium dichtmachen musste und ein Großteil seiner Mitschüler nach dem Abschluss wegen fehlender Jobs ausschwärmte. Leute wie sie will er zurückholen, das ist der Plan. Und er will die Stadt attraktiver machen, damit nicht mehr so viele auf die Idee kommen, zu gehen. Der Haushalt ist aktuell ausgeglichen, seit zwei Jahren hat Harzgerode einen positiven Wanderungssaldo. Familien, die bauen oder ein Haus sanieren, bekommen ein städtisches Baukindergeld von 2000 Euro. Ein Anreiz, sich für die Stadt zu entscheiden, sagt Weise.

Viele erreichen Rentenalter

Und der Wirtschaft will der CDU-Mann entgegenkommen. Denn wenn sich Unternehmen ansiedeln, kommen auch deren Mitarbeiter. Eine 50-Millionen-Euro-Investition der Schlote-Gruppe hat er vorangetrieben. Vom Antrag bis Spatenstich verging weniger als ein Jahr – auch weil die Verwaltung Tempo gemacht hat, sagt Weise.

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Und das Projekt „Harzgerode macht Zukunft“ hat sich seine Verwaltung ausgedacht. Eine Internetseite zum Projekt bündelt für Einwohner und Zuzügler alles rund um die Themen Leben, Wohnen und Arbeiten. Etwa eine Übersicht über freie Stellen in der Stadt, über verfügbares Bauland. Wer will, kann eine Initiativbewerbung für einen Job in Harzgerode an das Rathaus schicken. Von dort wird die an mögliche Arbeitgeber weitergeleitet. Im vergangenen Jahr wurde Harzgerode „Kommune des Jahres“, ein Preis des Ostdeutschen Sparkassenverbands (OSV). Der belohnt den Ideenreichtum, mit dem die heimische Wirtschaft gefördert wird, neue Wege gegen Abwanderung, Leerstand oder Überalterung beschritten werden. In Zukunft wichtig: Der Erhalt von Kinderbetreuungseinrichtungen in allen Ortsteilen. Auch Bürgerhäuser, die Freiwilligen Feuerwehren mit ihrer gesellschaftlichen Funktion – die dürfen keinesfalls wegbrechen, sagt der 31-Jährige. Er selbst spielt im Spielmannszug der Feuerwehr Querflöte. Er weiß, was sozialer Kitt bedeutet.

Problem: Ein Drittel der Beschäftigten gehe in den kommenden zehn Jahren in Rente, sagt Weise. Es braucht mehr Zuzug. Ansässige Ärzte werden älter, die Nachfolger muss man mit guten Argumenten ködern. Bis 2021 will Weise ein medizinisches Versorgungszentrum aufgebaut haben, die Suche nach Medizinern läuft. Ziel für den Tourismussektor: Ein modernes Hotel in Harzgerode. Aus 150 000 Übernachtungen im Jahr könnten mehr werden, findet der Bürgermeister. Die Suche nach einem Investor läuft.

Zum Mittagessen kehrt Marcus Weise an diesem Tag wie so häufig unweit vom Rathaus ein. Fleischspieße mit Pommes stehen auf der Speisekarte. Wie der junge Bürgermeister so ankommt in Harzgerode? „Denke mal ganz gut, wir kennen ihn ja“, sagt die Bedienung. Als Sprungbrett empfindet Weise den Posten nicht. In zehn Jahren sieht er sich noch immer in Harzgerode, sagt er. „Ist ja auch Heimat für mich.“

An seinem Geburtsort bekleidet auch Andreas Brohm das Amt des Bürgermeisters. Mit 35 wurde er zum Chef der Einheitsgemeinde Stadt Tangerhütte gewählt. Jetzt ist er 40. Und trägt die Verantwortung für mehr als 30 Ortschaften. Anfangs wurde auch er von einigen argwöhnisch beäugt. Wegen seiner beruflichen Vorgeschichte. Nach Abitur und BWL-Studium tauchen in seinem Lebenslauf die Stationen Manager für Musical-Produktion und Kabarettist auf. Kann so einer Politik?, fragten sich Kritiker.

Altmark bietet „Luxus der Leere“

Doch Brohm, der in Leipzig, Zürich, Berlin, Stuttgart und Köln gearbeitet und gelebt hat, stellte schnell unter Beweis, dass er gut ist als Kommunikator. Als jemand, der Probleme ohne lange zu zögern anpackt. Er weiß, er stehe auf einer Bühne, sagt der 40-Jährige. Politik und Kabarett seien in der Hinsicht vergleichbar. Und ähnlich zum Tour-Manager im Musicalbetrieb muss er etwas auf die Beine stellen. Bewiesen hat er das bei der Rettung des Neuen Schlosses. Ein Gutshaus nach italienischem Vorbild erbaut. Vom Abriss war es bedroht. Es regnete durchs Dach. Brohm initiierte die Aktion „Dachschaden“. 190 000 Euro Fördermittel holte er sich von der EU, über 60 000 Euro kamen durch Sponsoren und Helfer zusammen. Eine kreative und mutige Art der Finanzierung, weil zu Projektbeginn die Eigenmittel noch nicht gesichert waren.

Andere Herausforderungen sind nicht weniger drängend. 30 Prozent Leerstand in Tangerhütte. Brohm nennt es in den sozialen Medien, die er gern und häufig nutzt, auch schon mal „Luxus der Leere“. Es gibt Immobilien en masse. Bei Mietwohnungen Quadratmeterpreise von vier Euro. Doch eine prosperierende Stadt wie Magdeburg ist in weniger als einer Dreiviertelstunde erreichbar. Es gibt neuere Studien, in denen der Altmark bundesweit die schlechtesten Entwicklungschancen attestiert werden, auch weil die Überalterung der Gesellschaft hier so rasch voranschreitet.

Weil Brohm über die Herausforderungen in seiner Kommune anschaulich und ehrlich berichtet und dabei ausstrahlt, dass er etwas bewegen will, haben sich viele große Medien auf ihn gestürzt. Spiegel, Zeit, FAS, Washington Post. Sie wollten wissen, wie er den Mangel verwaltet. Und Brohm gibt Auskunft, auch über sensible Themen wie den Haushalt. Seit Wochen besteht eine Haushaltssperre. Um die Liquidität nicht zu gefährden, wird alles geschoben, was möglich ist.

Dabei müsste jetzt vielerorts Geld in die Hand genommen werden, sagt Brohm. Wichtig ist es ihm, die Menschen zu sensibilisieren: „Auch wir müssen uns verändern“, sagt er. Einige Prozesse müsse man neu denken, damit etwa Einrichtungen der Daseinsvorsorge weiter existieren können. Die These von IWH-Präsident Reint Gropp, die Politik müsse sich auf die Städte konzentrieren und Dörfer fallenlassen – für Brohm ein fatales Signal. Die Vorzüge des Lebens auf dem Land, der soziale Wert, der in den Gemeinden entsteht – das alles verblasse hinter der These. Fakt ist aber: Die Menschen müssten sich fragen, was sie geben können. Das Ehrenamt müsse entfesselt werden. Etwa um die vielen Dorfgemeinschaftshäuser am Leben zu erhalten. Die seien wichtig für die Gemeinschaft.

Zusammenhalt erzeugen – das versucht auch Fabian Stankewitz (SPD). Der 31-Jährige ist seit fast drei Jahren als Verbandsgemeindebürgermeister in der Westlichen Börde tätig. Überalterung, Abwanderung, begrenzte Finanzmittel sind auch in der Verbandsgemeinde (drei Mitgliedsgemeinden, rund 9000 Einwohner) Thema. In Gröningen (Landkreis Börde) sitzt seine Verwaltung momentan in einem Schulgebäude, ein Provisorium. Ein neues Gebäude soll gebaut werden. Stankewitz lehnt sich in seinem Sessel zurück. An gleicher Stelle saß in der Vergangenheit sein Vater. Direktor der Schule und Bürgermeister in Gröningen.

Bildungsträger investiert Millionen in Campus

Stankewitz ist 31, seit Januar 2017 hat er den Posten an dem Ort inne, an dem er geboren und aufgewachsen ist. Wenn er in Gröningen über die Straße geht, wird der gelernte Sparkassen-Betriebswirt von vielen gegrüßt. Mitunter schreibt ihm abends mal ein Bekannter per WhatsApp, wenn eine Laterne ausgefallen ist. Wegen seines Alters belächelt wurde er bei Amtsantritt nur vereinzelt.

Eines seiner Ziele: Den Einwohnerschwund aufhalten. Zuletzt konnte er wieder mehr Zuzüge als Abwanderungen verzeichnen. Jüngste Idee: Familien, die sich für ein städtisches Grundstück entscheiden, bekommen in Gröningen je Kind 3000 Euro vom Kaufpreis erlassen. Die Nachfrage nach Grundstücken steigt, weil neben mehreren Betreuungseinrichtungen vor allem der moderne Börde-Campus – mit freiem Gymnasium und Sekundarschule – Familien anlockt, sagt Stankewitz. 4,5 Millionen Euro hat ein privater Bildungsträger investiert. „Für eine Gemeinde, wie wir es sind, ist das jetzt ein gigantisches Angebot“, findet Stankewitz.

Um Lücken in den Städten bebauen zu können, versucht Stankewitz auch, den Blick für marode und verlassene Häuser zu weiten. Problem: Wie ermittele ich die oft unbekannten Eigentümer? An vielen leerstehenden Häusern hängen schon blaue Schilder. Luxus der Leere nennt es Andreas Brohm in Tangerhütte. In Gröningen heißt es: „Hier ist Raum für Ihre Kreativität“.