Magdeburg l Zwei Beamte der Bundespolizei (31 und 45 Jahre) sind im April vergangenen Jahres von zwei Fahrraddieben angegriffen und schwer verletzt worden. Die Täter hatten an einem Fahrradstand des Magdeburger Hauptbahnhofes beim Versuch der Festnahme mit einem schweren Bolzenschneider erst auf den Rücken des einen Beamten eingeschlagen und bewarfen dann auf der Flucht den anderen damit, der ebenfalls getroffen wurde. Die Polizisten waren für mehrere Wochen krank geschrieben. Die Täter wurden kürzlich vom Amtsgericht Magdeburg verurteilt: Ein Jahr Bewährung bzw. eine Verwarnung mit 50 gemeinnützigen Arbeitsstunden waren die Folge. Die beiden betroffenen Beamten gehörten zu 169 angegriffenen Bundespolizisten im vergangenen Jahr in Sachsen-Anhalt. Das waren 39 Fälle mehr als noch im Vorjahr, so Behördensprecherin Chris Kurpiers.

Vorfälle im Streifendienst

Bei der Landespolizei sehe die Entwicklung nach Angaben von Innenministeriumssprecher Stefan Brodtrück ähnlich aus. Die Zahl der Straftaten gegen Polizeibeamte stieg in den vergangenen fünf Jahren um 400 Fälle auf 1585. Dabei wurden 232 Beamte verletzt, im Schnitt vier bis fünf Polizisten pro Woche. Im Vorjahr waren es noch 221. Die meisten Fälle gab es im Streifendienst, bei Kontrollen oder Einsätzen nach häuslicher Gewalt.

Milde Urteile

Uwe Petermann, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), sieht eine immer niedrigere Hemmschwelle auch zu schweren Körperverletzungen oder versuchten Tötungsdelikten. „Leider sind bestimmte Urteile der Justiz dem nicht gerade förderlich“, sagt er. Auch sein Kollege vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, Peter Alexander Meißner fordert mehr Rückendeckung von der Politik und Gesellschaft: „Wer Helfer und Polizisten angreift, der greift am Ende die Grundlagen unserer Gesellschaft an.“ Wenn Rettungskräfte, Feuerwehrmänner oder Polizisten betroffen sind, müsste dies „zwingender als bisher strafverschärfend bei den Urteilen berücksichtigt werden“. Wolfgang Ladebeck, Landeschef des Deutschen Beamtenbundes: „Inzwischen gibt es überall, wo Sanktionen drohen, mehr Drohungen und körperliche Gewalt.“

Viele Übergriffe

Auch die Retter stehen dem Phänomen immer häufiger gegenüber. Die Zahl der Übergriffe auf Rettungsdienstmitarbeiter und Feuerwehrleute hat sich im vergangenen Jahr von 48 Fällen auf 88 fast verdoppelt.

Oft Angepöbelt

Der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes Magdeburg Christian Iser: „ Früher konnten wir selbst nach einer Schlägerei mit mehreren Betrunkenen ungestört unsere Arbeit machen. Das ist heute nicht mehr so.“ Jetzt müsse man manchmal zur Sicherheit sogar auf die Polizei warten. Die Rettungskräfte würden immer öfter angepöbelt und beschimpft, so Iser.

Deeskalationstraining

Inzwischen werde den Mitarbeitern deshalb auch ein Deeskalationstraining angeboten. Auch der Einsatz stichsicherer Westen sei sogar schon diskutiert worden. In Chemnitz (Sachsen) sind diese auf Notarztwagen tatsächlich schon Realität.

Spitze des Eisberges

Die zehn angezeigten Straftaten gegen Feuerwehrleute bei Einsätzen seien nach Angaben von Kai-Uwe Lohse, Chef des Landesfeuerwehrverbandes, „nur die Spitze des Eisberges“: „Verbale Gewalt haben wir am laufenden Band.“

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