Magdeburg l Man kennt sich. Hier eine freundliche Begrüßung, dort ein Küsschen auf die Wange – am Magdeburger Puppentheater sind an diesem Donnerstagabend langjährige Weggefährten zusammengekommen. Nur einer wird kritisch beäugt: Hans-Thomas Tillschneider, Islamwissenschaftler, AfD-Landtagsabgeordneter. Das Theater ist gut gefüllt. Künstler und Kulturliebhaber wollen Tillschneider heute die Stirn bieten. Offizieller Titel: „Wie viel kulturelle Vielfalt braucht das Land?“

Die Debatte hat eine Vorgeschichte. Die AfD fordert eine „Renaissance der deutschen Kultur“. Ziel: Mehr Stücke deutscher Autoren, weniger „Regenbogen-Willkommens-Trallala“. Denjenigen Intendanten, die nicht auf diese Linie einschwenken, sollen öffentliche Gelder gestrichen werden. Im Zweifel sollen solche Theater „zugemacht werden“, hat Tillschneider einmal gesagt.

Will die AfD also eine staatliche Zensur? Nein, nein, da werde er falsch verstanden, versucht Hans-Thomas Tillschneider zu erklären. Aber: Das „Deutschsein“ werde ihm zu oft als „düster“ dargestellt. „Wenn nur noch das auf die Bühne gebracht wird, wollen wir dafür kein Geld mehr ausgeben“, sagt er. „Nach 1968 ist der Theaterbetrieb ein Hort des linken Zeitgeistes geworden!“ Das Publikum, zunächst abwartend, quittiert das mit höhnischem Gelächter. „Die AfD steht für eine Zeitenwende“, sagt Tillschneider.

Drei Kontrahenten

Heute muss er sich – jenseits von Facebook und Pressemitteilungen – der direkten Konfrontation stellen. Drei Kontrahenten hat das Puppentheater aufgefahren. Der erste, Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Intendant des Deutschen Theaters Berlin, versucht, Tillschneiders Thesen verstandesmäßig zu widerlegen. „Die Künste waren schon immer eine europäische Bewegung“, sagt er. Über Jahrhunderte hätten sich die Kulturen stets gegenseitig befruchtet und durchmischt – vom antiken Griechenland über Rom und die Gotik bis heute. „Es gibt keine deutsche Nationalkultur.“

Tillschneider gibt sich unbeeindruckt: „Wir wissen nicht mehr, wer wir sind.“ Der AfD-Politiker ärgert sich darüber, dass Globalisierung im Theater automatisch gutgeheißen werde und „Gesetzesbrecher“, die Flüchtlingen helfen, auf der Bühne „glorifiziert“ würden – damit werde Politik betrieben, kritisiert er. Mit den Mitteln der Dramatik werde der „Merkelismus“ gerechtfertigt.

Das bringt Olaf Zimmermann auf die Palme. „Die Kunst ist frei!“, zitiert der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates das Grundgesetz. Energisch legt er nach: „Es heißt nicht: Die Kunst ist frei, wenn die AfD sie gut findet!“ Ähnlich argumentiert der dritte im Bunde, Tobias Wellemeyer. Der Intendant des Hans-Otto-Theaters Potsdam und frühere Chef des Theaters Magdeburg sagt gelassen: „Wir leben in keiner stillstehenden Welt.“ Das Theater vergrößere stets „Gewissenentscheidungen“, der Mensch stehe als Rätsel im Zentrum der Darstellung – und genau darin liege eine „Begegnungschance“.

Debatte über Leitkultur

Es sind Sätze, die die erfahrenen Theatergänger im Publikum gerne hören, die bei Tillschneider aber keine Wirkung hinterlassen. „Das Theater hat auf die Fragen unserer Zeit deutsche Antworten zu geben“, sagt er. Es folgt der nächste Versuch der Intendanten, Tillschneiders „künstlich produzierte Feindschaft“ (Khuon) zu widerlegen.

Doch man übt auch Selbstkritik. Zimmermann sagt, Deutschland brauche eine neue Wertedebatte. „Die darf man nicht nur den Rechten überlassen.“ Es sei ein Fehler gewesen, dass man die Debatte über die deutsche Leitkultur bisher nicht geführt habe. Denn Vielfalt bedeute, dass es auch Grenzen gebe, so Zimmermann. Khuon wirbt ebenfalls für „gefährliche Begegnungen“ – man solle nicht nur mit Leuten diskutieren, die der gleichen Meinung wie man selbst seien, fordert er und rechtfertigt damit von der Bühne aus die Auseinandersetzung mit Tillschneider.

Als der AfD-Politiker zum Schluss erneut versucht, seine Thesen zu wiederholen und die Theater zur Förderung einer „selbstbewussten deutschen Identität“ in die Pflicht zu nehmen, platzt dem sonst so sachlichen Berliner Intendanten dann aber doch einmal der Kragen. „Das hat mit einem Gespräch nichts zu tun“, ätzt Khuon. Nach zwei Stunden gebe Tillschneider weiter nur Polemik von sich. „Das ist Wahlkampf, keine Begegnung.“