Magdeburg l Seit Montag müssen sich vor dem Magdeburger Landgericht zwei Albaner verantworten, die in einer Wohnung in Magdeburg 24,4 Kilogramm Marihuana gelagert hatten. Die Größenordnungen lassen aufhorchen: Das Landeskriminalamt (LKA) analysierte den Stoff und rechnete vor, dass aus den Drogen mindestens 210.000 Konsumeinheiten hätten hergestellt werden können. Auf die Einwohnerzahl der Städte Burg, Stendal und Halberstadt gerechnet, könnte sich davon jeder Einwohner einen Joint drehen. „Auf der Straße kostet er fünf bis zehn Euro“, erklärt ein Drogenfahnder der Volksstimme. Im Weiterverkauf unter Straßenhändlern soll der Stoff bis zu 10.000 Euro pro Kilogramm kosten. Es ist also ein Millionengeschäft.

Weiterer Drogen-Fall vor Gericht

Aktuell liegt ein weiterer Fall mit geschmuggeltem Marihuana aus den Balkanländern am Landgericht Magdeburg als Anklage. Es geht um 60 Kilogramm, bestätigt Landgerichtssprecher Christian Löffler. Gegen dieselbe angeklagte Tätergruppe aus dem Kosovo bzw. Mazedonien ist erst im April in Magdeburg ein Prozess zu Ende gegangen. Die Drogenhändler hatten auch damals 60 Kilogramm in umgebauten Gastanks von Autos nach Magdeburg über Kroatien, Slowenien und Österreich geschmuggelt.

Während Marihuana in Albanien pro Kilogramm nur 200 bis 500 Euro kostet, sind es in Sachsen-Anhalt je nach Qualität bis zu zwanzig Mal so viel. Die Transportrouten gehen auch über das Mittelmeer. Laut italienischer Finanzpolizei Guardia di Finanza wurden allein im ersten Halbjahr dieses Jahres mehr als 20 Tonnen auf der Route sichergestellt, so viel wie im ganzen Vorjahr.

Sechs Jahre Haft für Marihuana-Transport

Bei einem der bisher größten Fälle in Sachsen-Anhalt wurde im Mai 2017 ein Zeitzer vom Landgericht Halle zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er den Transport von mehr als einer Tonne Marihuana aus Albanien in Beton-Quadern mitorganisiert hat.

Zahlen zu den großen Drogenverfahren gibt es keine. LKA-Sprecher Andreas von Koß sagt aber: „Die Verdächtigen aus dem ehemaligen Jugoslawien spielen bei Drogenverfahren eine immer größere Rolle.“ Die Sicherstellungen der heimischen Cannabispflanzen sind in den letzten zwei Jahren um die Hälfte zurückgegangen.

Schreckschussrevolver im Kinderbett

Die beiden Angeklagten Elton A. und Paulo H. wurden am Montag in Handschellen in den Gerichtssaal des Magdeburger Landgerichtes geführt. Der Vorwurf: Beide sollen in einer Wohnung im  Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt 24,4 Kilogramm hochwertiges Marihuana zum Weiterverkauf vorbereitet haben. Aufgeflogen ist der „Drogen­umschlag" durch puren Zufall. Denn in der Wohnung, in der beide in Deutschland nicht gemeldeten Albaner wohnten, gehörte eigentlich einer Frau aus Guinea Bissau mit ihrem zweieinhalbjährigen Kind. Weil sie sich nicht mehr beim Sozialamt meldete, gingen zwei Mitarbeiterinnen der Sache auf den Grund.

Drogen im Kinderzimmer

Weil drinnen der Fernseher lief und keiner auf Klopfen und Klingeln reagierte, schlossen die Frauen die Wohnung auf und fanden neben dem Fernseher die ersten großen Kunststoff-Tüten Marihuana. Die Chemiker des Landeskriminalamtes attestierten der Droge einen Wirkstoffgehalt von knapp 15 Prozent.  „Das ist schon sehr viel", sagt später Staatsanwältin Martina Laue. Als die Sozialamtsmitarbeiterinnen die Polizei riefen, finden die Beamten in einem Kinderzimmer in Umzugskartons und Reisetaschen noch mehr der Drogen.

Erst Tage später wird in einem Kinderbett auch ein Schreckschuss-Revolver mit Munition samt Fingerabdruck eines der Angeklagten gefunden. Die Polizei hatte die Waffe offenbar bei der ersten Durchsuchung übersehen.

Frau ist untergetaucht

Die afrikanische Frau mit ihrem Kind ist inzwischen untergetaucht. Sie gilt als vermisst. Die Wohnung vom Sozialamt wurde an Nachmieter neu  vergeben. Woher das Rauschgift stammte, soll nun die Gerichtsverhandlung aufklären. Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.

Die Ermittler stellen in solch Drogenfällen zunehmend Tatverdächtige aus den Balkanländern fest. Peter Meißner vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) in Sachsen-Anhalt: „Die Strukturen treffen hier auf günstige Gelegenheit. Vor allem Zuwanderer aus den Balkan-Staaten, die schon länger in Sachsen-Anhalt leben, werden auch in den Drogenhandel eingebunden."

Unterdessen hat es am Dienstagmorgen in Halle und im Saalekreis eine Großrazzia gegen Drogendealer gegeben.