Nominiert für den Oscar

Magdeburg: Der Mann, der seine Haut verkaufte

Der gebürtige Magdeburger Martin Hampel hofft als Co-Produzent des Films „The Man Who Sold His Skin“ auf die begehrte Trophäe.

Von Von Grit Warnat

Magdeburg. In Pandemie-Zeiten ist alles anders. Auch die Vergabe der Oscars, der wichtigsten Preise der Filmindustrie. Zeitlich ist die Zeremonie schon auf Ende April verschoben worden, eine Oscar-Gala mit Stars soll aber laut Film-Akademie in Los Angeles stattfinden. Oscar-Preisträger sind geladen. Stars wie Reese Witherspoon, Renée Zellweger und Brad Pitt sollen beim Mega-Hollywood-Ereignis des Jahres mitwirken. Das Wie ist noch fraglich. Fest steht aber: Am 25. April werden in Los Angeles die Preise verliehen.

Volksstimme: Herr Hampel, können Sie überhaupt nach Hollywood reisen?

Martin Hampel: Auch wenn das für unser Team ein aufregender Tag wird, zieht es mich in der jetzigen Lage nicht wirklich nach L.A.

Welche Chancen rechnen Sie dem von Ihnen mitproduzierten Film bei der Preisvergabe aus?

Ich lass mich überraschen. Unsere Firma produziert schon seit über 20 Jahren Filme. Wir haben schon einige Preise eingefahren, aber eine Oscar-Nominierung – es ist die zweite für uns – ist etwas ganz Besonderes. Wir hoffen natürlich. Aber auch die konkurrierenden vier Filme in dieser Sektion sind sehr stark.

„The Man Who Sold His Skin“ ist von Tunesien für den Oscar eingereicht worden. Wie kommt man an solch ein Projekt?

Vor allem über Co-Produktionsmärkte. Sie finden oftmals im Rahmen von Festivals statt. Mehrere Tage lang werden Filmprojekte präsentiert und potenziellen Partnern vorstellt, Gespräche geführt. Mit Twenty Twenty Vision in Berlin wie auch mit Pallas Film in Halle machen wir seit Jahren und vorrangig internationale Produktionen.

Warum haben Sie sich für den Film „The Man Who Sold His Skin“ entschieden?

Ich war wie auch mein Partner Thanassis Karathanos angetan von der Geschichte. Das Drehbuch hat uns überzeugt. Im Film geht es um die Flucht eines Syrers vor dem Krieg. Als Flüchtling kann er sich räumlich kaum bewegen. Dann geht er einen Deal ein: Ihm wird das Schengen-Visum auf den Rücken tätowiert. Der junge Mann wird vom Flüchtling zum Kunstobjekt. Ihm steht damit die Welt offen. Wir fanden, dass diese Geschichte wahnsinnig spannend ist und erzählt werden muss. Uns war klar, dass wir uns beteiligen wollen.

Sie suchen Geldgeber?

Nicht nur. Erst muss uns eine Geschichte gefallen und dann müssen wir überzeugt sein, dass wir Partner in Deutsch-land finden, die das auch so sehen. Im Fall von „The Man Who Sold His Skin“ ist uns das gut gelungen, wir haben zum Beispiel das Medienboard Berlin-Brandenburg als Förderer und eine Zusammenarbeit mit ZDF/Arte. Wir haben für den Film einen deutschen Verleih, der den Film ins Kino bringen wird, und einen Weltvertrieb, der sich um die internationale Vermarktung kümmert.

Haben Sie als Produzent Einfluss auf den Entstehungsprozess?

Natürlich. Als die international besetzte Crew für „The Man Who Sold His Skin“ zusammengestellt wurde, war der Kameramann mein Vorschlag. Er hat den Film visuell entscheidend geprägt. Wir arbeiten auch mit den Schnittmeistern bis hin zur endgültigen Fassung. Co-Produktionen bereichern generell durch großen Austausch. Die Regisseurin Khaouter Ben Hania hat zum Beispiel den Film in Deutschland gemischt und die Farbkorrektur gemacht, hatte aber einen belgischen Mischtonmeister und einen schwedischen Sounddesigner an ihrer Seite. Jeder bringt andere Erfahrungen und andere Sichtweisen ein. Der Kameramann kam aus Berlin, ist Libanese und kennt den kulturellen Raum des Filmes.

Sie entscheiden sich oft für berührende Geschichten. Immigration, Flüchtlingsleben sind Themen. Sie sind alles andere als ein Mainstreamer.

Mich wie unser Team interessieren Geschichten, die einerseits unterhalten, aber auch zum Nachdenken anregen. Wir haben schwere Arthouse-Dramen gemacht, sehr, sehr berührende Geschichten, ebenso leichtere Filme, die aber auch einen politischen Touch haben. Die internationalen Filme, die wir machen, sind immer ein Fenster in andere Kulturen. Mit Pallas Film in Halle haben wir zum Beispiel zwei Arbeiten mit einem kirgisischen Filmemacher produziert, die in eine ganz andere Lebenswirklichkeit führen.

In einem Multiplex sind Ihre Filme sicher nicht zu sehen.

Einige wenige unserer Arbeiten wurde in den kommerziell geführten Kinos gezeigt. Wir setzen auf die Programmkinos.

Kinos sind ja seit vielen Monaten zu. Auch wenn „The Man Who Sold His Skin“ einen Oscar gewinnen sollte, kann man den Film nicht sehen.

In Amerika ist er schon angelaufen. Und in Deutschland hoffe ich auf einem Start in diesem Jahr. Er wird auf jeden Fall in Deutschland in die Kinos kommen. Der Verleih arbeitet bereits an der Kampagne. Die Oscar-Nominierung hilft natürlich in der Flut an Produktionen. Aber niemand weiß im Moment, wann der Film anlaufen kann. Wir schieben ja einen riesigen Filmstau vor uns her.

Sie haben zwei Produktionsfirmen, Twenty Twenty Vision in Berlin und Pallas in Halle. Wie stark spüren Sie den Lockdown?

Im letzten Jahr haben wir die erste Welle stark gemerkt. Im Sommer letzten Jahres hatten wir neben „The Man Who Sold His Skin“ noch einen weiteren Film, der in die Postproduktion gehen sollte. Die Filmemacher hätten nach Deutschland kommen müssen, alles wurde gestoppt. Im Sommer dann haben wir es glücklicherweise geschafft, beide Filme fertigzustellen. Unsere Oscarnominierung konnte als Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig laufen. Für uns war das befreiend. Jetzt hat die Branche gelernt, mit Hygienekonzepten zu drehen und Filme fertigzustellen. Auch bei uns gehen die Arbeiten weiter. Jetzt steht aber die große Frage, was man mit den Filmen macht? Verleiher sind sehr zurückhaltend. Das macht es schwierig. Wir wissen, dass wir im Moment etwas herstellen und keine Abnehmer haben.

Sie sind gebürtiger Magdeburger, in Wolmirstedt aufgewachsen. Die Filmbranche sitzt woanders. Wie kommt man darauf, Filmproduzent zu werden?

Ich war in meiner Abiturzeit bei einer großen Produktion Komparse in Berlin. Ich fand diese Erfahrung so spannend, dass ich begann, mich für die Filmbranche zu interessieren. Ich wollte in Babelsberg ein Produktionsstudium aufnehmen. Voraussetzung war Erfahrung. Also machte ich ein Praktikum bei Twenty Twenty, bekam einen Job, dann die Assistenz, die Herstellungsleitung, wurde Produzent. Ich hatte die Möglichkeit, mich zu entfalten. Bis heute fasziniert mich die Arbeit.

Sie machen ausschließlich Kinofilme. Warum nicht einen Fernsehfilm? Das öffentlich-rechtliche Fernsehen steht für fast allabendliche Krimi-Kost.

Ich habe nie Versuche in diese Richtung gemacht. Ich gucke auch keine Krimis, kam nur auf einen „Tatort“ in meinem Leben. Natürlich haben Krimis ihre Berechtigung, aber mich interessiert nicht, wer wen umgebracht hat. Das sind nicht die Geschichten, die ich umsetzen will. Ich verstehe, dass nicht jeder am Abend einen Arthouse-Film gucken will. Aber es täte dem Fernsehen gut, wenn der Kinofilm im großen Sendergefüge eine stärkere Bedeutung bekäme. Die Diskussion darüber gibt es seit langem. Ich finde, die Sender sollten sich mehr trauen und nicht den 35. Krimi ausstrahlen, sondern Alternativen anbieten.