Olympia

Des Sportlers neue Kleider

Die Zeiten, als die Athleten bei Olympischen Spielen nackt antraten, sind längst vorbei. Der Magdeburger Diskuswerfer David Wrobel zog seine Tokio-Kluft an.

Von Bernd Kaufholz

Magdeburg - David Wrobel stellt Koffer und Reisetasche in der „Muckibude“ der Laufhalle des Magdeburger Olympiastützpunktes ab. Ende der Woche sind die Pakete mit der Olympia-Bekleidung, die seit 2016 in Rio de Janeiro komplett vom Sportausstatter adidas gestellt wird, beim 30-Jährigen angekommen. „Ein bisschen spät. Ich hatte schon am Donnerstag damit gerechnet“, so der SCM-Leichtathlet. „Natürlich war ich neugierig. Aber ich wollte auch nicht, dass die Sachen auf dem letzten Drücker bei mir eintrudeln“, so der Schwabe, der im Dezember 2013 von Stuttgart nach Magdeburg kam.

Die Ausrüstung umfasst die Kleidung für den Flug, Podiums-, Präsentations- und Trainingsbekleidung sowie die offizielle Ausstattung für den Einzug der Athleten ins Stadion sowie die Schlussfeier.

Die „Modenschau“ hinter der Halle gleich neben dem Werferring beginnt mit der sogenannten An- und Abreisekleidung. Schon beim Start am Dienstag um 18.10 Uhr von Frankfurt/Main gehörte der Einheitslook, der „das Gemeinschaftsgefühl als ,Team D’ zum Ausdruck bringen soll“, (Deutscher Olympischer Sportbund) zum Pflichtprogramm.

„Es gibt zwei Rollkoffergrößen mit der Aufschrift ,Germany’, dazu einen Rucksack und eine Reisetasche“, zeigt Wrobel, „ein T-Shirt und ein Polo-Hemd, zwei Windjacken – eine mit lindgrüner Brust, darauf steht waagerecht ,Germany’. Helle Ärmel, auf dem linken der Bundesadler, auf dem rechten die Aufschrift ,Tokyo 2020’ mit den Olympischen Ringen. Dazu eine schwarze Hose.“ Alternativ eine blaugraue Windjacke mit senkrechter Aufschrift „Germany“ auf der linken Seite. Eine graue Hose.

Auf dem Polohemd senkrecht drei japanische Schriftzeichen für das Deutschlandkürzel, darunter „GER“. Vervollständigt wird der An- und Abreisefundus für Damen und Herren gleich: zwei unterschiedlichen Basecaps, mehreren Paar Stümpfen, ein Paar Schuhe und einr roten Sonnenbrille („Liegt im Auto“).

Als David Wrobel am 13. Juni in Berlin im „Team-Deutschland-Truck“, dem 28 Tonnen schweren Showraum, zum ersten Mal die „TOKYO 2020ONE“ sah (die One steht für eins und die um ein Jahr verschobenen Sommerspiele), war er sofort begeistert. „Die Farben haben mir auf Anhieb gefallen“, sagt er zwei Tage vor seinem Asienflug. Besonders das Mintgrün gefalle ihm. „Die Teamausrüstung wirkt durch unterschiedliche Farben und Stoffe frisch und hell. Die Farbtöne passen gut zum Sommer und zu den Sommerspielen.“

Neben klassischem Schwarz, Rot und Gold wurde von den Designern bewusst auf saisonale Töne wie besagtes Mint, aber auch helles Gelb gesetzt.

Wegen meinesdicken Pos muss man schon gucken

David Wrobel, SCM-Olympiateilnehmer„Die Einkleidung in der Hauptstadt war kein großes Problem“, sagt Wrobel. „Ich habe alles in meiner Größe durchprobiert und recht schnell das Passende gefunden. Schuhgröße 46 ist keine Herausforderung und mit 1,95 Metern gehöre ich ja eher zu den kleineren Werfern.“

Doch dann schmunzelt er: „Na ja, ein bisschen schwierig ist es immer mit den Hosen (Größe 62). Wegen meiner starken Oberschenkel und meines dicken Pos muss man schon gucken, dass nichts spannt.“

Diese Probleme hatten die antiken Olympioniken nicht; sie traten ab 776 v. Chr. nackt zu den Wettkämpfen an. Hintergrund des FKK-Auftritts war der Gedanke, ganz ohne weniger zu schwitzen. Doch beim Höhepunkt der Spiele, dem Waffenlauf, galt das nur eingeschränkt. Denn die Athleten waren mit Helm und Schild ausgerüstet. Nackte Athleten waren damals kein Problem, denn nicht jeder durfte zuschauen. Zugelassen waren nur Männer, in Ausnahmefällen auch ledige Frauen.

Schuhe, Sonnenbrille, Badelatschen, Trainingsanzug, verschiedene T-Shirts und Käppis, lange Hosen, Polohemden, Socken in unterschiedlichen Längen, ... Die Liste der Teile, die den Diskuswerfer optisch zum Teil des „Teams D“ werden lassen, ist lang.

Insgesamt hat der SCM-Sportler mehr als 110 Kleidungsstücke beziehungsweise Accessoires für An- und Abreise, Zeremonien, wie Einmarsch und Schlussveranstaltung, Siegerehrung, Präsentation, Training, Auftritte vor der Presse und Freizeit im Gepäck. Bei den Damen sind es sogar noch ein paar Teile mehr.

David Wrobel sagt, dass er sich gut gerüstet fühlt. „Nicht nur bekleidungstechnisch, auch mit Blick auf meine Wettkampfchance, wenn es am 30. Juli, je nach Gruppenauslosung um 9.45 Uhr oder 11.45 Uhr Ortszeit in den Wurfring geht. Der Endkampf ist fest eingeplant.“

Und wenn alles optimal läuft, steht der Magdeburger Schwabe auf dem Treppchen. Und auch dafür hat er eine besondere Bekleidung im Reisegepäck. Insgeheim liebäugelt der 130-Kilo-Mann damit, vor der Siegerehrung das rote Germany-T-Shirt oder -Polohemd überzustreifen und die dazu passende schwarze Hose anzuziehen.

Bei den Spielen 2024in Paris möchte ich wieder dabei sein

David Wrobel, Diskuswerfer„Bei den Windjacken stehen ebenfalls zwei Modelle zur Wahl. Die eine hat diagonal über der Brust die Farben Schwarz, Rot, Gold, bei der anderen tragen die Ärmel die Deutschlandfarben.“

Die Geschichte der Olympiakleidung ist bunt, wie ihre Mode. Eine kleine Rückschau: Für die Winterspiele in Squaw Valley (USA) 1960 stimmten sich die Komitees der DDR und BRD noch ab – in Weimar. In Rom im Sommer trug man gesamtdeutsch helle Hüte und großkarierte Oberteile.

Die Sensation zur den Sommerspielen 1964 in Tokio: Die Polyconmützen der BRD waren zwar nur mäßig schick, dafür wetterfest und waschbar.

Lange oder kurze Hose, mit Hut oder ohne, Emblem auf der Brust oder nicht? Es grüßte der kleine Unterschied beim DDR-Team der Sommerspiele 1968 in Mexiko-City. Die BRD komplett in Rot – nicht sehr schick, aber einheitlich.

Die Hüte der DDR-Mannschaft zur Eröffnungsfeier 1980 in Moskau leuchteten. Nur: Die bunten Kopfbedeckungen haben allerdings nur bis Reihe zehn gereicht.

Bei den Gegenboykottspielen 1984 in Los Angeles ähnelte der Hut des BRD-Teams dem eines Cowboys und war sehr groß.

Ehrlich, bodenständig, wenig experimentierfreudig: Das erste gesamtdeutsche Team nach der Wiedervereinigung präsentiert sich 1992 bei den Winterspielen in Albertville (Frankreich) in der deutschesten aller deutschen Erfindungen: Dem Männerblouson – auch in der Variante „wattiert“.

David Wrobel ist schon neugierig, wie die Kleidung bei Olympia 2024 in Paris aussehen wird. Denn dass er dann zum zweiten Mal für Deutschland antreten möchte, ist für den Diskuswerfer keine Frage: „Ist doch schon in drei Jahren“, verabschiedet sich der SCM-Athlet. Dann wirft er seine Sachen wieder in Koffer und Tasche und verschwindet zum PCR-Test.

Die sogenannte Repräsentationskleidung ? zum Beispiel für Interviews ? sieht so aus.
Die sogenannte Repräsentationskleidung ? zum Beispiel für Interviews ? sieht so aus.
Fotos (4): Uli Lücke
Beim bundesdeutschen Team gehörte 1988 beim Einmarsch in Seoul wieder der Hut dazu. Sowohl bei Damen als auch bei den Herren kombinierten die Designer helle und dunkle Farben.
Beim bundesdeutschen Team gehörte 1988 beim Einmarsch in Seoul wieder der Hut dazu. Sowohl bei Damen als auch bei den Herren kombinierten die Designer helle und dunkle Farben.
Fotos (2): imago
Der Waffenlauf bei den antiken Olympischen Spielen (für eine TV-Dokumentation nachgestellt). Die Teilnehmer waren mit Helm und Schild ?bekleidet?.
Der Waffenlauf bei den antiken Olympischen Spielen (für eine TV-Dokumentation nachgestellt). Die Teilnehmer waren mit Helm und Schild ?bekleidet?.
Foto: dpa