131 Filme auf Festival

Dokumentarfilm aus Halle hat Weltpremiere in München

Das Dokumentarfilmfestival München ist wieder eine reine Online-Ausgabe geworden. 131 Filme aus 43 Ländern kann man sich bis zum 23. Mai auf den heimischen Bildschirm holen – darunter eine Produktion aus Halle.

Von Grit Warnat
Zu Beginn des Filmes „Die Welt jenseits der Stille“ spricht Sofia, die polnische Altenpflegerin, über Corona und den Tod. Sie muss wegen Reisebeschränkungen in Italien ausharren.
Zu Beginn des Filmes „Die Welt jenseits der Stille“ spricht Sofia, die polnische Altenpflegerin, über Corona und den Tod. Sie muss wegen Reisebeschränkungen in Italien ausharren. Foto: DOK.fest München/Die Welt jenseits der Stille

München/Halle. Am 20. März 2020 stirbt die 94-jährige Ida während des ersten Lockdowns an den Folgen eines Sturzes. Sie konnte nicht in einem Krankenhaus versorgt werden, weil das italienische Gesundheitssystem zu der Zeit überlastet war. Ihr Sarg wird durch das enge Treppenhaus getragen. In ihrer Wohnung bleibt Sofia zurück, eine polnische Altenpflegerin. Durch die Reisebeschränkungen kann sie Italien nicht verlassen. Erst später im Film wird sie ihre Koffer packen.

Sofia ist eine Protagonistin im Film „Die Welt jenseits der Stille“, der in München Weltpremiere feiert. Er blickt auf Corona und eine Pandemie, die die ganze Welt in einen Ausnahmezustand versetzt hat. Er zeigt die Krise in zwölf Erzählungen.

Als noch niemand ahnte, wie die Pandemie unser Leben verändern wird, hatte Thomas Jeschner die Idee zu diesem Film. Er weiß es noch genau, sagt er: „Als ich am 13. März aufstand, wusste ich, dass ich diesen Film machen will.“ Es war die Zeit, als sich auch in Sachsen-Anhalt die Corona-Lage verschärfte, aber noch niemand einen Lockdown für möglich hielt.

Jeschner jedenfalls, Producer der Sunday Filmproduktions GmbH in Halle, kontaktierte Kollegen, darunter Regisseur und Kameramann Manuel Fenn. Ein erstes Konzept habe schnell gestanden, sagt Jeschner, in wenigen Tagen habe man Freunde der Filmbranche über die eigene weltweite Vernetzung kontaktiert. Im Abspann des Filmes sieht man, wie viele Menschen an den Dreharbeiten mitgewirkt haben.

160 Stunden Material sind zusammengekommen, das auf knapp zwei Stunden reduziert werden musste. Man kann erahnen, wie groß die Kunst sein muss, bei so vielen Handschriften Brüche zu vermeiden. Tatsächlich führen die Kameras wie aus einem Guss zu Menschen in New York und Nairobi, Alto Xingu im Amazonasgebiet, Kuala Lumpur, Rom, Moskau oder Haifa.

Rund um den Erdball sind alle vom Virus betroffen: Die indigenen Völker im entlegenen brasilianischen Regenwald wie auch die quirligen Millionenmetropolen. Die Drohne nimmt menschenleere Straßenzüge im eigentlich immer pulsierenden New York auf, oft kommt der Blick aus der Luft, um dann einzutauchen in die Lebenswelten der Menschen, in Wohnungen, an Arbeitsplätze. Ein chinesischer Kung-Fu-Meister übt einsam in einer Berliner Sporthalle, in London sitzt eine Frau mit Baby vor dem Bildschirm und grüßt die Verwandten im fernen Argentinien. Besuche sind in dieser Zeit so fern wie eine Reise zum Mond.

Es sind meist stille Bilder, die eingebettet sind in die sehr persönlichen Sichten auf das so Ungewohnte. Angst wird geschildert, Einsamkeit, Verzweiflung. Ignoranz folgt Hoffnung. Ein Blinder, der auf das Erkunden der Umwelt auf seine tastenden Hände angewiesen ist, soll Abstand halten, möglichst wenig anfassen. Er sagt, er spüre viel Nächstenliebe.

„Vielleicht der interessanteste Film über Corona, weil er nicht die Leere erzählt, sondern das, was sie verbirgt“, heißt es im Katalog des DOK.festes München.

131 Filme aus 43 Ländern werden bis zum 23. Mai gezeigt, darunter 90 Premieren. Es gibt mehrere Sektionen, Sonderreihen wie eine Retrospektive zu Defa, Angebote für Schulklassen und Diskussionsforen. Der Film „Die Welt jenseits der Stille“, eine Koproduktion mit dem ZDF und 3sat, gefördert von der Mitteldeutschen Medienförderung, ist Teil der Sektion Panorama.

Jeschner zeigt sich glücklich, dass der Film vom Festival eingeladen wurde. Die Kinos sind nach wie vor geschlossen, die wichtigen deutschen Dokumentarfilmfestivals wie Leipzig und München im Moment die einzige Brücke zum Publikum. „Diese Öffentlichkeit ist sehr, sehr wichtig für uns“, meint er.

Auch wenn man in der momentanen Corona-Müdigkeit nicht unbedingt einen Film über die Pandemie für den Kinoabend im heimischen Wohnzimmer favorisiert, so ist diese Arbeit ein wichtiges Zeitdokument und eine große Erinnerungsarbeit.