Weltdufttag

Ein Parfumeur aus Barby mit Award

Sven Pritzkoleit hinterlässt besondere Duftspuren. Der Barbyer ist Parfümeur. Ein Gespräch mit ihm zum Weltdufttag über Kompositionen und Inspiration.

Von Grit Warnat
Sven Pritzkoleit in seinem Parfumlabor in Barby. Riechstreifen hat er immer parat.
Sven Pritzkoleit in seinem Parfumlabor in Barby. Riechstreifen hat er immer parat. Foto: Thomas Linßner

Barby - Das große Apothekenschild in der Marktstraße erinnert noch daran, dass hier vor Jahren Medikamente ausgereicht wurden. Sven Pritzkoleits Mutter führte die Apotheke. Seit Jahren ist sie geschlossen. Doch in den hinteren Räumen stehen in Regalen und Schränken Döschen, Gläser, Becher, Vorratsflaschen. Hunderte müssen es sein. Etikettiert sind alle mit utopisch anmutenden Namen. Was aussieht wie ein bestens bestücktes Chemielabor, ist das Reich von Sven Pritzkoleit. Im fliesengesäumten, nüchtern anmutenden Ambiente entwickelt der 51-Jährige seine Duftkompositionen.

„Pink Patchouli“ war 2006 sein erstes Parfüm. Timberol, Hedione, Patchouli, Cyclamenaldehyd, weißer Moschus gehören zur Komposition. Mit „Pink Patchouli“ startete Sven Pritzkoleit in seine Nach-Apotheker-Zeit.

Aber eigentlich begann alles viel früher. Mit einem Roman.

„Zwar merkte er, dass es die Absicht der Parfums war, berauschend und anziehend zu wirken, und er erkannte die Güte der einzelnen Essenzen, aus denen sie bestanden. Aber als Ganzes erschienen sie ihm doch eher grob und plump, mehr zusammengepanscht als komponiert ...“

Jean-Baptiste Grenouille roch da zum ersten Mal Parfums. Dieser Grenouille ist der durch Buch und Film weltbekannt gewordene Protagonist aus Patrick Süskinds Werk „Das Parfum“. Pritzkoleit war keine 20, als er die Geschichte gelesen hatte, sie wieder und wieder aufsog und so begeistert war, dass er zwar Pharmazie studierte, nach Jahren als Apotheker dann aber doch umsattelte, selbst kreierte und ein eigenes Label gründete. Die Kundschaft hatte der Autodidakt-Parfumeur plötzlich vor allem in Amerika.

Pritzkoleit hält einen Riechstreifen, sprüht ein wenig aus einem Fläschen. „Powder & Dust“ steht auf dem Schildchen. Frisch, angenehm, vor allem anders als man es vom Riesen-Angebot in den großen Parfümerie-Ketten kennt. Er setzt nicht auf süß und schön, sondern auf das Ursprüngliche, das Natürliche. „Riechen Sie Birne und Rhabarber?“, hilft Pritzkoleit ein wenig nach. Ja.

„Patchouli“ bezirzt wiederum ganz anders die Sinne. Man denkt an erdige Patina. Der Barbyer selbst erinnert sich an einen Blumenladen in Kopenhagen. Pritzkoleit spricht von Szenerie, von Atmosphäre, die er einfangen wolle. Mit Duft das Unterbewusstsein kitzeln.

„Es war, als besäße er ein riesiges selbsterlerntes Vokabular von Gerüchen, das ihn befähigte, eine schier beliebig große Menge neuer Geruchssätze zu bilden ...“

Er sagt, eine Unschärfe müsse da sein, eine Körnigkeit, wie in einer Schwarz-Weiß-Fotografie. Er suche in seinen Kreationen nach einer Verbindung zwischen Vertrautem und Neuem. Ersteres stehe für Behaglichkeit und Geborgenheit, das Neue für Neugier. Der Barbyer ist ein neugieriger Mensch, vor allem wissbegierig. Theater, Kunst, Filme, Literatur, Musik. Fängt man an, mit ihm über Kunst und Kultur zu reden, fließt die Zeit dahin, auch, weil Pritzkoleit Parallelen zieht zu seinem Wirken mit Parfumnoten, Akkorden, Basis- und Herznoten.

Vor allem aber kennt er sich bestens aus in der Welt der Düfte, nennt Namen der Großen der Branche, die ein Außenstehender aber noch nie vernommen hat. Pritzkoleit geht es nicht um den Mainstream, die Massenproduktion, die bekannten großen Namen, die längst nicht mehr wie einst mit Parfümhäusern verbunden werden, sondern mit bekannten Modedesignern. Er weiß, er ist mit seiner Manufaktur und den kleinen Stückzahlen Nische wie andere unabhängige Parfümeure, die sich vor allem bei den zwei großen Messen in Italien treffen und ihre Kreationen bewerben.

„Er wollte für eine ausgewählte Zahl hoher und höchster Kundschaft persönliche Parfüms kreieren, vielmehr kreieren lassen, Parfums, die, wie angeschneiderte Kleider, nur zu einer Person passten.“

Wenn Pritzkoleit von seiner Arbeit erzählt, hört sich das an wie bei einem Musiker, der an einem neuen Song feilt, oder einem Schriftsteller, der die Sätze in seinem Roman überarbeitet. „Es ist ein Kunsthandwerk“, sagt der Barbyer über seine Profession. Mit den Jahren käme die Perfektion. Für die spricht auch die Goldene Birne.

Es ist der „Art and Olfaction Award“, eine renommierte Auszeichnung für herausragende Leistungen in der experimentellen und unabhängigen Parfümerie und Riechkunst. 2017 war der Barbyer schon einmal nominiert, 2019 in Amsterdam hat es dann mit dem Preis geklappt. Jetzt hat die Birne in Barby ihren Platz.

Drei Monate kann es dauern, bis im Barbyer Labor ein neues Parfüm entwickelt ist, manchmal auch ein Jahr.

Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich der studierte Apotheker mit Riechstoffen und Duftkompositionen. 30 Düfte hat der Mann mit der feinen Nase bis dato kreiert. Im Moment aber ruht die Arbeit in seiner Manufaktur. Pritzkoleit ist in Selbstfindung begriffen – vor allem, weil ihm das so wichtige Amerika-Geschäft in der Corona-Zeit schwer zusetzte. Zu teuer das Porto, zu schwierig die Wege nach Übersee. Zwei Drittel seiner Düfte hat der Barbyer nach Amerika verschickt. „Ich werde sehen, was kommt“, sagt er recht gelassen. Sich als Parfumeur anstellen lassen, sei keine Option. Selbst wieder kreieren? „Vielleicht.“ Er schaut durchs Fenster. Im Hof steht der Französische Lavendel in Blüte. Es duftet angenehm.

„Der Geruch jenes Morgens war für Grenouille ein Hoffnungsgeruch. Er verwahrte ihn sorgsam.“

(Die kursiv gesetzten Einschübe sind Ausschnitte aus dem Roman „Das Parfum“ von Patrick Süskind aus dem Jahr 1985, Diogenes Verlag)

Sven Pritzkoleits Parfume werden in schmalen Glasflaschen und handbeschriftet in die Welt versandt.
Sven Pritzkoleits Parfume werden in schmalen Glasflaschen und handbeschriftet in die Welt versandt.
Foto: Thomas Linßner