Literaturmuseum in Halberstadt mit neuer Ausstellung

Gleimhaus: Als Frauen zur Feder griffen

Mit der Kabinettausstellung „Frauen schreiben“ eröffnet das Gleimhaus in Halberstadt sein Themenjahr „Frauen und Künste“.

Von Grit Warnat 21.04.2022, 18:56
Blick in die Ausstellung „Frauen schreiben“. Sie wird bis 19. Juni im Gleimhaus gezeigt.
Blick in die Ausstellung „Frauen schreiben“. Sie wird bis 19. Juni im Gleimhaus gezeigt. Foto: Grit Warnat

Halberstadt - Im Freundschaftstempel des Schriftstellers Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) mit den dicht an dicht gehängten 150 Bildnissen von Weggefährten blicken im Moment ausschließlich Männer von den Wänden. Die Frauen der illustren Runde sind abgehängt – sie bilden das Herzstück der Kabinettausstellung „Frauen schreiben“. Anstelle der Damen im Freundschaftstempel sind nun Sätze zu lesen wie jener von Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller: „Ich habe mir nie vorgenommen, zu schreiben. Ich habe damit angefangen, als ich mir nicht anders zu helfen wusste.“

Es sind Zitate aus dem 20. und 21. Jahrhundert, die die Rolle des Schreibens aus weiblicher Sicht reflektieren. Längst sind Frauen aus dem literarischen Leben nicht wegzudenken. Doch das war nicht immer so. Erst mit der Veränderung der Briefkultur im 18. Jahrhundert, so erzählt Museumsleiterin Ute Pott, hätten Frauen mehr geschrieben. In England und Frankreich hatten Frauen sich schon früher als im deutschsprachigen Raum in Debatten eingemischt. „Doch liegt man falsch, wenn man denkt, dass Frauen nur Briefe schrieben. Auch in anderen literarischen Gattungen waren sie zu Hause“, heißt es in der Ausstellung. Theaterstücke wurden verfasst, auch Essays und Romane. Die Kabinettausstellung erzählt von diesem Betreten des literarischen Feldes.

Gedichte, Romane und Briefe

„Frauen schreiben“ ist ein Aufschlag zum Themenjahr „Frauen und Künste“. Um die Ausstellung zu bestücken, hat das Museums-Team sich der eigenen Bestände bedient. Das kostbare Gleim’sche Literaturarchiv ist reich an Bildern, Büchern und Handschriften – auch von Frauen. Sie gehörten – von sehr unterschiedlichem Stand – zu Gleims Freundeskreis. Er sammelte die von ihnen versandten Korrespondenzen und andere Schriftstücke mit großem Engagement, sagt Ute Pott.

In Vitrinen liegen Gedichte, Romane, Briefe an Gleim wie jener von Sophie von La Roche (1730-1807). Beim Gruß zum Schluss schmunzelt man wegen der offen bekundeten Altersangabe: „Ihre 71 Jährige Freundinn Sophie La Roche“. Der Brief ist datiert auf den 18. März 1802. Da hatte die Schreiberin der Zeilen schon Romane verfasst und eine deutsche Frauenzeitschrift herausgegeben. La Roche hatte auch Gleim in Halberstadt einen Roman zukommen lassen „mit der Bitte um günstige Aufnahme“, wie es in der Ausstellung heißt. Der Band wurde einst von Gleim in dessen Bibliothek aufgenommen, wo er sich heute noch befindet. Jetzt gehört der Roman zu den Exponaten in der Frauen-schreiben-Schau.

Dieses Thema kann im Literaturmuseum nicht bedient werden, ohne den Blick auf die einst wichtige Dichterin Anna Louisa Karsch (1722-1791) zu richten, mit der Gleim mehr als 30 Jahre freundschaftlich korrespondierte, die er förderte und bei der es ihm überaus wichtig war, dass ihre Handschriften sorgsam aufbewahrt werden. Auch ihr Porträt hängt im Freundschaftstempel. Jetzt ist es in die Kabinettausstellung umgezogen.

Im Dezember jährt sich der Geburtstag von Anna Louisa Karsch zum 300. Mal. Das runde Jubiläum nimmt das Literaturmuseum zum Anlass, an ihr Leben und ihr Werk zu erinnern. „Plötzlich Poetin !?“ wird auch Karschs überraschenden Ruhm aufgreifen. Die Ausstellung ist vom 9. Oktober bis 16. April 2023 geplant und wie auch die zuvor geplante Werkschau „Harzwölfin. Die Quedlinburger Expressionistin Dorothea Milde (1887-1964)“ wesentlicher Bestandteil des Themenjahres. Die Grafikerin Dorothea Milde, deren Nachlass das Gleimhaus verwahrt, bekommt vom 3. Juli bis 25. September eine Bühne im einstigen Wohnhaus des Dichters Gleim.