Bestform-Award

„Bio-Brille“ und Windblume sind die Visionen des Jahres

Von Tobias Hofbauer
Die Windblume kann viele Farben und Formen haben. Foto: M. Spiewack

Magdeburg

Nachhaltig Energie gewinnen und dabei auffallen. So lautet das Konzept von SailwindTech aus Osterwieck. Wie der Name bereits verrät, entstehen hier Segelwindräder. Erdacht und geplant von Diplomingenieur und Geschäftsführer Mario Spiewack. Bei der Vision des Segelwindrades handelt es sich derzeit noch um einen Prototypen.

Geplant ist das Segelwindrad erst einmal nur, um Licht zu erzeugen, oder für Ladestationen Energie zu liefern. Gleichzeitig fungiert es als Werbefläche. Je nach Textilstoff ist es dabei schon von Weitem zu erkennen.

Sein Prototyp biete den Vorteil sich bei unterschiedlichen Witterungsverhältnissen zu regulieren, erklärt Spiewack. „Wir haben uns das Verhalten einer echten Blume abgeguckt, die sich beispielsweise bei Sturm aus dem Wind dreht.“ Das habe er sich zunutze gemacht. Benötigt werde dafür nur ein weiches Tragwerk, das nicht so starr agiere wie Stahl oder Beton. „Es gibt aber sicherlich noch mehr“, ist sich der Erfinder sicher.

Die Segelwindräder gelten dabei als Fliegende Bauten (das sind bauliche Anlagen, die geeignet sind, wiederholt aufgestellt und abgebaut zu werden). Mit einem Fundament im Boden seien diese ausreichend geschützt. „Wie bei einer Wäschespinne“, verdeutlicht Spiewack. Ein paar Stürmen habe die Blume bereits standgehalten, es gebe aber noch immer Optimierungsbedarf.

Auf den Segeln werden austauschbare Materialien verwendet, „in einer Form, die von Menschen akzeptiert und günstiger als herkömmliche Windkraft ist“, sagt Spiewack. Die könne man frei formen und gestalten, flexibel nach Kundenwunsch. Dabei hat er bereits speziell glänzende Zeltplanen, Lkw-Folien und Schwimmwesten ausprobiert. Außerdem könne die Größe der Segel frei verändert werden. „Wir haben uns aber erst einmal auf eine Größe von fünf Metern konzentriert, damit es genehmigungsfrei bleibt.“

Insekten-Bioraffinerie für nachhaltige Produkte

Für die Energiegewinnung wird eine Batterie im Inneren geladen. Die Energie einzuspeisen sei dagegen nicht sinnvoll – das fünf Meter hohe Gerät kann nämlich nur etwa 100 Watt leisten. Für mehr Leistung müsste es größer sein. Damit auch Energie gewonnen werden kann, wenn Windstille herrscht, hat sich Spiewack zudem überlegt, das Segelwindrad mit einem Solarfeld zu kombinieren.

Chitosan, ein Alleskönner unter den Biokunststoffen und trotzdem kaum bekannt. Das gehört zur Vision des Studenten Max Greiner aus Halle. Der hat den Stoff bei einem Experiment zugewiesen bekommen und daraus einen biologischen Kreislauf entwickelt.

Den Ablauf stellt er sich in etwa so vor: Auf einem Bauernhof mit Obst, Gemüse und Tieren entstehen genügend Abfälle, die Maden als Futter dienen. Wie bei einer Bioraffinerie kann in einer Insektenfarm Chitosan gewonnen werden. Dafür wird Stärke und Glycerin, ein Nebenprodukt der Biodieselgewinnung, gemischt und der Biokunststoff in eine Form gegossen. Für einen praktischen Nutzen hat sich Greiner überlegt Brillengestelle herzustellen, weil diese gerade bei Kindern keine hohe Halbwertszeit hätten. Entweder, weil sie unachtsam behandelt würden, oder die Kinder herauswüchsen, erklärt der Student. Beim Optiker angelangt können die Kunden verschiedene Gestelle ausprobieren und sich für ein Abo-Modell entscheiden. Sollte das Gestell zu klein oder kaputt sein, geht es zurück an den Optiker, der es gegen ein neues austauscht. Das alte Material wird in einer Anlage wiederaufbereitet und kann erneut in Form gegossen werden. So bleibt das Produkt in einem Biokunststoff-Kreislauf erhalten.

Im Moment stecke das alles allerdings noch in den Kinderschuhen. „Ich hatte anfangs viel kompliziertere Formen im Sinn, bis ich mich für eine simple Geometrie der Brillengestelle entschieden habe“, sagt Greiner. Grundsätzlich seien aber alle Formen oder komplett andere Anwendungsgebiete möglich. „Davon bin ich überzeugt“, bekräftigt er. Bislang bekomme der Stoff jedoch viel zu wenig Aufmerksamkeit, der auch das Potenzial für eine Wirkung in der Medizin oder als Wundheilcreme besitze. „Chitosan ist biologisch abbaubar und zersetzt sich sogar im Boden – ist also ein umweltverträglicher Stoff.“

Chitosan wird unter anderem aus den Maden der schwarzen Soldatenfliege gewonnen. Der Rohstoff ist ein Nebenprodukt von Insektenfarmen zur Proteinherstellung. Um Proteinmehl zu gewinnen, werden die Tiere gepresst - übrig bleiben Schalen. Diese werden fein gemahlen, und abwechselnd in Salzsäure und Natronlauge gebadet, um Kalk und Proteine zu lösen. Dabei entsteht der Biokunststoff.

Wie lang genau das Produkt halten wird, kann Max Greiner noch nicht sagen. Die Experimente seien bislang lediglich ein Beweis für die Umsetzbarkeit des Projektes gewesen.

Der Prototyp eines Brillengestells aus Chitosan.
Foto: Max Greiner