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Büro oder Wohnung - für neues Magdeburger Hochhaus stellt sich die Coronafrage

Von Martin Rieß

Magdeburg

Gewagt ist die Idee schon, im gediegenen östlichen Stadtfeld ein Hochhaus als Achtungszeichen am Übergang in die Altstadt zu bauen. Deshalb war sicher keineswegs klar, dass sich eine Mehrheit an Stadträten für das von einem Investor vorgetragene Vorhaben begeistern kann.

Doch die Diskussionen im Ausschuss für Umwelt und Energie sowie im Ausschuss für Stadtentwicklung, Bauen und Verkehr zeigten deutlich: In der Kommunalpolitik gibt es viel Unterstützung für den Plan. Beide Ausschüsse empfehlen dem Stadtrat, den Weg für das Projekt freizumachen.

Vor dem Start in die Diskussion aber hatte die Verwaltung das Wort – mit einem eindeutigen Bekenntnis für das Vorhaben. Elke Schäferhenrich, Leiterin der Abteilung verbindliche Bauleitplanug, sagte: „Das Stadtplanungsamt sieht ein Hochhaus an dieser Stelle als ein sehr schönes Zeichen als Eingang für Stadtfeld. Für eine solche Bebauung an spitzen Ecken gibt es zahlreiche gelungene Beispiele in aller Welt.“

Zeichen: Die Stadt geht hier noch weiter

Auch sei eine Bebauung an dieser Stelle wünschenswert, da die Flächen ohnehin bereits versiegelt sind. Denn in den 1990er Jahren war hier bereits ein Teil der Blockbebauung entstanden – unter anderem heute Sitz der Deutschen Rentenversicherung und der Techniker Krankenkasse. Auf der markanten Ecke aber wurde nur eine Tiefgarage vorbereitet. Die Fläche ist mit Kies abgedeckt, und es hat sich eine entsprechende Flora ausgebreitet.

Im Bauausschuss hatte der inzwischen in den Ruhestand verabschiedet Dieter Scheidemann dafür geworben, mit dem Hochhaus die Stadt sichtbar zu machen. Vom Konrad-Adenauer-Platz auf der Westseite des Magdeburger Hauptbahnhofs sehe man nur den Magdeburger Ring und könne gar nicht erkennen, dass die Stadt dahinter weitergeht. Mit einem Hochhaus könne genau dies gelingen.

Wohnungen statt Büros gefordert

Ein paar offene Fragen gab es trotzdem. In beiden Ausschüssen stand im Mittelpunkt: Wie soll das Gebäude genutzt werden? Hintergrund: Bislang ist von 6850 Quadratmetern fürs Wohnen im hinteren Bereich, aber eben auch von 24.000 Quadratmetern für Büros und 2000 Quadratmetern für Handel die Rede. Vom Baurecht unterlegt ist dies dadurch, dass die hinteren Gebiete zu einem sogenannten Mischgebiet gehören - dass aber der Hochhaus-Bereich Kerngebiet ist, in dem Wohnungen zunächst nur ausnahmsweise gestattet sind.

Stadträtin Katrin Natho (Grüne) hatte darauf verwiesen, dass gerade in Stadtfeld nach wie vor Wohnungen gesucht werden.

Future-Stadtrat Mirko Stage hatte aber auch andere mögliche Interessenten im Blick. Denn neben einer guten Aussicht auf die Landeshauptstadt ist der Hauptbahnhof als zentraler Verkehrsknotenpunkt fußläufig bequem zu erreichen.

Corona-Krise im Blick behalten

Christiane Steil, sachkundige Einwohnerin seitens der Fraktion Grüne/Future, hatte darauf hingewiesen, dass sich der Bedarf an Büroräumen wahrscheinlich im Zuge der Corona-Krise ändern werde. Hintergrund: In vielen Unternehmen wurden inzwischen Möglichkeiten zum Arbeiten von daheim etabliert, die zumindest in Teilen auch nach einem Ende der Corona-Krise von Bestand sein dürften. Vor diesem Hintergrund sei es wohl auch im Interesse des Investors, ihm ausdrücklich die Möglichkeit zu öffnen, in den Gebäuden Wohnungen zu schaffen.

Dieser Argumentation folgt auch Dieter Scheidemann. Er verweist darauf, dass die Gespräche zur Entwicklung des Projekts noch vor der Corona-Pandemie stattgefunden haben, dass es also durchaus auch im Interesse des Investors sein kann, die Möglichkeit zur Nutzung der Gebäude zu erweitern.

Doch wie weit soll der Wunsch nach Wohnungen zur Pflicht werden? Auf der einen Seite stand da die Nachfrage von Burkhard Moll (Tierschutzpartei) im Raum: Ob es wohl möglich sei, Wohnungen für bestimmte Etagen festzulegen. Denn Wohnungen würden in diesem Bereich benötigt, damit die Ecke außerhalb von Büro- und Geschäftszeiten nicht zu einem menschenleeren Bereich der City werde. Zudem seien gerade große Wohnungen in Stadtfeld Mangelware.

Wohnen soll keine Ausnahme sein

Elke Schäferhenrich sieht kaum eine Chance, bestimmte Bereiche festzulegen. Allenfalls könne es in einem solchen Gebiet darum gehen, die Schaffung von Wohnungen zu ermöglichen.

Auf der anderen Seite ist es SPD-Stadtrat Thomas Wiebe, der die städtebauliche Entwicklung des Gebiets voranbringen möchte. Das sollte man nicht verhindern. Daher sei es eine sinnvolle Sache, die Möglichkeit zur Schaffung von Wohnraum an dieser Stelle zu erlauben.

Dies ist auch die Variante, die der Bauausschuss dem Stadtrat empfiehlt: anstelle Wohnraum als Ausnahme zuzulassen, auch das Hochhaus allgemein für die Wohnnutzung freizugeben.

Schallschutz und Grün spielen auch eine Rolle

Elke Schäferhenrich machte aber deutlich, dass dies auch für die Planung berücksichtigt werden muss. Unter anderem gelten in Sachen Schallschutz für Wohnungen ganz andere Regeln als für Büros.

Neben den möglichen Wohnungen ging es auch um das Grün in dem Viertel. Naturgemäß war hier der Umweltausschuss der Ort, an dem dieses Thema besonders intensiv diskutiert wurde.

Pflanzen auf der Tiefgarage

Im Westen sind Grünflächen festgelegt. Eine Fläche wird zur Nichtbebauung festgesetzt. 40 bis 60 Zentimeter Substrat auf dem Tiefgaragendach sind für eine vernünftige Begrünung vorgesehen. Zudem sind Dach- und Fassadenbegrünung fürs Kleinklima von Bedeutung.

Linke-Stadträtin Anke Jäger forderte zu dem Klarheit für die Bepflanzung mit Bäumen vor dem Hochhaus ein. Dieses Thema wird im Stadtplanungsamt noch einmal geklärt – ebenso wie die Frage zu einer Entsiegelung von Flächen in der Maxim-Gorki-Straße.

Der Investor hatte im März sein Vorhaben erstmals vorgestellt. Der Titel des Projekts: Magdeburger Tor.