Volle Auftragsbücher, zu wenig Spezialisten

Die Rente mit 63 und ihre Folgen

Seit einem Jahr gibt es in Deutschland die neue Rente ab 63. Arbeitgeber befürchten für die Zukunft den Verlust wichtigen Know-hows. Eine Bestandsaufnahme.

Von Stefanie Koller

Berlin (dpa) l "Die Rente mit 63 kommt zur Unzeit." So beschreibt Ralf-Michael Fuchs ein Jahr nach dem Start die Folgen für sein Unternehmen. "Wir haben die Bücher voll, weil die Konjunktur recht gut läuft, gleichzeitig gehen wichtige Know-how-Träger relativ kurzfristig aus dem Unternehmen", sagt der Geschäftsführer des Maschinenbauers Schenck Rotec in Darmstadt.

Seit dem 1. Juli 2014 kann in Deutschland ohne Abschlag in den Ruhestand gehen, wer mindestens 45 Jahre in die Rentenversicherung eingezahlt hat. Auf dem Arbeitsmarkt hat das bereits Spuren hinterlassen - zwischen Juli 2014 und März 2015 ging die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ab 63 Jahren um etwa 40000 zurück, sagt ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit (BA). "Das ist ein untypisch hoher Rückgang."

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall klagt, in der Metall- und Elektroindustrie seien in den ersten drei Monaten nach Start der Rente ab 63 fast 3000 Arbeitnehmer von heute auf morgen in den Ruhestand gegangen. Die Zahl der über 63-jährigen Mitarbeiter in der Branche sei damit um rund fünf Prozent gesunken. "Die Unternehmen verlieren Fachkräfte mit langer Berufserfahrung und spezifischem Wissen über das Unternehmen und die Kunden, die sich nicht so einfach durch nachrückende Mitarbeiter ersetzen lassen", erklärt Geschäftsführer Michael Stahl.

Schenck Rotec ist Weltmarktführer in der Auswuchttechnik und beschäftigt in Darmstadt rund 450 Menschen. "In unserer Firma ist es Tradition, Mitarbeiter auszubilden. Viele Mitarbeiter haben ihr gesamtes Berufsleben danach in unserer Firma verbracht", sagt Fuchs. Im Laufe der Jahre seien diese Beschäftigten in Führungspositionen hineingewachsen.

Anders als ein Ingenieur mit Hochschulstudium bekommen Mitarbeiter mit einer solchen Erwerbsbiografie mühelos die erforderlichen 45 Beitragsjahre zusammen. Und so geht bei Schenck Rotec ein deutlicher Anteil der über 60-Jährigen, die ein Altersteilzeitmodell nutzen, auf einen Schlag in den Ruhestand.

Beim Technologieriesen Bosch ist die Lage anders. Eine Schätzung des Unternehmens im vergangenen Jahr habe ergeben, dass nur ein bis zwei Prozent der damals 105 000 Beschäftigten die Voraussetzungen erfüllen würden, sagt Personalsprecher Sven Kahn. Das Unternehmen hat vor Jahren eine Tochter gegründet, die pensionierte Mitarbeiter für zeitlich befristete Beratungs- oder Projektaufgaben in den Konzern vermittelt: 1600 Ruheständler haben 2014 rund 55000 Einsatztage geleistet.

Doch nicht jeder kann und will in diesem Alter noch arbeiten. "Wer 45 und mehr Jahre die Knochen hingehalten hat, sollte nicht durch Abschläge dafür bestraft werden, wenn in den letzten Jahren vor der Rente die Kraft nicht mehr reicht", sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Meinung