Impfungen

Terminstress in Sachsen-Anhalts Arztpraxen

Termine in den Impfzentren und Arztpraxen Sachsen-Anhalts sind rar. Dennoch ist es für die Ärzte nicht immer einfach, am Ende des Tages den Impfstoff loszuwerden. Viele Menschen in Sachsen-Anhalt lassen ihre Termine verstreichen.

Von Johannes Vetter
Einige Menschen in Sachsen-Anhalt sind wählerisch, wenn es um  Corona-Impfstoff geht. Das Vakzin von Astrazeneca hat bei einigen einen schlechten Ruf.
Einige Menschen in Sachsen-Anhalt sind wählerisch, wenn es um Corona-Impfstoff geht. Das Vakzin von Astrazeneca hat bei einigen einen schlechten Ruf. Foto: dpa

Magdeburg - Arztpraxen übers Telefon zu erreichen, ist dieser Tage nicht immer einfach. Einige berichten, ihre Leitungen stünden kaum noch still. Viele Anrufer hoffen auf einen Impftermin – doch in den Praxen gibt es weiterhin nicht genug Impfstoff.

„Ich könnte locker das Doppelte bis Dreifache verimpfen“, sagt Stefan Andrusch, Arzt in Halberstadt. Auf der anderen Seite hat seine Praxis wie auch andere Impfstellen in Sachsen-Anhalt am Tagesende trotzdem immer wieder damit zu kämpfen, den Impfstoff aufzubrauchen – aus organisatorischen Gründen. Denn lassen Patienten ihre Impftermine verstreichen, muss schnell jemand Neues gefunden werden.

Wieso Menschen den Impfterminen fernbleiben, erfahren die Mediziner oft nicht. Klar ist jedoch, es gibt für Impfwillige mehrere Möglichkeiten, einen Termin zu ergattern. Im Impfzentrum, beim Hausarzt, auch die Betriebsärzte impfen seit kurzem mit. Klappt es plötzlich bei mehreren Ärzten, werden Termine überflüssig.

Massenhafte Terminabsagen im Impfzentrum Haldensleben

Das Impfzentrum Haldensleben verzeichnete zuletzt massenhaft Terminabsagen. Nach Angaben des Landkreises haben an einigen Tagen bis zu 120 Menschen ihren Impftermin verstreichen lassen. Der organisatorische Leiter der Einrichtung, Jens Sips, sieht diese Entwicklung mit wachsender Sorge. Um zu verhindern, dass die Dosen übrig bleiben, sei das Impfzentrum dazu übergegangen, einige Termine doppelt zu vergeben. So komme man aktuell auf 500 bis 600 Impfungen pro Tag.

Ist eine Impfampulle angebrochen, bleiben den Medizinern bei einigen Impfstoffen nur einige Stunden für die Impfung. Katrin Baier, die ärztliche Leiterin des Impfzentrums in Haldensleben, betont jedoch, bei ihnen sei noch kein Impfstoff verfallen.

Mehr Terminabsagen bei Astrazeneca

Bei Sebastian Brunner war es in den vergangenen Monaten manchmal knapp. Teils habe er um halb zwölf in der Nacht die letzte Spritze des Tages gesetzt, berichtet der Mediziner, der in den vergangenen Monaten die Impfkampagne im Landkreis Börde unterstützt hat. Brunner ist Geschäftsführer des Landambulatoriums Börde, eines medizinischen Versorgungszentrums mit mehreren Standorten. Noch bevor die Impfungen bei den Hausärzten begannen, haben die Ärzte seines Versorgungszentrums für den Landkreis geimpft. In den vergangenen Monaten hätten etwa 2000 Patienten im Landambulatorium eine Corona-Impfung bekommen, sagt Brunner.

Eine Zeit, in der das Impfteam dazugelernt hat. Heute öffnen sie eine Ampulle mit zehn Dosen des Herstellers Astrazeneca erst dann, wenn dafür schon genug Leute im Wartezimmer sitzen, berichtet Brunner. Noch immer habe der Impfstoff des britisch-schwedischen Unternehmens bei einige Patienten einen schlechten Ruf. Den Impfstoff unter die Leute zu bringen, sei teilweise nicht einfach gewesen. „Das war anfangs ein Riesendrama“, berichtet Brunner.

Ausfallquote bei Terminen im Impfzentrum Magdeburg bei zehn Prozent

Auch im Impfzentrum Magdeburg liegt die Ausfallquote bei Terminen mit Astrazeneca etwas höher. Wie ein Sprecher der Stadt auf Nachfrage mitteilte, würden derzeit etwa 15 Prozent der Termine mit diesem Impfstoff abgesagt. Insgesamt liege der Durchschnitt bei etwa zehn Prozent.

Dass die Nachfrage nach Impfstoff abebbt, wie seit einigen Wochen in den USA zu beobachten, ist von Ärzten in Sachsen-Anhalt noch nicht zu hören. Doch der Zeitpunkt wird bei anhaltenden Lieferungen auch hier kommen, irgendwann in den kommenden Wochen. Wann genau, weiß niemand. Bis zum Ende des Sommers will die Bundesregierung allen Menschen im Land ein Impfangebot machen.

Dass dieser Zeitpunkt durch höhere Impfstoff-Lieferungen früher erreicht werden kann, ist derzeit nicht in Sicht. Der wichtigste Hersteller Biontech will seine Lieferungen für Deutschland im dritten Quartal sogar etwas zurückfahren. Insgesamt rund 40 Millionen Dosen will das Unternehmen aus Mainz dann liefern, im nun auslaufenden zweiten Quartal soll die Liefermenge bei etwa 50 Millionen Dosen liegen. Begründet wird der Schritt mit vorgezogenen Auslieferungen im zweiten Quartal. Das Bundesgesundheitsministerium betont dazu, eben das erwartet zu haben. Es sei immer klar gewesen, dass die Gesamtliefermenge im dritten Quartal etwas sinken würde, hieß es am Mittwoch.

Impfbereitschaft laut EU in Deutschland bei 84 Prozent

Bleibt die Frage nach der Impfbereitschaft. Impfarzt Brunner hat das Gefühl, sie habe zugenommen. „Leute, die anfangs zögerlich waren, wollen nun eine Impfung“, berichtet Brunner. Nach wie vor gebe es aber auch Leute, die trotz mehrfacher Anrufe und eines erhöhten Corona-Risikos noch immer keine Impfung wollten. Teilweise hätten sich seine Mitarbeiter für ein Impfangebot am Telefon beschimpfen lassen müssen, berichtet der Geschäftsführer des Landambulatoriums. Um die Telefone zu entlasten, kommuniziert das Praxis-Team mittlerweile auch über den Nachrichtendienst WhatsApp mit seinen Patienten.

Umfragen zeigen eine hohe Impfbereitschaft in Deutschland. Eine gestern veröffentlichten Studie der Europäischen Kommission kommt zum folgenden Ergebnis: Fast acht von zehn befragten EU-Bürgern sind entweder schon geimpft oder wollen sich noch in diesem Jahr impfen lassen. In Deutschland seien es sogar 84 Prozent. Nur neun Prozent der EU-Bürger haben der Umfrage zufolge angegeben, sich „niemals“ gegen Corona impfen lassen zu wollen. Eine andere Studie der Uni Erfurt hatte den Anteil der Impfverweigerer in Deutschland zuvor bei mehr als 20 Prozent gesehen, allerdings waren bereits geimpfte dort herausgerechnet.

Drei von vier Menschen ab einem Alter von 60 Jahren sind in Sachsen-Anhalt geimpft

Bei Menschen, die 60 Jahre oder älter sind, ist schon jetzt ein großer Teil der Bevölkerung geimpft. In Sachsen-Anhalt sind drei von vier Personen dieser Altersgruppe mindestens ein Mal geimpft. In anderen Bundesländern liegt dieser Anteil noch höher, in Bremen sind es schon rund 89 Prozent.

Insgesamt gehört Sachsen-Anhalt zu den Bundesländern mit der geringsten Impfquote. Nach Daten des Robert-Koch-Instituts ist der Anteil bei den mindestens einmal Geimpften nur in Sachsen, Bayern und Hamburg geringer. Sachsen-Anhalts Sozialministerium begründet das unter anderem mit Rückstellungen für Zweitimpfungen. Bei der Quote der vollständig Geimpften liegt Sachsen-Anhalt im Mittelfeld.

Neben den 14 Impfzentren der Kreise und kreisfreien Städte mit Außenstellen sind aktuell rund 100 mobile Impfteams Land unterwegs. Bis zum 30. September sei deren Finanzierung gesichert, heißt es vom Sozialministerium. Die Hausärzte würden gerne früher übernehmen. Der Halberstädter Hausarzt Andrusch, der auch Chef des Landeshausärzteverbands ist, plädiert dafür, nur noch bereits vereinbarte Zweitimpfungen über die Impfzentren abzuwickeln.

Ähnlich sieht es Jörg Böhme, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-AnhaltEr verweist auf „kostenintensive Strukturen der Impfzentren“. Für die etwa 1400 Praxen im Land sei die derzeitige Situation unbefriedigend, betont Böhme. „Sie können mehr Patienten impfen, doch die geringen Impfstoffmengen bremsen sie aus.“