Die Solarförderung wird gekappt / Heute kommt der Urheber der Pläne, Umweltminister Röttgen, nach Sachsen-Anhalt

Viel zu tun im "Solar Valley"

Von Torsten Scheer

Vor wenigen Stunden hat der Vermittlungsausschuss des Bundesrates die Kürzung der Einspeisevergütung für Solarstrom in das öffentliche Netz beschlossen. Zufall oder nicht – heute kommt der Urheber, Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), nach Sachsen-Anhalt. Er besucht das "Solar Valley", das Herz der sachsen-anhaltischen Solarindustrie.

Magdeburg. 2009 war ein furchtbares Jahr. "Um Gottes willen Solartitel", stöhnten die Händler an der Börse. "Haben wir noch Kredit?", bangte der Firmenvorstand. "Und ist morgen noch Arbeit da?", sorgte man sich in der Werkhalle.

Die Blase war geplatzt. Befeuert von der Lizenz zum Gelddrucken, der Mitgift für die Erzeugung von Solarstrom, war die Branche über Jahre exzessiv gewachsen. Bis die Chinesen kamen.

Mit westlicher Technologie, Niedrigstlöhnen und Billigpreisen stürzten sie die Deutschen erst in Verzweiflung und dann in finanzielle Not. Die alten Geschäftsmodelle funktionierten nicht mehr. Wer nicht pleite ging, machte die andere Rosskur durch. Das Wort von Entlassungen waberte durch die erfolgsverwöhnte Branche.

Nun sieht sie sich neuer Gefahr ausgesetzt. Die Bundesregierung will mit geringeren Solar-Subventionen die Masse der Verbraucher, die das Geldgeschenk über den Strompreis zu bezahlen haben, entlasten. Heißt: Je nach Standort einer Solaranlage – Dach, Frei- oder Brachfläche – soll die Vergütung für die Einspeisung von Solarstrom in das Netz um bis zu 16 Prozent gesenkt werden. Dagegen hatten sich vor allem die Bundesländer mit großen Solarindustriestandorten wie Sachsen-Anhalt lange gestemmt. Es geht um Arbeitsplätze und sehr viel Geld.

Solaranlagenbesitzer profitieren seit Jahren davon, dass die Module immer preiswerter wurden, die Einspeisevergütung aber auf hohem Niveau verharrte. Renditen von sieben, acht Prozent wirft nicht einmal eine gute Staatsanleihe ab.

Der Urheber der Kürzungspläne, Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), besucht heute "Solar Valley". Das Industriegebiet um Bitterfeld-Wolfen ist das Herz der sachsen-anhaltischen Solarwirtschaft. Röttgen wird seine Haltung verteidigen und wie in den Vorwochen darauf verweisen, dass die Preise für Solarmodule in den vergangenen Jahren im Gegensatz zur konstant gebliebenen Vergütung deutlich gesunken und es deshalb zu einer "Überförderung" gekommen sei, die es zurückzufahren gelte.

Und wie wird an der Basis dem Gast die Lage geschildert werden?

"Die Auftragsbücher haben sich wieder gefüllt"

"Die Auftragsbücher der Solarunternehmen haben sich wieder gefüllt, teils sind die Kapazitäten voll ausgelastet", wird Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU) berichten.

Dafür gibt es zwei Gründe. Die Weltwirtschaft, mithin der Export, zieht wieder an. Und viele Kunden haben sich noch rasch eine Solaranlage aufs Dach gesetzt, um von den alten Fördersätzen profitieren zu können – ein klassischer Vorzieheffekt, der sich nächstes Jahr bemerkbar machen könnte. Dennoch, betont der Minister, "bekommt die Solarindustrie kein existenzielles Problem". Sachsen-Anhalt werde ein wichtiger Produktions- und Forschungsstandort bleiben.

Um im Kostenwettbewerb vor allem mit den Asiaten aber auf Dauer mithalten zu können – Experten gehen von einem jährlichen Preisverfall für Solarprodukte von bis zu 15 Prozent aus – müssten die deutschen Firmen vor allem in die Forschung investieren, um so ihre technologische Marktführerschaft und damit eine hohe eigene Wertschöpfung verteidigen zu können. "Dabei werden wir ihnen helfen", sichert Haseloff nicht nur politische Rückendeckung, sondern auch finanzielle Unterstützung zu.

Das Wirtschaftsministerium erreichen auch viele Anfragen von Firmen, die Solarmodule verbauen und die wissen wollen, wie es mit der Einspeisevergütung perspektivisch weitergeht. "Es ist aber nicht so, dass Projekte generell völlig ausgebucht würden", so Haseloff. Eher würden Größe und Investitionssumme angepasst: "Der Markt ist anpassungsfähiger und biegsamer als man denkt."

Beispiel Q-Cells. Bei einem der größten Solarhersteller der Welt verspürt man eine derzeit anhaltend hohe Nachfrage nach Solarprodukten vor allem aus Deutschland, den USA, Australien, Frankreich, Italien und Indien, bestätigt Unternehmenssprecherin Ina von Spies. Q-Cells könne derzeit die Kapazitäten weitestgehend auslasten und rechne damit, nach der vorjährigen Durststrecke mit einem Milliardenverlust nun wieder im zweiten Quartal schwarze Zahlen im operativen Geschäft schreiben zu können.

Dass deutsche Solartechnik immer noch weltweit Spitze ist, liegt an unserer geografischen Lage und am Wetter. Weil hierzulande die Sonnenscheindauer begrenzt ist, werden in den Unternehmen und Instituten mit Hightech-Technologien Solarzellen entwickelt, die auch aus noch so wenig Licht Strom erzeugen. Werden die Zellen dann beispielsweise im sonnigen Florida verbaut, laufen diese zur Höchstform auf.

In der Debatte um die Kürzung der Solarförderung, die weitergehen wird, fordert von Spies "Planungssicherheit". Q-Cells gehe mit, dass die Förderung von Solarstrom abgesenkt werden könne. Die Frage sei nur, wie tief die Einschnitte seien und ob mit Augenmaß vorgegangen werde. Bis Ende dieses Jahres werde die Förderung innerhalb von nur zwölf Monaten um rund 30 Prozent zurückgefahren sein. "Das ist zuviel", konstatierte von Spies.

"Wir planen derzeit keinen weiteren Stellenabbau"

Trotzdem: Nach dem Ausscheiden von rund 500 Mitarbeitern infolge des unternehmensinternen Sanierungs- und Umbauprogramms "planen wir derzeit keinen weiteren Stellenabbau", sagt von Spies. Q-Cells beschäftigt aktuell 2500 Mitarbeiter.

Nach dem sehr schwierigen Vorjahr zollt die Norddeutsche Landesbank (Nord/LB) der Branche hohe Anerkennung. Insbesondere Q-Cells sei nach der Restrukturierung auf einem guten Weg, sagt Analystin Karin Meibeyer. Mit besseren Kostenstrukturen und einer breiten Produktpalette von der Solarzelle bis zum einbaufertigen Modul habe das Unternehmen an internationaler Wettbewerbsfähigkeit gewonnen.

Das kann man von den deutschen Solarmaschinenbauern längst sagen. Sind die Zell- und Modulhersteller gezwungen, immer preiswerter zu produzieren, um Investoren trotz Förderkürzung die Gewinnspanne zu sichern, brauchen sie dafür effiziente Maschinen, die helfen, Kosten zu senken. Das wiederum füllt die Auftragsbücher der Anlagenlieferanten.

Wie sind nun die weiteren Aussichten? Nach Ansicht der Nord/LB hängt die Entwicklung von mehreren Faktoren hab.

Da ist der Euro. Seitdem die europäische Gemeinschaftswährung schwächelt, können die im Ausland produzierenden Solarzellenanbieter ihre Produkte in Deutschland nicht mehr so günstig anbieten wie zuvor. Die chinesischen Solarfirmen, die Zellen und Module unter anderem wegen kaum vorhandener Umweltauflagen und geringster Personalkosten bis zu 20 Prozent günstiger produzieren als deutsche Hersteller, machen weniger Gewinn. Wollen nun die Asiaten die gewohnte Gewinnmarge retten, müssen sie die Preise anheben, erklärt Analystin Karin Meibeyer. Dies geschehe bereits.

"Für eine Prognose ist es derzeit noch zu früh"

Davon und vor dem Hintergrund des nach wie vor auf dem Markt ziehenden Qualitätssiegels "made in Germany" würden die hiesigen Solarfirmen profitieren. "2010 wird trotz der geplanten Absenkung der Solarstrom-Einspeisevergütung für die einheimischen Hersteller ein recht gutes Jahr", glaubt Meibeyer: "Deutschland bleibt wegen der immer noch für Investoren attraktiven Einspeisevergütung der größte Solarmarkt der Welt. Die Nachfrage ist anhaltend hoch."

Daraus aber schon eine Prognose für das nächste Jahr ableiten zu wollen, sei viel zu früh, warnt die Expertin. "Zum einen wird es darauf ankommen, wie aggressiv chinesische oder amerikanische Anbieter auf der Preisseite agieren werden. Zum anderen wird 2011 die Einspeisevergütung erneut gekürzt." Um wieviel Prozent, darüber entscheidet die in diesem Jahr auf Dächern und Feldern installierte Stromleistung.