Magdeburg l „Meine größte Angst ist es, jemanden zu enttäuschen“, sagt Schaak und lächelt. Seine Augenbrauen nähern sich dabei einander an, Stirnfalten werden sichtbar und seine Mundwinkel gehen nur widerwillig und zaghaft nach oben. Vielleicht ist es Verlegenheit, vielleicht auch einfach nur die Kunst des Akzeptierens. In jedem Fall ist es kein Ausdruck der Freude. Dieses Lachen trägt eine Last. Es ist die Angst, nicht gut genug zu sein, „obwohl ich weiß, dass ich es kann“, sagt der sensible Perfektionist, „aber Zweifel gibt es immer wieder mal“.

Sie waren auch in Imola dabei. „Einige Tage vor dem Rennen habe ich mir so viel Druck gemacht, dass ich extrem gereizt war“, erinnert sich der 27-Jährige, „ich hatte Angst, zu versagen“. Grundlos. Schaak fuhr in Italien das bisher beste Rennen seiner Karriere. Im Trio mit Detlef Schmidt und Nicolas Schöll sicherte er sich ausgerechnet auf der prestigeträchtigen Strecke in Imola, bei einem der bekanntesten Rennen im GT4-Sport, den Sieg.

Den Traum aus der Kindheit erfüllt

Bereits im Qualifying hatte sich abgezeichnet, dass das Allied Racing Team im Porsche Cayman GT4 die beste Fahrer-Kombination zu bieten hat. Doch Schaaks Teamkollege kollidierte kurz vor dem Rennende mit einem anderen Auto. Der Porsche erlitt einen Kühlerschaden, quälte sich mit viel Glück noch vor der Konkurrenz über die Ziellinie, um dann drei Kurven später auseinanderzufallen. „Als mein Teamkollege ins Ziel kam, war es erstmal wie ein normaler Sieg für mich“, sagt Schaak. Erst ein paar Tage später habe er realisiert, dass sich gerade ein Kindheitstraum erfüllt hatte.

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In Halle wuchs Schaak mit einem motorsportbegeisterten Vater auf, der ihn mit acht Jahren zum ersten Mal auf eine Kartbahn mitnahm. Ein Jahr später startete er bereits bei Meisterschaften. Die Ambitionen wurden größer, der Traum vom Leben als Profi-Rennfahrer nahm Formen an. Doch Motorsport ist immer auch das Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Seine Fahrleistung kann Schaak beeinflussen, in welches Auto er steigt, hängt vor allem vom Geld und damit von Sponsoren ab. So nahm der Fußball-Fan Schaak mit 15 Jahren erstmals in einem Formel-Cockpit Platz, doch nur ein Jahr später ging es vom Formel Renault 1.6 zurück auf die Kartbahn. Aus finanziellen Gründen. Bis heute muss Schaak für seine Schäden am Auto selbst aufkommen.

Schaak will nach ganz oben. Das sind die ADAC GT Masters, das ist die GT3-Klasse, das ist die Bundesliga im Gran Tourismo Sport. Und die ist für den sensiblen Perfektionisten aus Wellen längst nicht mehr nur ein Traum. Nachdem Schaak 2015 einen Cockpitplatz im Glacing Racing Team ergattert und in der ADAC Procar überzeugt hatte, lud ihn Attempto Racing zu seinem ersten GT3-Test im Lamborghini ein.

Schaak überzeugte, doch es scheiterte erneut am Budget. Es folgte die bisher schwierigste Saison, „2016 war für mich eine Selbstfindungsphase, ich wusste nicht, wie es weitergeht, hatte viel Pech in der Saison“, sagt Schaak und meint damit vor allem technische Probleme. Im Deutschen Tourenwagen Cup fuhr der gelernte Industriemechaniker lange Zeit um den Titel mit, konnte sich in den entscheidenden Rennen aber nicht auf seinen Mini John Cooper Works verlassen. Bei zehn von 16 Rennen startete Schaak, achtmal kam er aufs Podium, darunter zwei Siege, am Ende wurde er Vierter.

Er wechselte ins Ahrens Racing Team. Doch es folgte ein Jahr ohne Sieg, viel Pech und sein bisher schwerster Unfall im belgischen Spa Francorchamps. Nach einer starken Aufholjagd rammte ihn ein anderer Fahrer, so dass Schaak auf der Fahrbahn stehen blieb. Der Wellener hatte viel Glück und kam mit leichten Prellungen davon. „Die Angst fährt immer mit, natürlich auch bei der Familie und Freunden“, sagt Schaak.

„Als Timo Scheider 2015 den Funkspruch ‚Schieb ihn raus‘ erhielt, brach danach ein richtiger Shitstorm über soziale Netzwerke auf ihn ein. Das will ich vermeiden.“ Hintergrund: Beim Rennen in Spielberg bekam der DTM-Champion die Anweisung von Audi-Motorsportchef Dr. Wolfgang Ulrich einen Unfall in Kauf zu nehmen, um Plätze gutzumachen. Anschließend mussten Scheider und Ulrich üble Beschimpfungen über sich ergehen lassen. Schaak selbst spricht beim Motorsport von „Egoisten auf einer Strecke, die alles tun würden für den Sieg“. Ein Satz, der nichts weiter als die Gesetze im Motorsport zusammenfasst. Es ist aber auch ein Satz, der nur schwer mit dem bodenständigen Rennfahrer aus der Hohen Börde in Einklang zu bringen ist.

Zu Hause in Wellen in der Börde

Denn abseits der Strecke, wenn gerade mal kein Sponsorentermin, keine Testfahrt und kein Renn-Wochenende ansteht, lebt Schaak in Wellen. Der Ortsteil in der Einheitsgemeinde Hohe Börde hat rund 1200 Einwohner. „Hier kräht vielleicht mal ein Hahn, aber das war es dann auch schon“, sagt Schaak schmunzelnd, dem die Nähe zur Familie wichtig ist. Es ist die Rückzugsoase eines Rennfahrers in einem sonst von Tempo und Lärm geprägten Leben. In der Stille wird er nicht bewertet. Die Jagd nach Podestplätzen und ein ansteigender Adrenalinspiegel sind Wortgruppen, die in Wellen fehl am Platz sind. Für einen wie Schaak, der die Sachsen-Anhalt-Flagge immer auf seinem Helm trägt, ist dieser Kontrast wichtig. Sehr wichtig sogar. „In Wellen kann ich abschalten. Wenn ich mal ein oder zwei Wochen nicht zu Hause bin, bekomme ich bereits Heimweh.“

Schaak kann zweifellos als Botschafter Sachsen-Anhalts bezeichnet werden. „Er ist regional verwurzelt, engagiert sich und für ihn spielt die Heimat eine sehr große Rolle“, sagt Pfaff. So wird Schaak bis auf eine Ausnahme ausschließlich von mittelständischen Unternehmen aus der Region unterstützt, „wofür ich unendlich dankbar bin“. Immerhin ist sein Saisonbudget mit dem eines Fußball-Regionalligisten vergleichbar.

Schaak will sein Bundesland international präsentieren, ist stolz auf seine Heimat. „Ich glaube, wenn jeder, egal worum geht, einen kleinen Beitrag leistet, kann daraus etwas Großes entstehen.“ Keine leere Phrase aus dem PR-Handbuch, denn Schaak ist bei Fans so beliebt wie kaum ein anderer Rennfahrer in seiner Klasse.

Engagiert in der Kinderkrebsforschung

So engagiert sich der Profi für die Mitteldeutsche Kinderkrebsforschung und ließ seinen Rennwagen im vergangenen Jahr im Rahmen einer Charity Aktion für den Jugendclub Young Generation in Schönebeck anliefern. „Ich verstehe die Rennfahrer nicht, die sich nach dem Rennen nicht einmal die Zeit nehmen, um kurz mit den Fans zu sprechen oder Autogramme zu geben. Das ist für mich eine Herzenssache.“

Schaaks Bekanntheitsgrad wächst, seine Ziele sind ambitioniert. „Nachdem die vergangene Saison nicht gut verlief, bin ich jetzt wieder hungrig, das Feuer brennt wieder in mir.“ Mit der Entscheidung, 2018 vom Tourenwagen- in den GT-Sport zu wechseln, ist der Wellener viel Risiko eingegangen. „Ich habe lange überlegt, wo der Weg hingehen soll“, erklärt Schaak, „jetzt musste etwas passieren in meiner Karriere“.

Die Belastungen sind im GT-Sport höher, die Autos haben einen Heck- und keinen Frontantrieb und auch sein neues Team besitzt eine andere Mentalität. „Im Ahrens Racing Team war alles sehr familiär, in meinem jetzigen Team geht es vor allem um Erfolge und es ist alles enorm professionell.“ In diesem Jahr will Schaak im Allied Racing Team vor allem Erfahrungen sammeln, „um dann im nächsten Jahr vielleicht eine komplette Saison in der European Series im Porsche GT4 zu fahren“. So sind einzelne Gaststarts, aber auch die Teilnahme beim Porsche Sports Cup in Oschersleben Anfang August geplant.

Mit seinem Sieg in Imola hat Schaak erneut bewiesen, dass die Bundesliga im Motorsport für ihn keine Utopie mehr ist. Angebote von renommierten GT3-Teams gebe es bereits. Unabdingbar sind weitere Sponsoren, „am liebsten hier aus der Region“, betont der Rennfahrer. Pfaff bezeichnet neue Sponsoren gern als „Investoren“, immerhin bekämen diese Firmen auch etwas zurück.

Zum Beispiel die absolute Hingabe eines 27-jährigen Welleners aus der Börde. Er beschreibt seine eigene Prioritätenliste so: „Zuerst kommt der Motorsport, dann gibt es lange Zeit nichts und dann kommt alles andere.“