Oschersleben l Jonas aus der Erzgebirgsstadt Lugau in Sachsen lebte seinen Traum vom Rennsport schon seit früher Kindheit. Das Elternhaus unterstützt ihn gemeinsam mit dem zwei Jahre älteren Bruder Adrian. 2008 gründet die Familie ein „Racing-Team“. 2009 nimmt der neunjährige Jonas zum ersten Mal an einem Pocket-Bike-Rennen teil – die Einstiegsklasse für Kinder in den Motorradrennsport.

Am vergangenen Sonnabend startet der 15-Jährige beim ADAC Junior Cup auf der Rennstrecke der Motorsport­arena Oschersleben. Er darf in dieser Alterklasse eine 38-PS-Maschine fahren, die auf 170 km/h Spitzengeschwindigkeit beschleunigt. Der junge Mann blickt auf sieben Jahre Rennsporterfahrung zurück. Auch wennn seine jugendliche Erscheinung etwas anderes vermuten ließe: Er ist alles andere als ein Anfänger.

Das Unglück passiert kurz nach Beginn auf der Start-Ziel-Geraden. Keine Bodenwellen, kein Kies, kein Berg, keine Kurve – nur 700 Meter langer gerader Asphalt. Ein Fahrer vorn im Feld bremst überraschend Sekunden nach dem Start ab, Jonas stößt mit drei anderen Fahrern zusammen. Er stürzt – und wird von anderen Bikern überrollt.

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Hubschrauber landet kurz nach dem Unfall

Hilfe kommt sofort. „Der Hubschrauber war schon gelandet, bevor der Schwerverletzte im Medical-Center an der Rennstrecke eingetroffen war“, erzählt Thomas Voss, Geschäftsführer der Motorsportarena. Trotzdem kann der Jugendlichen nicht mehr gerettet werden. Jonas H. verstirbt in der Magdeburger Universitätsklinik an seinen schweren inneren Verletzungen.

Vier Tote bei drei Unfällen in fünf Monaten. Voss kann es kaum fassen. „In den 18 Jahren seit Gründung kamen tödlich verlaufende Unfälle nur vereinzelt vor. Und dann jetzt das.“ Ein Ursachenmuster bei den drei Unfällen gibt es nicht.

Im April kommen bei einem privaten Fahrtraining zwei Männer ums Leben, 51 und 61 Jahre alt. Ein Fahrer war plötzlich langsamer geworden, der andere fuhr auf. Im Juni stirbt ein Rennsportler auf seinem Bike ebenfalls bei einem Auffahrunfall auf freier Strecke. Und nun im August wieder ein Auffahrunfall. „Solche Unfälle lassen sich auch mit der besten Sicherheitsvorsorge nicht vermeiden“, so der Rennstreckenchef in Oschersleben.

Kein Hobby-Fahrer länger als 30 Minuten

Sind die Fahrten auf dem 3,6 km langen Rundkurs zu gefährlich für Hobbyfahrer? Voss schüttelt mit dem Kopf. Die etwa 140 Teilnehmer eines solchen Trainings werden je nach Fahrpraxis in Gruppen mit höchstens 40 Teilnehmern eingeteilt. Alle werden von zertifizierten Trainern vorbereitet. „Keiner ist länger als 30 Minuten am Stück unterwegs. Es gibt Streckenposten bei jedem Training. Das Medical-Center ist auch bei Trainingfahrten immer mit mindestens einem Arzt besetzt.“ Am zurückliegenden Sonnabend beim ADAC Junior Cup waren sieben Ärzte rund um die Rennstrecke verteilt.

Etwa 80 Veranstaltungen für Hobby-Rennfahrer und auch Trainingsfahrten gibt es in Oschersleben pro Jahr. Hinzu kommen professionelle Motorrad-Meisterschaftsläufe an acht bis zehn Wochenenden.

In der Motorsportarena wird das Fahrgeschehen mit insgesamt 19 Kameras erfasst. Bei allen Unfällen mit Todesfolge ermitteln die Kriminalpolizei, der Veranstalter und die Rennsportverbände zu den Unfallursachen. „Dabei geht es auch darum, Rückschlüsse für die Zukunft zu ziehen“, sagt Michael Kramp vom Deutschen Motorsportbund. Auch er spricht von einer sehr ungewöhnlichen Unfallhäufung in Oschersleben. „Normalerweise ereignen sich bei insgesamt etwa 400 Meisterschaftsrennen und doppelt so vielen Rennen auf Sportclubbasis pro Jahr bundesweit tödliche Unfälle im niedrigen einstelligen Bereich. Vier Tote auf einer Rennstrecke bei drei Unfällen in so kurzer Zeit habe ich noch nie erlebt“, sagt Michael Kramp.

Tragische Anhäufung von Unfällen

Dies bestätigt auch Uwe Baldes, Sprecher der Rennstrecke Nürburgring in Rheinland-Pfalz. „Ich arbeitete bis vor kurzem bei VW und kenne die Motorsportarena Oschersleben aus dieser Zeit sehr gut“, erzählt er. Die Sicherheitsstandards habe er stets vorbildlich erlebt. Baldes vermutet eine tragische Anhäufung von Unfallereignissen. Auf dem Nürburgring kamen seit 2006 zwei Motorradfahrer ums Leben – einer starb an einem Herzinfarkt.

Die im Vergleich zum öffentlichen Straßenverkehr insgesamt in Deutschland vergleichsweise niedrige Zahl von tödlichen Unfällen im Motorradrennsport sei kein Zufall, sagt Michael Kramp vom Motorsportverband. Die Unfälle seien längst nicht so folgenreich, wie man vermuten könnte. Kramp: „Der Fahrer wird nach einem Crash in der Regel nach außen, also an den Fahrbahnrand in das Kies- oder Sandbett geschleudert. Das Motorrad fliegt weiter von ihm weg, weil es schwerer ist.“ Auffahrunfälle, bei denen die Fahrer Gefahr laufen, auf der Strecke überrollt zu werden, kommen eher selten vor, „sind dann aber häufig sehr folgenreich“.

In Oschersleben geht der Rennbetrieb trotz des tragischen Unfalls weiter. Mitte September ist die Deutsche Tourenwagenmeisterschaft (DTM) zu Gast. Auch der ADAC Junior Cup zieht auf die nächste Rennstrecke. Die Teenager-Fahrer starten in vier Wochen auf dem Hockenheim-Ring. Der Startplatz von Jonas H. bleibt dann leer.