Abiturprüfungen

Rolle rückwärts beim Gymnasium

Bildungsminister Tullner (CDU) will Sachsen-Anhalts Sonderweg beim Abitur beenden. Planungen zur Neustrukturierung der Oberstufe laufen.

Von Hagen Eichler

Magdeburg l Das Vorhaben geht weit über die Erleichterungen hinaus, die Tullner direkt nach seinem Amtsantritt in Aussicht gestellt hatte. Kern ist die Rückkehr zum klassischen Kurssystem, bei dem Oberstufenschüler Fächer in zwei unterschiedlichen Leistungsniveaus belegen können. In Sachsen-Anhalt wurde das unter Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz (CDU) abgeschafft.

Bildungsminister Tullner steht gegenüber der Kultusminister- konferenz (KMK) im Wort, künftig wieder leistungs- differenzierten Unterricht anzubieten. Mitte Juni hatten die 16 Landesminister einen bislang kaum beachteten Beschluss gefasst. Ziel ist es, die Regeln für das Abitur in allen Bundesländern anzugleichen.

Zu den wichtigsten Bestimmungen gehört, dass alle Schüler „zwei bis vier“ Fächer auf erhöhtem Anforderungsniveau belegen sollen. Erstmalig gelten soll das für den Jahrgang, der 2019 in die elfte Klasse kommt, also für die jetzigen Achtklässler und alle jüngeren Schüler.

Die Planungen im Bildungsministerium laufen bereits. Nahezu sämtliche Elemente der Oberstufe sind neu auszutarieren. Das Ministerium muss Lehrpläne aufstellen, zulässige Fächerkombinationen bestimmen, die Zahl der Unterrichtsstunden festsetzen. Die Reform hat auch finanzielle Folgen: Dürfen Schüler zwischen Grund- und Leistungskurs wählen, werden für die zusätzlichen Lehrangebote auch mehr Lehrer benötigt. Schon jetzt aber fehlt in vielen Gymnasien Personal.

Gleichzeitig wirft der KMK-Beschluss die Frage auf, ob Sachsen-Anhalt kleine Gymnasien auf dem Land noch erhalten kann. Sie dürften mit ihren geringen Schülerzahlen Probleme bekommen, ein vielfältiges Kursangebot zu ermöglichen.

Welche Auswirkungen die KMK-Verabredung im Detail hat, steht noch nicht fest. Bildungsminister Tullner spricht auf Volksstimme-Nachfrage von „großen Herausforderungen“. Sachsen-Anhalt werde die Strukturangleichungen „mit der notwendigen Ruhe und Sorgfalt“ angehen. „Es muss und wird der Spagat zwischen dem Erhalt kleinerer Schul-standorte, der Sicherung eines breiten schulischen Angebots sowie der bundesweiten Vergleichbarkeit der Abiturstrukturen gelingen.“

Ursprünglich hatte Tullner lediglich kleinere Änderungen am Abitur angekündigt. Sie sollen durch eine Anpassung der Oberstufenverordnung noch in diesem Jahr in Kraft treten. Dazu gehört, dass die vier schriftlichen Prüfungsfächer nicht mehr für alle gleich festgesetzt sind. Die Prüflinge dürfen künftig aus fünf Fächern vier wählen. So lässt sich etwa die schriftliche Matheprüfung durch eine Fremdsprache oder eine Naturwissenschaft ersetzen. Zudem gehen statt 44 nur noch 36 Halbjahresleistungen ins Abitur ein, die Schüler dürfen also acht schwächere Noten streichen.

Schul-Experten erwarten, dass sich bereits durch diese Änderungen der Abiturdurchschnitt verbessern wird. Wichtiger aber sei, den Unterricht leistungsdifferenziert anzubieten, sagt etwa Ulrich Plaga, Leiter des Dr.-Carl-Hermann-Gymnasiums in Schönebeck (Salzlandkreis).

Vor allem in Mathematik würden durch das bisherige System viele überfordert. „Da sitzt der zukünftige Ingenieur neben dem, der mal Sozialarbeit studieren will“, sagt der Schulleiter, „das funktioniert nicht gut.“