Magdeburg l „Plaste und Elaste aus Schkopau“ – diese meterhohe Leuchtschrift konnte zu DDR-Zeiten kein Autofahrer übersehen, der auf der A 9 bei Vockerode an der Elbebrücke vorbeikam. An Autobahnbrücken und Bahnhöfen war der Werbespruch der Buna-Werke zu lesen. Heute sind die Lettern im Deutschen Historischen Museum in Berlin ausgestellt. Ein Glücksfall, nur ein kleiner Teil der Schriften aus DDR-Zeiten ist erhalten geblieben.

In den ersten Jahren der DDR war an die knallig illuminierten Innenstädte kaum zu denken. Funktionäre hätten die Lichtwerbung der westlichen Metropolen als „Ausgeburt des Kapitalismus“ gegeißelt, schreibt Autor Dietmar Kreutzer in seinem Vorwort zum Bildband „Plaste und Elaste – Leuchtreklame in der DDR“. Nach dem Aufstand am 17. Juni 1953 erfolgte ein Umdenken. Im Wettbewerb der Systeme wollte die DDR ihre Volkswirtschaft in ein möglichst gutes Licht setzen, schreibt Kreutzer.

Walter Ulbricht wollte DDR leuchten sehen

Der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht ordnete die ersten Maßnahmen zur Ausleuchtung der Städte an. Lichtwerbung für die Stalinallee in Berlin, für Theater. Bei einem Messe-rundgang in Leipzig habe Ulbricht zudem nicht gefallen, wie dunkel die Stadt daherkam. Mehr Licht lautete die Devise. Zur nächsten Frühjahrsmesse sollte die Stadt erstrahlen.

Es wurde aufgerüstet. Konsum, HO und Sparkassen erhielten leuchtende Buchstaben. Achtzig großformatige Werbeanlagen und zahllose kleinere Leuchtschriften wurden in der Folge installiert. „Fest steht, dass Leipzig die hellste Stadt unserer Republik ist“, vermeldete 1957 das Fachblatt „Neue Werbung“. Eine zweite Welle aus Werbelichtern rollte 1965 anlässlich des 800. Jahrestages der Stadtgründung an, notiert Kreutzer im Buch.

Stellvertretend für den Aufbruch in puncto Leuchtschrift wird immer auch folgende Geschichte erzählt: Der frühere jugoslawische Präsident Tito sei während eines Staatsbesuchs in den 60er Jahren mit Ulbricht durch Leipzig gefahren und habe angemerkt, die Straßen seien doch ziemlich dunkel. Das konnte Ulbricht nicht auf sich sitzen lassen. Immer mehr Städte rüsteten in den 60er und 70er Jahren auf. Auf alten Aufnahmen sieht man am Magdeburger Hasselbachplatz Leuchtwerbung für den VEB Fahlberg-List. Besonders grell leuchtete es auf dem Nordabschnitt der Karl-Marx-Straße: „Feinschmecker“, „Hans Sachs“, „Blitz-Gastronom“. Auf der Wilhelm-Pieck-Allee pries eine Leuchtschrift „Gesunde Pflanzenkost“.

Wer heute durch ostdeutsche Städte spaziert, muss mit der Lupe nach Zeugnissen der von Ulbricht verordneten Lichtrevolution suchen. In Magdeburg sind die Leuchtschriften aus dieser Zeit verschwunden. Eine Reklame an der Fassade einer früheren HO-Milchbar in Halberstadt zeigt eine fröhliche Kellnerin mit Tablett, auf der Eisbecher und Erfrischungsgetränk serviert werden. Die Lichter sind hier schon seit Jahren erloschen.

Einige wenige Zeugnisse sind in Halle geblieben. Thomas Jost ist Inhaber von Leuchtwerbung Halle. Der 56-Jährige hat von Berufs- wegen ein Faible für die bunten Schriftzüge. Von 1980 bis 1989 hat er im VEB Neontechnik in Halle gearbeitet. In der DDR war der VEB der größte unter den ein Dutzend Herstellern von Lichtreklamen. Eine Außenstelle des VEB gab es unter anderem am Hasselbachplatz in Magdeburg.

Der VEB Neontechnik entwickelte den „Plaste und Elaste“-Schriftzug, war für die Großbuchstaben am Flughafen Schönefeld zuständig. Die Leuchtreklamen für die Minol-Tankstellen, der Schriftzug des Hotels International in Magdeburg und die Sket-Schrift kamen aus dem Betrieb aus Halle. Leuchtreklamen gingen in den gesamten Ostblock, nach Moskau, Budapest oder Prag.

Produktion im VEB in Halle lief auf Hochtoure

Im September hat Jost einen der letzten verbliebenen Schriftzüge in der Innenstadt von Halle gerettet. 2016 bereits musste das traditionsreiche Möbelgeschäft Reinicke & und Andack am Markt aufgeben. Das Haus wird nun saniert, die Neonleuchten drohten auf dem Müll zu landen. Was aus ihnen wird? „Ich hoffe, dass wir sie wieder auf Vordermann bringen können“, sagt Jost. Möglicherweise könnten sie einmal im Stadtmuseum ausgestellt werden, hofft er. Die nach und nach immer greller leuchtende DDR – Jost hat die Entwicklung in Halle teilweise miterlebt. In den 60er Jahren entstand dort in der Klement-Gottwald-Straße (heute Leipziger Straße) eine der ersten Fußgängerzonen der DDR. Sie wurde zum Vorbild für andere Städte.

1974, zum 25. Jahrestag der DDR, wurde die Straße mit individueller Leuchtwerbung gestaltet. Fassaden erstrahlten, der Boulevard erhielt eine einheitliche Werbe- und Lichtkonzeption. Die Produktion im VEB Neontechnik lief auf Hochtouren. Die heute verbliebenen Zeugen würde Jost gern retten. Im Blick hat er einen längst erloschenen Schriftzug an einer Konditorei in Halle. „Sonst ist nicht mehr viel“, klagt er und verweist immer wieder auf Leipzig als eine Art leuchtendes Vorbild. Die berühmte „Löffelfamilie“ steht unter Denkmalschutz und leuchtet heute wieder. Auch sonst seien in der Stadt noch viel mehr Schriften erhalten geblieben, so Jost.

Ein Museum in Berlin, das sich voll und ganz den leuchtenden Schriften widmet, bewahrt bis heute einen besonderen Schatz. Im Buchstabenmuseum im Berliner Hansaviertel lagert der gesamte Nachlass des VEB Neontechnik. „Wir besitzen alle technischen Zeichnungen aus Halle“, sagt Museumsleiterin Barbara Duchant. Im Prinzip könne man auf Grundlage der Pläne alle Leuchtschriften wieder aufleben lassen, sagt sie.

Seit 15 Jahren sammelt das Museum Neonreklamen, Leuchtbuchstaben und Schriftzüge. 2005 gründeten Dechant und Anja Schulze das nach eigenen Angaben erste Museum weltweit, das Typografie aus dem öffentlichen Raum sammelt und als Teil der Stadtgeschichte präsentiert. Über 2500 Exponate gibt es dort auf 1000 Quadratmetern unter sechs S-Bahnbögen zu sehen. Darunter zahlreiche Schriften aus der DDR.

Der geschwungene Schriftzug „Zierfische“ inklusive leuchtender Blubberbläschen ist eines der schönsten Ausstellungsstücke. Er schmückte lange Zeit eine Zoohandlung an der Karl-Marx-Allee in Berlin. Über eine Spendensammlung gelangte die Schrift nach Schließung des Geschäfts in die Hände der Museumsmacher.

Neon ist von LED abgelöst worden

Auch ein Teil der Leuchtschrift vom Hauptbahnhof Ost Berlins (heute Ostbahnhof), wird ausgestellt. Im Museum erhalten geblieben sind auch die Lettern „Hotel“ des früheren Grand Hotels Berlin in der Friedrichstraße.

Derzeit bemüht sich Dechant um die Leuchtschrift des früheren Flughafens Schönefeld. Und wenn die Museumschefin in Berlin und andernorts unterwegs ist, wird selbstverständlich fleißig notiert, wo noch bewahrenswerte Leuchtschriften zu sehen sind. „Wir halten unseren Kopf bei Spaziergängen immer etwas höher als andere", sagt Duchant. Um dort fündig zu werden, wo die Schriftzüge über den Geschäften prangten.

Heute wird im öffentlichen Raum natürlich immer noch mit Leuchtschrift geworben. „Es hat sich aber einiges verändert“, sagt Thomas Jost. Früher bestanden die Grundkörper der Buchstaben aus verzinktem Eisenblech und waren extrem schwer, heute sind sie aus Aluminium. Die Ausleuchtung erfolgt heute über energiesparende LED-Technik, sagt Jost.

Immer mal wieder fragen auch heute noch Architektur-Büros bei Jost die alte Neontechnik an. In der Glasbläserei seines Betriebs kann er sie sogar noch produzieren. Eines freut den Leuchtschrift-Experten: Vor Jahren hat eine Klinik in Halle den Neon-Schriftzug „Poliklinik" aufmöbeln lassen. Nun leuchtet sie wieder – wie in den alten Zeiten.