Wernigerode/Tangermünde l Für Uwe Kraushaar ist es einer dieser Tage im Leben, die schöner kaum sein können. Der 80-Jährige sitzt auf der Dachterrasse des Hotels Am Anger in Wernigerode, die Sonne scheint, und blendet eben nicht. Wenn der Tierarzt aus Radebeul seinen Kopf leicht nach links dreht, blickt er auf das malerische Schloß mit seinen typischen Spitztürmen, das rund 500 Meter Luftlinie entfernt auf einer Anhöhe über der Stadt thront. Ihm gegenüber sitzt seine Frau Eva, vor beiden steht auf dem Holztisch ein üppiges Frühstück.

Es ist Urlaubszeit im Harz und das Ehepaar aus Sachsen ist glücklich. „Wir sind zum dritten Mal in diesem Hotel. Wir verbringen wieder herrliche Ferientage hier, es ist wie immer“, lobt der alte Mann und lächelt. Seine Frau nickt versonnen und nippt am Kaffee. Das ist wohl das größte Kompliment, das er den Gastgebern in dieser Zeit machen kann: „Es ist wie immer.“ Denn die Corona-Pandemie hat die Tourismus-Branche fest im Würgegriff; niemand kann absehen, wie viele Betriebe landesweit wegen der fatalen betriebswirtschaftlichen Auswirkungen der letzten Monate werden schließen müssen.

Das Hotel Am Anger gibt es seit 24 Jahren in Wernigerode, früher ist das Fachwerkhaus von 1874 ein Bauerngehöft gewesen. Kerstin Nagy, die Chefin, hat im Frühstücksraum mit ihrem Team ein sogenanntes Bedien-Buffet gebaut. Auch das hat Corona geschafft: Die Faszination der morgendlichen Selbstbedienung, dieses Überlegen, was denn wohl noch auf den ohnehin schon randvollen Teller sollte und dann auch in den Magen, ad Absurdum zu führen. Denn jetzt steht die Hotel-Mitarbeiterin Stefanie Graul hinter Plexiglasscheiben und erfüllt die Wünsche der Gäste. „Möchten Sie Krustenschinken, Lachsschinken oder Kochschinken?“, fragt sie den verdutzt schauen Gast hinter der Scheibe. Hm, so genau weiß er das noch gar nicht. Eigentlich arbeitet Stefanie Graul als Konditorin im zum Hotel gehörenden Louisen-Cafe. Aber wenn ein Virus die Welt bedroht, ist eben vieles anders. Inzwischen hat die Landesregierung die Bestimmungen abermals gelockert, nun dürfen die Gäste wieder selbst zum Buffet gehen, jedoch nur mit Maske.

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„Solange wir es in zwei Stunden auf den Brocken schaffen, sind wir noch am Leben.“

Uwe Kraushaar (80) aus Radebeul

Tierarzt Uwe Kraushaar frühstückt derweil weiter vergnügt auf der Terrasse. „Heute Abend gehen wir wandern“, verrät der 80-Jährige und erläutert, weshalb ihm das so wichtig ist: „Seit Jahrzehnten treffen wir uns einmal im Jahr hier mit früheren Klassenkameraden. Für uns ist es eine tolle Tradition, gemeinsam auf den Brocken zu gehen. Solange wir das in zwei Stunden schaffen, sind wir noch am Leben“, sagt er und deutet mit dem Zeigefinger auf den weißhaarigen Mann am Nachbartisch. Er ist sein Klassenkamerad, mit dem er 1956 die Fachschule für Landwirtschaft im Harz besucht hat. Inzwischen sind sie nur noch zu zweit. Ein Grund mehr, jeden Augenblick des Lebens auf der Sonnenterrasse zu genießen.

Dass Corona auch ein Wellness-Killer ist, wird knapp fünf Kilometer entfernt deutlich, im Hasseröder Ferienpark. Hier, im Südwesten von Wernigerode, sind das Brockenbad und die 105 Meter lange Wasserrutsche fast leer. Auch im Hexenkessel, der Saunawelt der Ferienanlage, ist nahezu nichts los. „Es ist ein harter Kampf für uns“, sagt Hoteldirektorin Kristin Dormann leise. Insgesamt 145 Ferienhäuser gibt es auf der Anlage, 680 Gäste finden Platz. Am 16. März ist der gesamte Betrieb wegen Corona in die Knie gegangen, im April herrschte Nullbetrieb. Ein gefühlsleerer Begriff für den Supergau im Tourismus: Keine Gäste, leere Zimmer, leere Kassen. „Es gibt Abende, an denen bleibt dir das Herz stehen“, sagt die Hotelchefin. Abstand, Bestimmungen, Eindämmung, Regeln: „All das ist vernünftig und richtig und wichtig“, sagt sie. Und für Gäste ist es eben nicht leicht, in einer solche Atmosphäre unbeschwert zu sein.

Die Tür geht auf und ein altes Paar möchte hereinkommen. „Bitte nur einzeln eintreten!“, ruft die Frau an der Rezeption. „Wir würden gerne bei Ihnen schwimmen“, sagt der Mann, der kein Hausgast ist.

„Es gibt Abende, an denen bleibt dir das Herz stehen.“

Kristin Dormann (35) aus Wernigerode

„Das geht dann leider nicht", sagt die Frau und deutet eine Geste der Entschuldigung an. Wieder ein Einnahmeausfall. Die gute Nachricht lautet: Die Buchungszahlen steigen.

Wie unbeschwert und leicht sich Urlaub trotz der Pandemie anfühlen kann, spüren auch die Gäste im Hotel Schloss Tangermünde. „Wir haben spontan gebucht“, erzählt Martina Seelig aus Borna bei Leipzig. Sie steht mit einem flauschigen Bademantel und bordeauxfarbenen Badeschlappen bekleidet im Wellnessbereich des Hotels. Ihre Belohnung nach einer anstrengenden Etappe auf der Radtour von der Müritz in Mecklenburg-Vorpommern bis nach Sachsen-Anhalt ist eine ausgiebige Massage. Dass zeitgleich nur acht Gäste in das Schwimmbad dürfen, stört sie nicht. Auch sie freut sich, hier sein zu können.

Die Tagesdecken und die Zierkissen fehlen, in den Zimmern sind die Minibars leergeräumt. Sei‘s drum, sagen die Gäste. „Wir rappeln uns gerade von null wieder auf“, ergänzt Hotelchefin Melanie Busse. Auf der Hotel-Terrasse hoch über der Stelle, an der sich Elbe und Tanger vereinen, unmittelbar neben der historischen Stadtmauer, sitzen sechs Gäste. Wenn die Windräder nicht im ausgedehnten Jerichower Land stünden, wäre es genau der Blick, den schon Kaiser Karl IV. im Jahr 1373 von dieser Stelle aus hatte: Am Horizont ragen die beiden Türme des Klosters Jerichow in den Himmel. Dazu genießen die Touristen Milchkaffee und Kirschstreusel. Das Leben ist schön. Trotz Corona.