Eggersdorf l „Huch, schon wieder welche?“ Holger Sieglitz aus Eggersdorf im Salzlandkreis hat einen Briefumschlag vor sich liegen. Unfrankiert, ohne Absender oder Empfänger. „Das passiert öfter“, sagt er. Mit einem breiten Grinsen greift er zum Brieföffner. „Ach wie schön, den habe ich noch nicht.“ Aus dem Kuvert purzeln etwa zehn weitere Kugelschreiber auf seinen Bürotisch. Mit Argusaugen begutachtet der 53-Jährige die bunten Schreiber. Kein Wunder, Holger Stieglitz sammelt seit 1990 Kugelschreiber und hat mittlerweile 16.000 dieser Allzweckstifte.

Die Geschichte des Kugelschreibers ist eine Erfolgsgeschichte. Bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts schrieben die Menschen noch mit Federn. Tintenflecken auf Hemden oder Papier gehörten zum lästigen Übel. Der Füllfederhalter löste die kratzigen Schreibfedern schließlich ab. Das Nachfüllen von Tinte aber blieb. Ein Löschpapier gehörte für Schreiber noch zur Grundausstattung – ebenso wie die blauen Finger hinterher. Damit wollte sich der ungarische Journalist László József Bíró nicht abfinden. Seine Idee: Eine Tinte aus flüssigen und festen Bestandteilen mischen und in eine Mine füllen.

Am Ende der Mine befindet sich eine bewegliche Kugel, die sowohl die Farbe abgibt als auch aufnimmt. Das technische Prinzip hat sich bis heute nicht geändert. 1938 ließ der ungarische Erfinder den Stift patentieren – die Geburtsstunde des Kugelschreibers.

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Noch nie Geld für einen Stift bezahlt

Holger Sieglitz holt einen kleinen Gefrierbeutel mit Kugelschreibern hervor. Die habe man ihm kürzlich ans Hoftor gehangen. Auf einem kleinen Zettel steht: „Viel Spaß damit.“ Seine Bekannten bringen ihm immer ein paar Exemplare mit. Wichtig: „Das sind alles nur ‚Werbekugelschreiber‘.“ Denn Geld hat der 53-Jährige noch nie für einen der Stifte bezahlt. „Die werden erfragt und getauscht“, erklärt er. Beispielsweise in Gaststätten, wo der Eggersdorfer die Kellner um ihre Stifte bittet. „Das machen die auch meistens.“ Ein paar zum Tauschen hat er daher immer dabei.

Auch auf Messen und Veranstaltungen wird der Sachsen-Anhalter fündig. Nicht selten kommt er dann mit 50 Schreibern heim. Besonders ist ihm die Begegnung mit einem Polizisten während einer Pkw-Kontrolle im Gedächtnis geblieben. „Der Polizist hatte mein Warndreieck im Blick – ich seinen Schreiber“, erinnert er sich. Nach etwas Zögern fragte er schließlich nach dem Allzweckschreiber. „Er war erst etwas skeptisch, dann hatte er aber mit mir getauscht.“

Mutter archiviert die Kugelschreiber

Holger Sieglitz sammelt alle Fabrikate. Wobei ihm Modelle aus Metall besser gefallen, die seien hochwertiger. „Besonders sind natürlich auch die Stifte im Etui“, sagt er und zeigt stolz einen Holz-Kuli im passenden Etui. Highlight seiner Sammlung ist aber ein Kugelschreiber der Fußball-Europameisterschaft 1996. Da fuhr er mit Reiner Calmund und dem ehemaligen FCM-Spieler Uwe Rößler im Fahrstuhl und hat damit das perfekte Erinnerungsstück. Einzig die Kugelschreiber aus der ehemaligen DDR fehlen dem 53-Jährigen in seiner Sammlung. Bestenfalls mit Werbung von den volkseigenen Betrieben.

Selbst seine Mutter ist der Sammelleidenschaft verfallen und archiviert die Stifte. Das ist auch gut so, einen genauen Überblick hat er selbst nämlich nicht. „Da kümmere ich mich drum, wenn ich Rentner bin.“ Bis dahin sammelt Holger Sieglitz weiter und füllt seine Kisten auf dem Dachboden.